Die israelische Marine hat in der Nacht zum Donnerstag begonnen, eine Aktivistenflotte auf dem Weg in den Gazastreifen abzufangen. Nach Angaben der Organisatoren und israelischer Behörden wurden bis zum Morgen 21 der insgesamt 58 Schiffe der sogenannten Global Sumud Flotilla gestoppt und rund 175 Aktivistinnen und Aktivisten festgesetzt. Das berichten die israelische Zeitung The Times of Israel und die Nachrichtenagentur Associated Press übereinstimmend.
Trackingdaten zufolge befanden sich die Boote zum Zeitpunkt des Zugriffs nahe der griechischen Insel Kreta – mehr als 1000 Kilometer beziehungsweise über 600 Seemeilen von Gaza entfernt. Bei früheren Versuchen, die israelische Seeblockade zu durchbrechen, hatte die Marine die Schiffe deutlich näher an der Küste des Gazastreifens gestoppt. Die Flotte hätte den Küstenstreifen nach Angaben der Organisatoren am Wochenende erreichen sollen.
In einem von den Organisatoren veröffentlichten Video ist ein israelischer Marineoffizier zu hören, der die Aktivisten zur Kursänderung auffordert. „Wenn Sie humanitäre Hilfe nach Gaza bringen wollen, können Sie dafür etablierte und anerkannte Kanäle nutzen“, sagte der Offizier laut den Aufnahmen. Die Marine bot an, Schiffe mit Hilfsgütern in den israelischen Hafen Aschdod zu lotsen. Dort solle die Ladung kontrolliert und anschließend möglicherweise nach Gaza weitergeleitet werden. Schiffe, die ihren Kurs fortsetzten, würden ebenfalls gestoppt.
This is the “medical aid” found aboard the PR stunt flotilla: condoms and drugs pic.twitter.com/RKiHrGLWfw
— Israel Foreign Ministry (@IsraelMFA) April 29, 2026
Aktivisten sprechen von „gewaltsamem Überfall“
Die Global Sumud Flotilla erklärte, sie sei in internationalen Gewässern Ziel eines „gewaltsamen Überfalls“ geworden. Israelische Kräfte hätten Motoren zerstört und Navigationssysteme unbrauchbar gemacht, ehe sie sich zurückzogen und „Hunderte Zivilisten auf manövrierunfähigen Schiffen direkt im Pfad eines herannahenden Sturms“ zurückließen.
Auch die Kommunikation mehrerer Boote sei gestört worden, hieß es in einer Mitteilung der Gruppe. Die Organisatoren bezeichneten den Einsatz als „gefährliche und beispiellose Eskalation“ und sprachen von einer „Verschleppung von Zivilisten mitten im Mittelmeer“.
Das israelische Außenministerium veröffentlichte seinerseits ein Video, das nach eigenen Angaben „Kondome und Drogen“ an Bord eines abgefangenen Schiffes zeigen soll. In einem späteren Beitrag auf der Plattform X bezeichnete das Ministerium die Gruppe als „Kondom-Flotte“ und erklärte, die Aktivisten würden „friedlich“ nach Israel gebracht.
Die Flotte war Mitte des Monats von Barcelona aus aufgebrochen. Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich mehr als 70 Boote und über 1000 Menschen aus verschiedenen Ländern an der Aktion. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Gruppe – damals unter Beteiligung der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg – einen ähnlichen Versuch unternommen, der von Israel gestoppt wurde. Die Teilnehmer wurden damals festgenommen, inhaftiert und später abgeschoben. Aktivisten warfen den israelischen Behörden Misshandlungen vor, was Israel zurückwies.
Approximately 175 activists from more than 20 boats of the condom flotilla are now making their way peacefully to Israel.
— Israel Foreign Ministry (@IsraelMFA) April 30, 2026
In the video: the activists enjoying themselves aboard Israeli vessels pic.twitter.com/0sz8kDpKLX
Türkei spricht von Völkerrechtsbruch
Die türkische Regierung verurteilte das Vorgehen Israels als „Akt der Piraterie“. Indem Israel die Global Sumud Flotilla ins Visier genommen habe, deren Ziel es sei, auf die humanitäre Lage in Gaza aufmerksam zu machen, habe das Land „humanitäre Prinzipien und das Völkerrecht verletzt“, erklärte das türkische Außenministerium.
Der türkische Außenminister Hakan Fidan habe den Einsatz telefonisch mit seinem spanischen Amtskollegen José Manuel Albares besprochen, teilte Ministeriumssprecher Oncu Keceli auf X mit.
In Athen kündigten Aktivisten eine Protestkundgebung vor dem griechischen Außenministerium an. Sie verwiesen darauf, dass das Abfangen innerhalb jener Seezone erfolgt sei, für die Griechenland bei Such- und Rettungseinsätzen zuständig ist. Die griechische Küstenwache habe nicht reagiert.
Bereits am Mittwoch hatte Israels Verteidigungsminister Israel Katz Sanktionen gegen eine Crowdfunding-Kampagne der Flotte verhängt. Diese werde „von der Terrororganisation Hamas in Zusammenarbeit mit weiteren internationalen Organisationen unter dem Deckmantel einer humanitären Hilfsflotte organisiert“, erklärte Katz. Die Maßnahme solle potenzielle Spender abschrecken. Welche praktischen Folgen die Sanktionen haben, blieb zunächst offen.
Streit um die Blockade des Gazastreifens
Israel und Ägypten haben den Gazastreifen seit der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Jahr 2007 in unterschiedlichem Ausmaß abgeriegelt. Israel begründet die Seeblockade damit, Waffenschmuggel der Hamas verhindern zu wollen – eine Position, die seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 mit rund 1200 Toten in Israel erneut bekräftigt wird.
Kritiker werfen Israel dagegen vor, die Blockade komme einer Kollektivbestrafung der rund zwei Millionen Bewohner Gazas gleich.
Nach Angaben des von der Hamas geführten Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seit Beginn des Krieges 72.300 Palästinenser getötet. Trotz einer seit sechs Monaten geltenden brüchigen Waffenruhe seien weitere mehr als 790 Menschen durch israelische Angriffe ums Leben gekommen. Die Zahlen gelten bei UN-Organisationen und unabhängigen Experten grundsätzlich als plausibel. Das Ministerium unterscheidet jedoch nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern.
Israelische Behörden haben frühere Flottenversuche wiederholt als medienwirksame Aktionen bezeichnet und erklärt, die mitgeführten Hilfsgüter seien lediglich symbolisch gewesen. Die israelische Regierung versichert, ausreichend Hilfe gelange in den Gazastreifen. Hilfsorganisationen widersprechen dieser Darstellung.


