Machtkampf

Polizei-Einsatz und Job-Angst: Die Lage bei Tesla in Grünheide eskaliert

Beschlagnahmter Laptop, verfehlte Ziele, brisante Wasserverträge:  Warum die Gigafactory für Elon Musk und die Landesregierung zunehmend zum Reputationsrisiko wird.

Produktion von Elektrofahrzeugen  im Werk der Tesla Gigafactory Berlin-Brandenburg
Produktion von Elektrofahrzeugen im Werk der Tesla Gigafactory Berlin-BrandenburgPatrick Pleul/dpa

Zwei Wochen im Februar offenbaren tiefe Risse im einstigen Brandenburger Vorzeigeprojekt. Während die Produktion stockt und die Zahl der Beschäftigten sinkt, eskaliert der Machtkampf mit der IG Metall. Gleichzeitig bringt die Debatte um Wasserverträge alte und neue Konflikte an die Oberfläche.

Wirtschaftliche Talfahrt und Rabattschlachten

Das Narrativ vom unaufhaltsamen Wachstum der Tesla-Fabrik hat deutliche Risse bekommen. Die Belegschaft in Grünheide ist in den vergangenen zwei Jahren von über 12.400 auf 10.703 Mitarbeiter geschrumpft. Einen heimlichen Abbau der Stammbelegschaft bestreitet das Unternehmen jedoch und verweist zur Erklärung der Rückgänge vielmehr auf den Wegfall von Leiharbeit sowie natürliche Schwankungen. Auch die internen Produktionsziele werden klar verfehlt: Im Jahr 2024 liefen statt der anvisierten 287.000 Fahrzeuge nur gut 211.235 vom Band.

Das Unternehmen reagiert auf das schwierige Marktumfeld und die erstarkte Konkurrenz – Volkswagen hat Tesla bei den Neuzulassungen batterieelektrischer Fahrzeuge in Europa mittlerweile überholt – mit massiven Verkaufsförderungen. So lockt der Autobauer derzeit in Deutschland beim Model Y mit einem Tesla Bonus von 3.000 Euro sowie einer Null-Prozent-Finanzierung, um die drängenden Überkapazitäten abzubauen und den Absatz anzukurbeln.

Eskalation im Werk: Der Laptop-Skandal

Wie groß der Druck im Kessel tatsächlich ist, zeigt sich an einem beispiellosen Arbeitskampf, der im Vorfeld der richtungsweisenden Betriebsratswahlen Anfang März mit zunehmend harten Bandagen geführt wird. Die IG Metall, die die Arbeitsbedingungen in der Fabrik immer wieder als „reinen Knochenjob“ kritisiert und mit einem Zehn-Punkte-Plan massiv auf mehr Personal sowie strengeren Gesundheitsschutz drängt, steht der Werksleitung inzwischen in offener Konfrontation gegenüber. Der Konflikt hat die üblichen Verhandlungstische längst verlassen und sich zu einer handfesten juristischen Auseinandersetzung ausgewachsen.

Ihren vorläufigen, geradezu filmreifen Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung am 10. Februar während einer Sitzung des Betriebsrates. Das turnusmäßige Treffen endete abrupt in einem Eklat, als Werksleiter André Thierig plötzliche und schwere Vorwürfe gegen einen anwesenden Sekretär der IG Metall erhob. Der Vorwurf: Der Gewerkschafter habe die vertraulichen Beratungen des Gremiums heimlich und unzulässig mitgeschnitten.

Anstatt diesen internen Disput hinter verschlossenen Türen zu klären, wählte die Werkleitung den Weg der maximalen Eskalation und alarmierte umgehend die Polizei. Wenig später rückten tatsächlich Beamte auf dem Werksgelände in Grünheide an, schritten in die Sitzung ein und stellten das Notebook des Gewerkschafters zur behördlichen Datensicherung sicher. Es ist ein polizeilicher Eingriff, der in der bundesdeutschen Mitbestimmungslandschaft eine absolute Ausnahmeerscheinung darstellen dürfte und tief blicken lässt.

