Der europäische Flughafenverband ACI Europe hat die EU-Kommission vor einem drohenden systemischen Kerosinmangel gewarnt. Sollte die Straße von Hormus nicht innerhalb der nächsten drei Wochen wieder in nennenswertem Umfang für den Schiffsverkehr geöffnet werden, werde eine flächendeckende Versorgungskrise bei Flugzeugtreibstoff in der EU zur Realität, heißt es in einem Schreiben an EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas, das der Financial Times vorliegen soll.
„Die Reserven an Kerosin gehen zur Neige, während die Auswirkungen militärischer Aktivitäten auf die Nachfrage die Versorgung zusätzlich belasten“, schrieb der Verband dem Bericht zufolge. Besonders besorgniserregend sei der nahende Beginn der Sommerreisesaison, in der der Flugverkehr das gesamte Tourismus-Ökosystem antreibe, auf das viele EU-Volkswirtschaften angewiesen seien.
ACI Europe fordert in dem Brief eine EU-weite Überwachung der Kerosinproduktion und -verfügbarkeit. Bislang gebe es keinerlei gesamteuropäische Erfassung oder Bestandsaufnahme der Treibstoffversorgung. Ein Versorgungsengpass würde den Flughafenbetrieb und die Luftverkehrsanbindung schwer beeinträchtigen – mit dem Risiko harter wirtschaftlicher Folgen für betroffene Regionen und ganz Europa.
Preise verdoppelt, erste Einschränkungen bereits spürbar
Durch die Straße von Hormus wurden vor dem Konflikt rund 40 Prozent des weltweiten Kerosins transportiert. Laut Goldman Sachs fließen derzeit nur noch acht Prozent des üblichen Volumens durch die Meerenge. Der Referenzpreis für Kerosin in Nordwesteuropa lag am Donnerstag laut der Preisagentur Argus Media bei 1573 US-Dollar pro Tonne – mehr als doppelt so viel wie vor dem Iran-Konflikt.
In Italien mussten am vergangenen Wochenende vier Flughäfen den Kerosinverbrauch einschränken, nachdem es bei einem wichtigen Zulieferer zu Störungen gekommen war. Asiatische Länder wie Vietnam haben bereits eine Rationierung von Flugzeugtreibstoff eingeführt.
Europäische Fluggesellschaften erklärten zwar, für mehrere Wochen ausreichend versorgt zu sein. Lieferanten könnten jedoch keine Zusagen für Lieferungen bis in den Mai hinein geben.
Fluggesellschaften streichen Verbindungen und erhöhen Preise
Die gestiegenen Treibstoffkosten zwingen Airlines bereits zu Einschnitten. Delta Air Lines kündigte an, seine Kapazität um 3,5 Prozent zu reduzieren und rechnet allein zwischen April und Juni mit zusätzlichen Treibstoffkosten von zwei Milliarden US-Dollar. Air New Zealand hat ebenfalls Flüge gestrichen, und die polnische Airline Lot kürzt weniger nachgefragte Verbindungen und plant Preiserhöhungen.
Willie Walsh, Generaldirektor des Weltluftfahrtverbands IATA, warnte laut Reuters, dass es selbst bei einer Wiedereröffnung der Meerenge Monate dauern werde, bis sich die Versorgungslage normalisiere – unter anderem wegen der Schäden an Raffineriekapazitäten im Nahen Osten. Laut JPMorgan wurden seit Beginn des Konflikts Ende Februar rund 50 Infrastrukturanlagen im Golf durch Drohnen- und Raketenangriffe beschädigt. Etwa 2,4 Millionen Barrel pro Tag an Raffineriekapazität seien stillgelegt worden.
Die von Pakistan vermittelte zweiwöchige Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran ließ zwar die Ölterminpreise einbrechen, brachte aber bislang keine Entspannung auf dem physischen Markt. Der Preis für Nordsee-Rohöl der Sorte Forties Blend stieg laut Financial Times auf knapp 147 US-Dollar pro Barrel – ein historischer Höchststand.


