Linksextremismus

Seit 15 Jahren Anschläge der Vulkangruppe in Berlin: Sind sie zu schlau, sind wir zu dumm

Ungestört verüben Linksextremisten seit 15 Jahren Anschläge auf die Infrastruktur. Nach dem Stromausfall im Südwesten Berlins ist die Politik offenbar aufgewacht.

Im Mai 2013 zündeten Linksextremisten zwischen Wannsee und Westkreuz einen Kabelschacht an.
Im Mai 2013 zündeten Linksextremisten zwischen Wannsee und Westkreuz einen Kabelschacht an.Stephanie Pilick/dpa

Der Name, mit dem sie den Bekennerbrief unterschrieben, klang lustig: „Das Grollen des Eyjafjallajökull“. Das ist ein Vulkan in Island, der im Jahr 2010 den Flugverkehr in Europa und Amerika zum Erliegen brachte. Im Mai 2011 hatten Linksextremisten eine leicht erreichbare Kabelbrücke am Bahnhof Ostkreuz angezündet. Die Folge waren schwere Störungen im Zugverkehr und ein Ausfall von Mobilfunk und Internet.

Fünf Monate später gab es einen Brandanschlag auf eine Bahnstrecke bei Berlin. Auf einer linksradikalen Internetseite bekannte sich dazu ein „Hekla-Empfangskomitee – Initiative für mehr gesellschaftliche Eruptionen“. Hekla, das ist ebenfalls der Name eines isländischen Vulkans. Die Namenswahl soll suggerieren, dass Linksextremisten Humor haben. Doch diese Leute haben keinen Humor. Sie meinen es ernst. Todernst. Ihr jüngster Brandanschlag auf die Berliner Stromversorgung kostete in Zehlendorf mindestens ein Menschenleben.

Seit nunmehr 15 Jahren verüben Linksextremisten in Berlin und Brandenburg Brandanschläge auf Bahnanlagen und die Stromversorgung. Ihre Bekennerschreiben sind unterzeichnet mit „Vulkangruppe“. Im Mai 2013 zündeten sie unter anderem einen Kabelschacht zwischen den S-Bahn-Stationen Wannsee und Westkreuz an, was ein Bahnchaos nach sich zog. Ihr Selbstbezichtigungsschreiben unterzeichneten sie mit „Vulkan Grimsvötn“.

Ein Anschlag auf Kabel folgte 2018 an der Mörschbrücke in Charlottenburg, wodurch 6500 Haushalte und 400 Betriebe im Dunkeln saßen („Vulkangruppe NetzHerrschaft zerreißen“), oder auch 2019 in Karlshorst auf Stromkabel der Bahn und Telefonkabel („Vulkangruppe OK“). 2020 traf es einen Kabelschacht am Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik („Vulkangruppe shut down the power“).

Richter lässt zwei Verdächtige laufen

So ging es immer weiter. Mehrmals traf es das Unternehmen Tesla. Im Mai 2021 brannten bei Grünheide Stromkabel, und im März 2024 stand erneut ein Strommast in Flammen. Die Produktion bei Tesla ruhte mehrere Tage, zehntausende Menschen in Brandenburg und Berlin-Köpenick saßen plötzlich im Dunkeln. Und im vergangenen September legten die Täter Feuer an einem Strommast am Königsheideweg in Baumschulenweg. 50.000 Haushalte waren plötzlich ohne Strom.

Tesla, Königsheideweg und jetzt Steglitz-Zehlendorf – jedes Mal war die Vorgehensweise gleich: Um die Kabel legten die Täter Stahlketten, dann zündeten sie die Kabel an. Nachdem die Isolierung geschmolzen war, kam es zum Kurzschluss. Jedes Mal bekannte sich eine Vulkangruppe, und jedes Mal entkamen die Täter. Bis heute konnten die Sicherheitsbehörden niemanden dingfest machen. Wie kann das sein?

