Singapur ersetzt ausgefallene Lieferungen aus dem Nahen Osten zunehmend durch russisches Öl. Das geht aus einem Bericht der Financial Times unter Berufung auf Daten des Analysehauses Vortexa hervor. Auslöser ist demnach der anhaltende Krieg im Iran, der die globalen Energiemärkte erschüttert. Singapur betreibt den weltweit größten Hafen für Schiffsbetankung und gilt nach Shanghai als Hafen mit dem zweitgrößten Containerumschlag der Welt.
Nach Daten von Vortexa stiegen die Importe russischen Heizöls in Singapur nach Kriegsbeginn sprunghaft an. Die im April nach Singapur gelieferte Menge übertraf bereits mehr als das Doppelte des monatlichen Durchschnitts von 2025. Die April-Ankünfte aus Russland steuerten laut Vortexa damit auf einen Rekordwert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2016 zu.
Während die Lieferungen aus der Golfregion nach Singapur im März und April auf zusammen 336.000 Barrel pro Tag fielen – nach 522.000 im Januar und Februar –, stiegen die russischen Lieferungen im selben Zeitraum von 372.000 auf 585.000 Barrel pro Tag. Laut dem Schifffahrtsdatenanbieter Veson Nautical liefen in diesem Jahr rund 20 russische Tanker Ankerplätze im Umfeld Singapurs an, darunter mehrere von EU- und US-Sanktionen erfasste Schiffe. Im Vorjahreszeitraum waren es fünf.
Der Konflikt und die Blockade der Straße von Hormus haben die Energiepreise weltweit nach oben getrieben und zu Engpässen bei Kerosin und Bunkerkraftstoff – dem Treibstoff für Schiffe – geführt. Die Ölpreise fielen zwar von ihren Höchstständen von rund 110 Dollar je Barrel Anfang April, lagen am Donnerstag laut Financial Times aber noch bei etwa 106 Dollar für die Sorte Brent.
Singapur erhebt keine Sanktionen gegen russisches Öl
Russisches Heizöl unterliegt nach Regeln der G7 und der EU Sanktionen und darf von diesen Staaten nicht importiert werden. Ein Handel ist jedoch möglich, sofern ein Preisdeckel von 45 Dollar je Barrel eingehalten wird, wenn westliche Schifffahrtsdienste genutzt werden. Die USA haben Sanktionen für seegestütztes russisches Öl vorübergehend ausgesetzt, um den Preisanstieg zu bremsen. Singapur selbst hat keine eigenen Sanktionen gegen russische Ölprodukte verhängt.
Weltweit würden Lieferungen in den Stadtstaat zudem vemehrt umgeleitet, da Singapur mehr für Heizöl zahle als andere Regionen, erklärte die Analystin Paola Rodriguez-Masiu von Rystad Energy gegenüber der Financial Times. „Europa ist ziemlich exponiert, weil Singapur preislich mehr zahlt, sodass die wenigen verfügbaren Lieferungen wahrscheinlich dorthin gehen“, sagte sie. „Wir haben die Auswirkungen bisher noch nicht wirklich gespürt, aber es ist fast unvermeidlich, dass es in den nächsten Wochen zu Problemen bei der Verfügbarkeit kommen wird.“
Auch der Schiffsverkehr durch Singapur insgesamt nimmt dem Bericht zufolge zu, weil Schiffe den Nahen Osten meiden. Laut BloombergNEF stiegen die Schiffsanläufe im März um sieben Prozent gegenüber dem Vormonat und um knapp 15 Prozent im Jahresvergleich. Gleichzeitig sanken die Heizölbestände in Singapur in den vergangenen zwei Wochen um etwa elf Prozent.


