Streik

Ein Flughafen im Leerlauf: Wie der BER einen Tag lang stillsteht

Flugzeuge bleiben am Boden, die Hallen sind still. Der BER wirkt einen Tag wie zu Corona-Zeiten. Was macht das mit denen, die trotzdem arbeiten müssen?

Ein Bäcker ohne Warteschlange
Ein Bäcker ohne WarteschlangeAndré Beinke/Berliner Zeitung

Punkt 10.15 Uhr reißt der Streik den BER noch einmal aus seiner Stille. Verdi-Beschäftigte ziehen mit Fahnen und Trillerpfeifen durch das Terminal, fahren die Rolltreppen zu den Abflugschaltern hinauf und machen Krach für mehr Geld. Es ist der lauteste Moment dieses Tages. Kurz darauf kippt die Szene wieder ins Gegenteil: Stille. Keine regulären Flüge, kaum Reisende, wenig Kundschaft. Zurück bleiben Beschäftigte, die nicht streiken, ihre Läden geöffnet haben – und nun in einem Flughafen arbeiten, der plötzlich wieder wirkt wie zu Corona-Zeiten.

Bestreikt wurde nicht der gesamte Flughafen, sondern die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg mit ihren rund 2000 Beschäftigten – darunter Flughafenfeuerwehr, Verkehrsleitung, Terminalmanagement und technische Bereiche. Ohne sie sei kein sicherer Flugbetrieb möglich, sagt Flughafensprecherin Sabine Deckwerth. Die Sicherheitskontrollen wurden nicht bestreikt, weil sie von externen Dienstleistern übernommen werden. Auch das Be- und Entladen der Flugzeuge liegt nicht bei der Betreiberin.

Hinter dem Ausstand steht ein Tarifkonflikt. Verdi wirft den Arbeitgebern eine Blockadehaltung vor. Nach Angaben der Gewerkschaft sieht das bisherige Angebot von März bis Juni 2026 gar keine Erhöhung vor, danach stufenweise nur 1, 1,5 und später noch einmal 1 Prozent bis Ende 2028. Verdi spricht von Reallohnverlusten und fordert 6 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 250 Euro. Bis zu 450 Beschäftigte hätten sich am Warnstreik beteiligt. Weitere Streiks schließt die Gewerkschaft nicht aus.

Für heute waren am BER ursprünglich rund 57.000 Passagiere eingeplant. Nach Angaben des Flughafens wurde der Warnstreik am Montag nach der Verdi-Ankündigung an Airlines, Bodenverkehrsdienstleister, Sicherheitsunternehmen und Gewerbebetriebe kommuniziert. Viele Reisende seien daraufhin von ihren Airlines über Umbuchungen und Alternativen informiert worden. Für morgen rechnet der BER mit rund 77.000 Passagieren.

Papa Kevin mit Ehefrau Annabell und Sohn Jonas
Papa Kevin mit Ehefrau Annabell und Sohn JonasAndré Beinke / Berliner Zeitung

Ein Flughafen als Wartesaal

Im Zeitschriftenladen am Eingang hat an diesem Tag vor allem die Stille freie Bahn. Statt Rollkoffern und Lautsprecherdurchsagen rascheln hier nur Zeitungsseiten. Eine Verkäuferin sortiert Magazine, Stapel für Stapel. „Heute ist wirklich ein ruhiger Tag“, sagt sie. Mehr Zeit zum Einräumen, mehr Zeit für alles, was sonst zwischen zwei Flügen erledigt werden muss. Eine Frau kommt kurz herein, doch sie gehört zum Team. „Kundschaft ist ja heute noch nicht gelandet.“