Nach einem Brandanschlag auf einen Strommast am Königsheideweg im September warengroße Teile von Köpenick, Johannistal, Altglienicke und Niederschöneweise ohne Strom.
Nach einem Brandanschlag auf einen Strommast am Königsheideweg im September warengroße Teile von Köpenick, Johannistal, Altglienicke und Niederschöneweise ohne Strom.Pressefoto Wagner

Zum einen sind die Täter Meister darin, Spuren zu vermeiden, die zu ihnen führen. Entsprechende Handlungsanleitungen kursieren als Handbücher im Internet. Zum anderen hielt sich wohl auch der Ermittlungsdruck in Grenzen, weil die Politik die Gefahr, die von linksextremistischer Gewalt ausgeht, unterschätzt. Erst nach dem jüngsten Anschlag auf das Berliner Stromnetz stieg der Ermittlungsdruck. Die Behörden klassifizieren den Anschlag nicht mehr nur als linksextremistische Brandstiftung.

„Das ist Terrorismus“, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der zugleich den Verdacht, dass die Sicherheitsbehörden auf dem linken Auge blind seien, zurückweist: „Jeder Extremismus ist gleich schlimm und jeder Extremismus ist klar zu bekämpfen. Wir werden genau schauen, was hier getrieben wird und welche schweren Straftaten hier begangen werden.“ Im Gegensatz zu früheren Anschlägen übernahm hier auch die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen, und das Bundeskriminalamt stieg ein.

Kleine Gruppen – gescheiterte „Anquatschversuche“

Zwar ist im vergangenen Jahr laut Verfassungsschutz das linksextremistische Personenpotenzial in Berlin auf etwa 3800 Personen leicht angewachsen. Allerdings verlieren klassische Akteure wie die Autonomen an Bedeutung. Die gewaltorientierte linksextremistische Szene, zu der 600 Personen gezählt werden, stagniert seit einigen Jahren. „Teile der gewaltorientierten linksextremistischen Szene reagierten auf eine selbst konstatierte Stagnation mit einer zunehmenden Radikalisierung und betätigten sich verstärkt in klandestinen Kleinstgruppen“, heißt es im aktuellen Berliner Verfassungsschutzbericht. „So begingen ‚Öko-An­archisten‘ Brandanschläge unter anderem auf kritische Infrastruktur und forderten zur Nachahmung auf.“

In ebenjenen Kleingruppen wird es für den Verfassungsschutz und auch den polizeilichen Staatsschutz immer schwerer, Informanten zu gewinnen, geschweige denn verdeckte Ermittler einzuschleusen. Auch das nennen Ermittler als einen Grund dafür, warum es so schwer sei, Täter zu ermitteln. Und gelegentlich macht die Szene einen „gescheiterten Anquatschversuch“ öffentlich.

Im Februar 2023 glaubten Polizei und Staatsanwaltschaft, zwei Täter gefasst zu haben. Auf den S-Bahn-Gleisen bei Adlershof erwischten Bundespolizisten einen 31-jährigen Mann und eine 32-jährige Frau. In der Nähe fanden die Beamten einen Kanister mit Benzin und einen Rucksack mit Kleidung – offenbar zum schnellen Wechseln nach der Tat. Auch eingeschaltete Funkgeräte hatte das Paar dabei, das offenbar in Kontakt mit einer dritten, unbekannten Person stand.

Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass die beiden gerade einen Brandanschlag verüben wollten. Daniel K. aus Schwedt und Eva H. aus Rendsburg waren der Polizei als Linksextremisten bekannt, wegen schweren Landfriedensbruchs, öffentlicher Aufforderung zu Straftaten, Gefangenenbefreiung, und Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen sie, doch ein Richter am Amtsgericht Tiergarten sprach die beiden frei. Ihm war die Beweislage zu dünn. Die Staatsanwaltschaft legte keinen Widerspruch gegen das Urteil ein.

Was der „sprachliche Fingerabdruck“ über die Täter sagt

Also wird weiter gefahndet. Nach dem jüngsten Stromanschlag in Berlin, der sich gegen das Gaskraftwerk Steglitz richten sollte, sicherten Kriminaltechniker zahlreiche Spuren: Fußabdrücke im Schnee, Fingerabdrücke, DNA, Rückstände von Brandbeschleuniger. In dem mehr als 1500 Wörter langen Bekennerschreiben, das übertitelt war mit „Neujahrsgrüße 2026 Nur Mut!“, bewiesen die Autoren ihr Täterwissen: Sie schrieben, dass sie die Kabel „zur Seite der Grünanlagen hin in Brand gesetzt“ hätten. „Wir haben die angeschmorten Kabelstränge mit herumliegenden Stahlstangen zusätzlich kurzgeschlossen.“ Unter anderem daraus schließen LKA und BKA, dass das Schreiben authentisch ist.

