Energiemarkt

Rekord-Ölexporte: Plötzlicher Tanker-Ansturm macht USA zum Notversorger der Welt

Ein Ansturm von Tankern auf die USA zeigt die Verschiebung auf dem Ölmarkt. Wegen der blockierten Straße von Hormus suchen vor allem asiatische Länder Ersatz für ausgefallene Lieferungen.

Tanker fahren in den Hafen von New York ein.
Tanker fahren in den Hafen von New York ein.Rüdiger Wölk/imago

Die USA stehen vor einem historischen Anstieg ihrer Ölexporte. Nach einem Bericht der Financial Times könnten die Ausfuhren im April auf rund 5,2 Millionen Barrel pro Tag steigen – ein Plus von fast einem Drittel gegenüber März.

Treiber ist vor allem die Nachfrage aus Asien. Länder wie China, Japan und Südkorea suchen dringend Ersatz für ausbleibende Öl-Lieferungen aus dem Nahen Osten, die durch den Krieg gegen den Iran weitgehend ausgefallen sind. Daten des Analysehauses Kpler zufolge dürfte die Nachfrage aus Asien um mehr als 80 Prozent auf etwa 2,5 Millionen Barrel pro Tag steigen.

„Armada“ von Tankern steuert US-Häfen an

Die Verschiebung zeigt sich deutlich auf den Weltmeeren. Derzeit sind nach Daten von Kpler 68 leere Tanker auf dem Weg in die USA, um dort Öl zu laden. Vor Kriegsbeginn waren es lediglich 24, im Jahresdurchschnitt etwa 27. Ein Analyst sprach laut der Financial Times von einer regelrechten „Armada“ an Schiffen, die amerikanische Häfen ansteuert.

Hintergrund ist die Lage im Persischen Golf. Die Straße von Hormus, durch die normalerweise rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls transportiert wird, ist seit Beginn der Kämpfe zwischen den USA, Israel und dem Iran stark eingeschränkt oder zeitweise vollständig blockiert.

Besonders betroffen ist Asien: Rund 80 Prozent der Öl- und Gaslieferungen, die zuletzt durch die Meerenge transportiert wurden, gingen laut der Financial Times an China und seine Nachbarländer.

Fragile Waffenruhe – Unsicherheit bleibt

Zwar gilt derzeit eine auf zwei Wochen angelegte Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran, doch die Lage bleibt instabil. Teheran hatte Berichten zufolge zuletzt die Straße von Hormus erneut geschlossen, nachdem Israel Ziele im Libanon angegriffen hatte.

Gleichzeitig mehren sich Hinweise, dass iranische Einheiten während der Kämpfe Seeminen in der Region verlegt haben könnten. Das erhöht die Risiken für die Schifffahrt zusätzlich und verzögert eine Rückkehr zur Normalität.

Preise steigen – politischer Druck auf Trump wächst

Der Iran-Krieg hat die Ölpreise deutlich nach oben getrieben. US-Rohöl der Sorte WTI stieg zeitweise auf über 110 US-Dollar pro Barrel – der höchste Stand seit vier Jahren, wie die Financial Times berichtet. Trotz der Waffenruhe bleibt das Niveau deutlich erhöht.

Auch in den USA selbst macht sich der Preisanstieg bemerkbar. Benzin kostet erstmals seit Jahren wieder mehr als vier US-Dollar pro Gallone, Diesel nähert sich Rekordwerten. Laut einer Umfrage des Pew Research Center sorgen sich rund 70 Prozent der Amerikaner über die steigenden Energiepreise. Das wird zunehmend zum politischen Problem für US-Präsident Donald Trump, der im Wahlkampf sinkende Energiekosten versprochen hatte.

Strategische Reserven – mit Nebenwirkungen

Die US-Regierung hat bereits reagiert und mehr als 170 Millionen Barrel aus der strategischen Ölreserve freigegeben. Zudem wurden Umweltauflagen gelockert, um die Produktion zu erhöhen. Experten warnen jedoch vor Nebenwirkungen. Niedrigere Preise in den USA könnten amerikanisches Öl für ausländische Käufer noch attraktiver machen – und damit die Exporte weiter anheizen, statt den heimischen Markt zu entlasten.

Die Freigaben aus der Reserve sind zudem begrenzt. Sie liegen bei etwa 1 bis 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Gleichzeitig sind durch den Krieg schätzungsweise 10 bis 15 Millionen Barrel täglicher Förderung aus der Golfregion ausgefallen.

Rolle Venezuelas stärkt Exportdynamik

Zusätzlichen Schub erhalten die US-Exporte aber durch steigende Importe aus Venezuela. Wie Branchenanalysten laut der Financial Times erklären, gelangt dadurch mehr schweres Rohöl in amerikanische Raffinerien, während leichteres US-Schieferöl für den Export frei wird.

US-Raffinerien sind traditionell auf schwere Rohölsorten aus Ländern wie Venezuela oder Kanada ausgelegt. Der verstärkte Zufluss venezolanischen Öls – nach politischen Umbrüchen und neuen Vereinbarungen zwischen Washington und Caracas – verschiebt daher die Handelsströme spürbar.

Tatsächlich sind die Importe venezolanischen Rohöls in die USA zuletzt deutlich gestiegen. Daten und Handelsberichte zeigen, dass Lieferungen Anfang 2026 wieder aufgenommen wurden und zeitweise mehrere hunderttausend Barrel pro Tag erreichten.

Debatte über Exportstopp gewinnt an Fahrt

Mit den steigenden Preisen wächst auch der politische Druck in den USA. Laut der Financial Times fordern einzelne Abgeordnete bereits ein Exportverbot, um die Preise im Inland zu stabilisieren. So kündigte der demokratische Kongressabgeordnete Brad Sherman an, ein Gesetz einzubringen, das Ölexporte während des Iran-Kriegs einschränken soll. Ziel sei es, die Energiepreise für Verbraucher zu dämpfen.

Die Regierung lehnt ein Exportverbot bislang ab. Analysten warnen dem Bericht zufolge, ein solcher Schritt könnte die Raffinerien treffen und die Produktion drosseln. Gleichzeitig gilt ein Kurswechsel nicht als ausgeschlossen, sollte der Preisdruck weiter steigen – insbesondere mit Blick auf die anstehenden Zwischenwahlen.

Verschiebung auf dem Weltmarkt

Der Krieg gegen den Iran hat den Ölmarkt spürbar verändert. Die USA übernehmen zunehmend die Rolle eines Ausweichlieferanten für Länder, die ihre Energieversorgung kurzfristig neu organisieren müssen. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern, auf die sich die Financial Times bezieht, unterstreicht der Exportboom die wachsende Bedeutung der USA als flexibler Anbieter auf dem Weltmarkt. Gleichzeitig verschärft die starke Nachfrage aus Asien den Wettbewerb um verfügbare Mengen – mit direkten Auswirkungen auf Preise und Inflation.

Ob dieser Trend anhält, hängt vor allem von der Lage im Persischen Golf ab. Solange die Straße von Hormus nicht dauerhaft gesichert ist, dürfte die Nachfrage nach amerikanischem Öl hoch bleiben.