Grenzüberwachung

EU-Grenzen erfassen nun biometrisch – am Ärmelkanal verzögert sich das EES weiter

Die EU erfasst an den Außengrenzen der 29 teilnehmenden Staaten biometrische Daten von Nicht-EU-Bürgern, doch die Kontrollen am Ärmelkanal verzögern sich weiter.

Zufahrt zum Eurotunnel-Terminal in Folkestone: An den Ärmelkanal-Übergängen verzögert sich die vollständige Einführung des EES weiter.
Zufahrt zum Eurotunnel-Terminal in Folkestone: An den Ärmelkanal-Übergängen verzögert sich die vollständige Einführung des EES weiter.Manngold/imago

Das biometrische Entry/Exit-System (EES) der EU ist seit Freitag an den Außengrenzen aller 29 teilnehmenden Staaten voll in Betrieb. Einreisen, Ausreisen und Zurückweisungen von Nicht-EU-Bürgern werden nun digital erfasst, wie die EU-Kommission mitteilte. Das gilt für Aufenthalte von bis zu 90 Tagen innerhalb von 180 Tagen.

Bei der Einreise speichert eine zentrale Datenbank Gesichtsbild und Fingerabdrücke. Der bisherige Passstempel entfällt. Seit dem Stichtag kann die biometrische Erfassung bei langen Warteschlangen nicht mehr vollständig ausgesetzt werden.

Ganz reibungslos lief der Start nicht: Am portugiesischen Flughafen Faro staute sich laut der Tageszeitung Diário de Notícias der Grenzverkehr am Freitagmorgen so stark, dass Reisende rund eine Stunde warten mussten.

Frankreich liefert Technik nicht an Dover und Eurotunnel

An den wichtigsten Ärmelkanal-Übergängen läuft das System allerdings für die meisten Passagiere noch nicht vollständig. Wie der Guardian berichtete, haben Frankreichs Behörden die Technik zur Erfassung biometrischer Daten weder dem Hafen Dover noch dem Eurotunnel-Betreiber Getlink zur Verfügung gestellt. Passagiere auf Eurotunnel-Zügen, Kanalfähren und Eurostar-Verbindungen werden deshalb weiterhin mit herkömmlichen Passstempeln kontrolliert.

Ein Eurotunnel-Sprecher sagte dem Guardian, für Kunden ändere sich vorerst nichts. Lediglich Lkw-Fahrer, Busreisende und Fußpassagiere auf Fähren durchlaufen die EES-Kontrollen, weil französische Grenzbeamte diese Gruppen bereits seit November erfassen.

Getlink, der Betreiber des Eurotunnels, hat nach eigenen Angaben mindestens 60 Millionen Pfund, umgerechnet rund 68,9 Millionen Euro, in Terminals in Folkestone und im französischen Coquelles investiert. Eurostar, der Betreiber der Schnellzüge durch den Kanaltunnel, gab rund zehn Millionen Pfund für automatisierte Terminals am Londoner Bahnhof St Pancras aus – die Geräte bleiben versiegelt. Der Hafen Dover erklärte, er warte darauf, dass die technischen Probleme auf französischer Seite gelöst werden.

Flughäfen melden lange Wartezeiten

Bereits während der schrittweisen Einführung seit Oktober 2025 kam es laut Medienberichten an Flughäfen wie Frankfurt und München sowie am Hafen von Dover zu technischen Störungen und langen Warteschlangen. Der Flughafenverband ACI Europe und der Airline-Verband A4E erklärten in einer gemeinsamen Stellungnahme, Wartezeiten von bis zu zwei Stunden in Stoßzeiten seien inzwischen üblich.

Beide Verbände forderten die EU-Kommission auf, Grenzbeamten über die gesamte Sommersaison 2026 die vollständige Aussetzung der EES-Kontrollen zu erlauben. Ryanair-Chef Michael O'Leary berichtete laut Guardian von bis zu vier Stunden Wartezeit an manchen Flughäfen und forderte eine Verschiebung auf Oktober.

Laut EU-Kommission wurde seit Oktober 2025 mehr als 24.000 Personen die Einreise verweigert. Über 600 Personen seien als Sicherheitsrisiko eingestuft worden.

Kritiker warnen vor weitergehender Überwachung

Die Organisation AlgorithmWatch hatte bereits im Februar gewarnt, dass die EU weit über das EES hinaus an biometrischen Grenztechnologien arbeite. AlgorithmWatch kritisiert vor allem sogenannte „Biometrics on the move“-Systeme, die Gesichter, Irismuster, Fingerabdrücke und Gangmuster kontaktlos und aus der Distanz erfassen sollen.

Die EU fördere solche Systeme nach Angaben von AlgorithmWatch seit fast zwei Jahrzehnten mit Hunderten Millionen Euro. Eine Übersicht des US-Forschungszentrums für Identifikationstechnologien aus dem Jahr 2022 stuft sie als frühestens in sechs bis 15 Jahren einsatzbereit ein. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex räumte im selben Jahr ein, dass zentrale Komponenten wie Gang- oder Iriserkennung aus der Distanz fehleranfällig seien.

Das EU-Forschungsprojekt PROTECT kam bereits 2018 zu dem Ergebnis, dass biometrische Kontrollen in Bewegung unter geltendem EU-Recht „höchstwahrscheinlich illegal“ wären. Der Forscher Matija Kontak von der Universität Zagreb kritisierte 2024, Frontex habe keine rechtliche Bewertung möglicher Grundrechtsverletzungen vorgenommen.

Gegenüber AlgorithmWatch erklärte Frontex, keine Berichte zu den Ergebnissen eines gemeinsamen Pilotprojekts mit dem portugiesischen Grenzdienst SEF am Flughafen Lissabon aus dem Jahr 2019 zu besitzen. Frontex-Chef Hans Leijtens hatte bei seinem Amtsantritt 2023 gegenüber Euronews angekündigt, die Behörde werde „durch volle Transparenz Vertrauen wiederherstellen“.