Großbritannien und neun weitere europäische Staaten wollen eine gemeinsame maritime Eingreiftruppe aufbauen, um auf wachsende Spannungen mit Russland zu reagieren. Das kündigte der Chef der Royal Navy, Admiral Gwyn Jenkins, laut dem britischen Guardian an.
Die neue Seestreitkraft soll innerhalb der Joint Expeditionary Force (JEF) entstehen, einem militärischen Bündnis unter Führung Großbritanniens. Zu den Mitgliedern gehören neben dem Vereinigten Königreich die Niederlande, die fünf nordischen Staaten Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Island sowie Estland, Lettland und Litauen.
Jenkins erklärte, die zehn Staaten hätten vergangene Woche eine Absichtserklärung zur Schaffung einer „multinationalen maritimen Streitkraft“ unterzeichnet. Diese solle als „Ergänzung zur Nato“ dienen. Ziel sei es, gemeinsame Einsätze vorzubereiten und im Ernstfall sofort kampfbereit zu sein. „Russland bleibt die größte Bedrohung für unsere Sicherheit“, sagte Jenkins laut Guardian. Die russischen Vorstöße in britische Gewässer hätten in den vergangenen zwei Jahren um fast ein Drittel zugenommen. Großbritannien habe im Norden faktisch eine „offene Seegrenze zu Russland“.

Zusammenarbeit ohne die USA
Auffällig ist, dass die geplante Streitkraft dem Bericht zufolge ohne Beteiligung der USA aufgebaut werden soll. Hintergrund sind wachsende Spannungen zwischen Washington und europäischen Verbündeten. US-Präsident Donald Trump hatte Großbritannien zuletzt wiederholt kritisiert und der Royal Navy mangelnde Unterstützung im Krieg gegen den Iran vorgeworfen. Britische Flugzeugträger bezeichnete Trump dem Bericht zufolge als „Spielzeug“.
Auch beim Umgang mit der Straße von Hormus liegen Washington und europäische Staaten inzwischen auseinander. Die USA drängen auf ein aggressiveres Vorgehen zur Öffnung der wichtigen Schifffahrtsroute. Großbritannien und Frankreich favorisieren dagegen defensive Schutzmissionen nach dem Ende des Konflikts.
Die neue Seestreitkraft könnte im Ernstfall vom britischen Militärhauptquartier Northwood bei London aus geführt werden. Jenkins betonte, die Einheiten sollten nicht nur gemeinsam trainieren, sondern über „echte Fähigkeiten, echte Einsatzpläne und echte Integration“ verfügen.
Sorge vor russischer Schattenflotte
Die Initiative erfolgt vor dem Hintergrund wachsender Spannungen mit Russland in Nord- und Ostsee. Erst vor wenigen Wochen erklärte die britische Regierung, russische Spionage-U-Boote seien bei mutmaßlichen Überwachungsmissionen nahe kritischer Unterwasserinfrastruktur rund um Großbritannien entdeckt worden.
Zugleich wächst der Druck auf London wegen der sogenannten russischen Schattenflotte. Trotz britischer Drohungen, sanktionierte Tanker festzusetzen, seien laut Guardian seit März fast 100 russlandnahe Öltanker durch britische Gewässer gefahren.
Jenkins kündigte zudem an, dass die Royal Navy in den kommenden zwei Jahren erstmals größere unbemannte Begleitschiffe gemeinsam mit Kriegsschiffen einsetzen wolle. Die Marine versucht damit, ihre Schlagkraft trotz knapper Budgets auszubauen.
Die Ankündigung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem europäische Nato-Staaten ihre Verteidigung zunehmend eigenständiger organisieren. Kanada erwägt laut Guardian ebenfalls einen Beitritt zur Joint Expeditionary Force.