Die Bekennerschreiben zu anderen Brandanschlägen ähneln sich in ihrem verschwurbelten Stil, dem Auf­bau und ihren inhaltlichen Aussagen, sodass Polizei und Verfassungsschutz davon ausgehen, dass es sich zum Teil um dieselben Autoren handelt. Analysiert wird der „sprachliche Fingerabdruck“ in den Texten von Sprachprofilern der Polizei. Auch der Verfasser der „NSU 2.0“-Drohschreiben wurde 2021 unter anderem anhand seines Schreibstils überführt. Der 53-Jährige aus Berlin-Gesundbrunnen hatte Politiker, Prominente und Anwälte mit Naziparolen beleidigt und mit dem Tod gedroht. Weil er sich auch in Chats eines rechten Portals äußerte, kamen ihm Experten des Bundeskriminalamtes auf die Spur. Sie stellten eine hohe Übereinstimmung der Merkmale in den Drohschreiben und den Äußerungen des Mannes im Internet fest.

Polizei stehen an dem beschädigten Strommast in Spreenhagen.
Polizei stehen an dem beschädigten Strommast in Spreenhagen.Sebastian Gollnow/dpa

Im Fall der Vulkangruppen deutet ein Strategiepapier aus dem Jahr 2015 auf eine feste Struktur hin. Bezugnahmen auf ein in Szenekreisen bekanntes Pamphlet sprechen nach Angaben der Berliner Behörde dafür, dass sie ideologisch dem anarchistischen Spektrum der linksextremistischen Szene zuzuordnen sind. „Ein Vergleich der Taterläu­terungen zeigt, dass es auch thematisch eine große Schnitt­menge zwischen den Begründungskontexten mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten gibt: Zerstörung der Erde und Greenwashing100 bei ‚Öko-Anarchismus‘, grundlegen­de Kritik an Kapitalismus, Militarisierung, Überwachung (…)“, erläutert der Berliner Verfassungsschutz in seinem Bericht.

Vulkangruppe distanziert sich von Vulkangruppe

Dass die linke Szene zerstritten ist, ist allgemein bekannt. So kam es jetzt zu der skurrilen Situation, dass sich die Vulkangruppe ein zweites Mal auf der Webseite knack.news wegen des Anschlags zu Wort meldete. Die Autoren empörten sich darüber, dass es Stimmen gibt, die den Anschlag auf die Stromversorgung im Berliner Südwesten den Russen zuschreiben wollen. „Weil vieles bewusst missverstanden oder verzerrt wurde“, schreiben sie ziemlich eingeschnappt. „Zu den kursierenden Unterstellungen einer angeblichen ‚False-Flag-Aktion‘ eines ausländischen Staates sagen wir klar: Diese Spekulationen sind nichts weiter als der Versuch, die eigene Ohnmacht zu kaschieren. Dass Menschen hier vor Ort in der Lage sind, Infrastruktur anzugreifen, passt nicht ins Sicherheitsnarrativ von Politik und Behörden.“

In einem dritten Schreiben, das in der Nacht zu Donnerstag nur wenige Stunden online war und mit „Statement einer Vulkangruppe“ übertitelt war, heißt es: „Es gibt ebenso wenig ‚die Vulkangruppe‘ wie es ‚die Antifa‘ gibt. Es ist mittlerweile eine Bewegung.“

Die Geister, die sie 2011 riefen, haben sich längst selbstständig gemacht. Und weil sie offenbar kalte Füße bekommen haben und spüren, dass sich diesmal – möglicherweise – ein größerer Verfolgungsdruck aufbaut, meldeten sich auf dem linksextremen Portal Indymedia noch weitere Vulkanier zu Wort, die man vielleicht als „erste Generation“ bezeichnen könnte. Die Autoren, die ebenfalls mit „Vulkangruppe“ unterschrieben, behaupten, dass sie sich von den Aktionen distanzieren würden, die in ihrem Namen begangen wurden. „Die Texte und Aktionen der letzten Jahre stammen nicht von uns.“ Das klingt nach Angst, morgens um sechs Uhr Besuch von der Polizei zu bekommen.