Eine Durchsage hallt durch die Eingangshalle – fast zu laut für diesen stillen Flughafen. Wegen des Warnstreiks komme es heute zu Einschränkungen im Flugbetrieb, sagt die Stimme aus dem Lautsprecher. Sonst ginge so ein Satz zwischen Coffee to go, Kofferrollen und Gate-Hektik unter. Heute kommt er glasklar an. Dass die Leere am BER nicht nur ein Problem für den Terminalalltag ist, sagt auch VisitBerlin-Geschäftsführer Burkhard Kieker auf Anfrage. „Der Streik trifft die Erreichbarkeit Berlins, das ist ein kritischer Punkt im internationalen Tourismus- und Kongressgeschäft.“ Rund 40 Prozent der Gäste aus dem Ausland reisten mit dem Flugzeug an. Für Berlin ist das mehr als ein ruhiger Tag am BER. Die IHK nennt ihn ein „Tor zur Welt“: 2025 nutzten rund 26 Millionen Passagiere den Flughafen, mit Verbindungen zu rund 130 Zielen in 50 Ländern.

Ein paar Meter weiter sitzt Annabell mit ihrem Ehemann Kevin und dem fünfjährigen Jonas zwischen Koffern im Terminal. Sie sind auf der Durchreise und wirken erstaunlich unaufgeregt. Vom Streik hätten sie rechtzeitig in den Nachrichten erfahren, sagt Annabell. Jonas spielt, die Eltern warten – und niemand macht hier den Abflug. Wer vorbereitet ist, muss am BER nicht gleich die Nerven einchecken.

Die Apothekerin Marie, Name von der Redaktion geändert, kommt trotz Streik nicht zur Ruhe. „Moment, ich bin gleich für Sie da“, sagt sie und telefoniert weiter. Gerade will sie erzählen, wie leer dieser Tag ist, da klingelt es schon wieder. „Wir müssen aufmachen“, sagt sie später. So sei das vorgeschrieben. Günstig ist so ein Tag trotzdem nicht. Die Sonnencreme bleibt im Regal, die drei Kassen sind kaum gefragt. Nur die bunten Ohrstöpsel sind fast vergriffen – ausgerechnet jetzt, wo es leiser ist als sonst. „Ruhig ist es“, sagt Marie. „Weil man die Koffer hier nicht rollen hört.“

Hauptstadt im Wartemodus

Bei VisitBerlin hat an diesem Tag vor allem die Leere Hochkonjunktur. Ausgerechnet dort, wo sonst Berlin in Kurzform verkauft wird – Brandenburger Tor hier, Geheimtipp da –, steht niemand vor dem Tresen. Der Mitarbeiter dahinter schaut in die Halle, als könne doch noch jemand auftauchen. „Also, ich bin bereit“, sagt er. Nur leider ist der Rest des Flughafens heute eher auf Stand-by.

Sobald er ins Erzählen kommt, kippt die Stimmung. Dann redet er schnell, mit Händen, mit Witz. Wer nur kurz in der Stadt sei, sagt er, den schicke er zum Brandenburger Tor, zum Bundestag, „die Klassiker halt“. Wer Berlin schon kenne, bekomme bessere Tipps: „Teufelsberg zum Beispiel.“ Und wenn ihm einer unsympathisch sei? „Dann vielleicht eher ganz woanders hin.“ Er lacht kurz. Dann korrigiert er sich wieder: „Nee, ehrlich, Tempelhofer Feld muss man eigentlich gesehen haben.“

Gerade deshalb setzt ihm dieser Tag zu. „Rumstehen ist das Schlimmste“, sagt er. Andere dürften heute am Flughafen früher Schluss machen. In einer großen Café-Kette fällt sogar die zweite Schicht aus. Er aber bleibt. „Ich bin ja da.“ Ein Mann voller Berlin-Tipps in einem Flughafen, der heute kaum jemanden weiterzuschicken hat.