Die Reaktion der Arbeitnehmervertreter auf diesen beispiellosen Vorgang ließ nicht lange auf sich warten. Die IG Metall wies die Anschuldigungen umgehend und kategorisch als gezielte Schmutzkampagne zurück. Die Aktion diene offensichtlich nur dem Zweck, die Gewerkschaft kurz vor den entscheidenden Wahlen im Werk strategisch zu diskreditieren und einzuschüchtern. Man beließ es jedoch nicht bei verbaler Empörung, sondern ging umgehend in die juristische Gegenoffensive: Die Gewerkschaft erstattete formell Strafanzeige wegen übler Nachrede gegen den Werksleiter.

Das Vorgehen hat nun handfeste Konsequenzen für die Tesla-Spitze in Brandenburg, denn infolge der Anzeige hat die zuständige Staatsanwaltschaft in Frankfurt an der Oder mittlerweile offizielle Ermittlungen gegen Thierig aufgenommen. Das Tischtuch zwischen dem Management und der IG Metall scheint damit bis auf Weiteres endgültig zerschnitten zu sein.

André Thierig steht in Grünheide unter massivem Druck. Neben stockender Produktion und Stellenabbau sieht sich der Werksleiter mit strafrechtlichen Ermittlungen nach einem heftigen Streit mit der IG Metall konfrontiert.
André Thierig steht in Grünheide unter massivem Druck. Neben stockender Produktion und Stellenabbau sieht sich der Werksleiter mit strafrechtlichen Ermittlungen nach einem heftigen Streit mit der IG Metall konfrontiert.Sebastian Gollnow/dpa

Nacht-Rodungen und die Wasserfrage

Auch außerhalb des Werks brodelt es gewaltig. Ungeachtet der unausgelasteten Produktion ließ Tesla Mitte Februar im Schutz der Dunkelheit und unter massiver Polizeipräsenz weitere Waldflächen für geplante Erweiterungen roden, wie Umweltinitiativen übereinstimmend berichten.

Parallel dazu droht der Dauerstreit um das Wasser neu zu eskalieren. Dabei geht es um die geplante Anpassung vertraglicher Grenzwerte, da sich das Abwasserprofil des Werks verändert hat und Stoffe wie Stickstoff und Phosphor wiederholt zum Thema wurden. Am 25. Februar tritt die Verbandsversammlung des Wasserverbandes Strausberg-Erkner zusammen.

Umweltinitiativen fordern im Vorfeld mehr Transparenz und erwarten, dass in der Sitzung auch über Anpassungen im Tesla-Vertrag beraten wird. Organisationen wie das Bündnis „Tesla den Hahn abdrehen“ laufen Sturm gegen mögliche neue Vereinbarungen und planen für März bereits neue Großproteste, darunter eine Fahrradtour zum Weltwassertag am 22. März.

Potsdam in der Kritik

Die komplexen Konflikte in Grünheide sind schon länger ein Reputationsrisiko für die Brandenburger Landesregierung und wecken Erinnerungen an vergangene Kontroversen. Bereits im März 2023 sorgte ein unabgestimmter Brief von Ministerpräsident Dietmar Woidke an Elon Musk für Aufsehen, in dem er dem Konzern Unterstützung bei der Lösung der heiklen Wasser- und Energiefragen zusicherte.

Überbracht wurde das Schreiben damals von Wirtschaftsminister Jörg Steinbach während einer USA-Reise. Dass Steinbach sich in Texas im Tesla-T-Shirt ablichten ließ und die Konzernmanager öffentlich als Freunde bezeichnete, sorgte im Potsdamer Landtag parteiübergreifend für scharfe Kritik. Linken-Fraktionschef Sebastian Walter warf dem Minister seinerzeit vor, sich zum Werbeträger degradiert und die verlangte politische Objektivität verloren zu haben.

Die aktuellen Spannungen zeigen, dass die politische Gratwanderung zwischen Wirtschaftsförderung und kritischer Distanz in Brandenburg weiterhin ein sensibles Thema bleibt.