Oppositionspolitikerin

„Ich fürchte, Belarus wird Teil Russlands“: Kolesnikowa fordert EU-Gespräche mit Lukaschenko

Die freigelassene Oppositionelle Maria Kolesnikowa warnt vor wachsendem Einfluss Moskaus in Belarus. Die EU müsse deshalb Kommunikationskanäle zu Machthaber Alexander Lukaschenko öffnen.

Berlin: Die belarussische Bürgerrechtlerin und Flötistin Maria Kolesnikowa
Berlin: Die belarussische Bürgerrechtlerin und Flötistin Maria KolesnikowaJens Kalaene/dpa

Die belarussische Oppositionsfigur Maria Kolesnikowa hat Europa zu begrenzten diplomatischen Kontakten mit Machthaber Alexander Lukaschenko aufgerufen. Ohne Kommunikation drohe Belarus weiter in die Abhängigkeit Russlands zu geraten, sagte sie dem Onlineportal Kyiv Independent. „Ich habe nur vor einer Sache Angst – dass Belarus Teil Russlands wird“, sagte Kolesnikowa. Dann könne das Land „für Jahre, für Jahrzehnte“ aus dem europäischen Raum herausfallen.

Kolesnikowa gehörte zu den zentralen Figuren der Massenproteste gegen Lukaschenko im Jahr 2020. Nach der umstrittenen Präsidentenwahl und der gewaltsamen Niederschlagung der Demonstrationen wurde sie festgenommen und später zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Im Dezember kam sie gemeinsam mit mehr als 100 weiteren Gefangenen frei. Beobachter führen ihre Freilassung auch auf diplomatischen Druck aus den Vereinigten Staaten zurück.

Streit über den Umgang mit Lukaschenko

Ihr Appell an Europa sorgt auch innerhalb der belarussischen Opposition für Diskussionen. Während die im Exil lebende Oppositionsführerin Swjatlana Tichanowskaja weiterhin auf internationale Isolation Lukaschenkos setzt, plädiert Kolesnikowa dafür, zumindest Kommunikationskanäle zu öffnen.

Dies bedeute keine politische Annäherung, betonte sie. „Das bedeutet keine Unterstützung und keine Freundschaft“, sagte Kolesnikowa. Ziel müsse es sein, Wege zu finden, politische Gefangene freizubekommen und die Repression zu verringern.

Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen sitzen weiterhin mehr als 1100 politische Gefangene in Belarus ein.

Kolesnikowa begründet ihren Vorstoß auch mit ihren Erfahrungen im Gefängnis. Dort habe sie Frauen getroffen, die seit Jahren in Haft sitzen oder schwer krank seien. „Ich denke an Frauen, die fünf Jahre im Gefängnis verbracht haben, oder an Menschen über siebzig, die noch zehn Jahre vor sich haben“, sagte sie dem Portal. Ihr Ziel sei es nun vor allem, Aufmerksamkeit für diese Gefangenen zu schaffen und ihre Freilassung zu erreichen.

US-Gespräche mit Minsk zeigen Wirkung

Als Beispiel für mögliche Wirkung diplomatischer Kontakte verwies sie auf Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Minsk. Nach mehreren Besuchen von US-Delegationen seien Gefangene freigelassen worden. Insgesamt wurden laut Bericht mehr als 300 Menschen entlassen oder begnadigt, während weiterhin über 1100 politische Gefangene in Haft sitzen.

Selbst symbolische Gesten könnten Wirkung zeigen, sagte Kolesnikowa. So sei im Gefängnis wiederholt ein Beitrag von US-Präsident Donald Trump im Netzwerk Truth Social im Fernsehen gezeigt worden, in dem er nach einem Telefonat mit Lukaschenko von einem „wunderbaren Gespräch“ sprach. Für Lukaschenko sei das ein Zeichen internationaler Anerkennung gewesen. „Aber als Ergebnis wurden Menschen freigelassen“, sagte Kolesnikowa.

Zugleich sieht sie ihr Land zunehmend in Russlands Einflussbereich geraten. Lukaschenko habe Belarus zum Komplizen im russischen Krieg gegen die Ukraine gemacht, sagte sie. Verantwortlich dafür sei die Führung in Minsk, nicht die Bevölkerung.

Russlands Militärpräsenz in Belarus

Russland habe unter anderem Mittelstreckenraketen vom Typ Oreschnik in Belarus stationiert. Zudem gebe es nach ukrainischen Angaben technische Einrichtungen auf belarussischem Gebiet, die russische Drohnenangriffe gegen Ziele in der Ukraine unterstützen.

Eine vorsichtige Annäherung Europas an Minsk könne dazu beitragen, die Abhängigkeit von Moskau zu verringern, argumentiert Kolesnikowa. Reaktionen aus Russland zeigten ihrer Ansicht nach bereits, dass solche Schritte im Kreml aufmerksam verfolgt würden.

Langfristig gehe es auch um die gesellschaftliche Orientierung des Landes. Wenn junge Belarussen nicht mehr in Städten wie Vilnius, Warschau oder Berlin studieren könnten, würden sie ihre Ausbildung in Russland suchen. Dann drohe eine Generation heranzuwachsen, die kaum noch Verbindungen nach Europa habe. „Das ist meine größte Sorge“, sagte Kolesnikowa. „Dass Belarus für Europa verloren geht.“

Die Musikerin lebt inzwischen in Berlin. Dort trat die 43-Jährige erstmals wieder öffentlich auf. Im April will sie im Berliner Kulturzentrum Radialsystem im Stück „#freemaria“ auftreten. Dabei werde sie Flöte spielen und „viel über Freiheit sprechen“.