Und was bei ihm nur Zeit kostet, kostet anderswo ganz konkret Geld. Ein paar Meter weiter liegen in einer Bäckerei frisch belegte Brötchen in der Auslage und warten vergeblich auf Abnehmer. „Keine Kunden da“, sagt eine Mitarbeiterin. „Da kann man auch nichts verdienen.“ Man habe es trotzdem versucht: aufgemacht, eingeräumt, ausgelegt, gehofft. Vor allem auf die Mitarbeitenden am Flughafen. Doch auch die bleiben weitgehend aus. „Das wird heute weggeschmissen“, sagt sie und schaut auf die Ware. Verschenken? „Dürfen wir nicht.“

Der BER ernährt sich selbst

Ganz ausgestorben ist der BER an diesem Tag dann doch nicht. Im Supermarkt im öffentlichen Bereich zeigt sich, dass ein Flughafen auch dann noch ein eigener Organismus bleibt, wenn keine Maschinen mehr starten. An den Kassen stehen keine Schlangen, aber immer wieder Menschen, die man hier kennt: Mitarbeitende vom Flughafen, die sich ein Brötchen holen, etwas fürs Mittagessen, einen schnellen Einkauf zwischen zwei Schichten.

„Ein paar Leute kommen schon“, sagen zwei Mitarbeiterinnen an der Kasse. Vieles davon sei heute das Personal selbst, das den Laden ein Stück weit am Leben halte. Während anderswo die Ware nur herumliegt, pulsiert hier wenigstens noch eine kleine Restzirkulation. Kein normaler Betrieb, eher der letzte Blutkreislauf eines Flughafens auf Sparflamme.

Während sich der BER an manchen Stellen noch selbst versorgt, sitzen ein paar Meter weiter jene fest, für die der Flughafen eigentlich nur eine Station sein sollte. Eine junge Frau aus der Türkei, die gerade ein Jahr in Berlin verbracht hat und nun abreisen wollte, sitzt mit ihrem Gepäck in der Halle und versucht zu sortieren, was dieser Tag mit ihrem Plan macht. Vom ausgefallenen Flug habe sie erst heute erfahren, sagt sie. Vielleicht bleibe sie über Nacht hier. Eine Schlafkabine im Terminal? Zu teuer. Also vielleicht doch der Stuhl, die Jacke, das Handy in der Hand – und noch ein bisschen Berliner Warteschleife.

Leere Schlafkabinen im BER: Wer hier acht Stunden bleiben will, zahlt mehr als 100 Euro.
Leere Schlafkabinen im BER: Wer hier acht Stunden bleiben will, zahlt mehr als 100 Euro.André Beinke/Berliner Zeitung

Eine Etage tiefer sitzt Dieter Munsche, 86 Jahre alt, auf einer Bank und wartet auf eine Freundin, mit der er später ins Hotel fahren will. Dass an diesem Tag nicht alles nach Plan läuft, nimmt er gelassen. Lieber erzählt er vom Grand Egyptian Museum in Gizeh, das ihn beeindruckt habe, und von Portugal, wohin es morgen weitergehen soll – auf Empfehlung eines Freundes. „Es werden zwar nur 17 Grad“, sagt er, „aber in Berlin soll es ja auch wieder wärmer werden.“

Der Ausnahmezustand trifft an diesem Tag sehr unterschiedliche Gruppen: Reisende, die stranden; Geschäfte, die öffnen müssen oder geöffnet bleiben, obwohl kaum jemand kommt. Die Einrichtungen im öffentlichen Bereich hatten nach Angaben des BER geöffnet, die Shops und Gastroeinrichtungen im Sicherheitsbereich blieben geschlossen. Rückmeldungen von Mietern oder Betreibern zu möglichen Umsatzausfällen lägen dem Flughafen bislang nicht vor. Sichtbar sind sie trotzdem: in leeren Auslagen, verfrühten Schichtenden und Ware, die eher verdirbt, als verkauft wird.

In Euro beziffern wollte den Schaden an diesem Tag noch niemand. Doch wer durch das Terminal lief, konnte ihn an vielen Stellen sehen. Was bleibt, ist das Bild eines Flughafens, der für ein paar Stunden seine eigentliche Funktion verloren hat. An so einem Streiktag ist davon vor allem eines zu spüren: Stille.