Berlin eiskalt

„Help me“: Was ein gestürzter Lieferdienstfahrer in Mitte über Zivilcourage verrät

Am helllichten Tag stürzt ein Uber-Eats-Fahrer auf der Straße. Niemand hilft. Wo ist die Empathie geblieben? Eine Betrachtung.

Sie sind dieser Tage einem besonderen Risiko ausgesetzt: Lieferboten.
Sie sind dieser Tage einem besonderen Risiko ausgesetzt: Lieferboten.Andreas Friedrichs/imago

Die Torstraße in Mitte, besonders die Ecke am Rosenthaler Platz, ist ein Sammelbecken für Menschen, die großen Wert auf ihr Äußeres legen. Performance zählt, Longevity ist kein Fremdwort, und wer sich die Wohnungen hier leisten kann, ist nie weit entfernt vom nächsten trendigen Gastro-Event. Umso irritierender wirkt es, bei der Fülle der Restautrants, wenn ein Uber-Eats- oder Wolt-Fahrer ausgerechnet in dieser Ecke eine Essenslieferung austragen muss.

Gerade bei der momentanen Wetterlage kommt man als Beobachter aus dem Staunen nicht heraus: Die Straßen sind spiegelglatt, die Kälte sibirisch, die Rettungsdienste im Dauereinsatz, weil ständig jemand stürzt. Empathie scheint begrenzt. Doch nicht nur dort sucht man sie vergebens – auch draußen auf der Straße, wie ich am Samstagnachmittag feststellen musste.

Er hatte wohl Glück im Unglück

Es ist am Samstag zwischen 13 und 14 Uhr, als meine Freundin und ich einen lauten Knall hören. Wir laufen über die Torstraße auf der Suche nach dem nächsten Café. Neben uns: die Fahrbahn. Ein Uber-Eats-Fahrer liegt quer auf der Straße, der Inhalt seines großen Lieferrucksacks hat sich über den Asphalt verteilt. Beim Aufprall hat er einen erschrockenen, verängstigten Schrei ausgestoßen. Glücklicherweise stehen die Autos hinter ihm noch an einer roten Ampel. Dieses Detail rettete ihm womöglich das Leben. Sonst wäre er leicht unter die Reifen geraten.

Meine Freundin und ich helfen ihm hoch. Die übrigen Menschen auf der gut besuchten Torstraße gehen einfach weiter. Vielleicht sind sie auf dem Weg zur nächsten Veranstaltung der Fashion Week. Wer weiß. Prioritäten.

Nach dem Sturz kommt der Schock

Die Einkäufe, die er ausliefern muss, räumen wir schnell zurück in die Papiertüten. Der junge Mann spricht kein Deutsch, nur bruchstückhaft Englisch. Er steht unter Schock. Mit zitternder Hand hält er sich fassungslos den Mund zu und schaut uns mit aufgerissenen Augen an. Nach mehreren Sekunden Stille nuschelt er ein verschrecktes: „Help me“.

Wir befestigen seinen Rucksack, der sich vom Fahrrad gelöst hat, wieder an der Halterung. Es ist ein alter, demolierter Rucksack, der kaum zu befestigen ist. Die Einkäufe stellen wir an den Straßenrand. Wir bieten ihm an, er solle die Lieferung zu Fuß ins Wohnhaus gegenüber bringen. In der Zeit könnten wir auf sein Fahrrad und die restlichen Tüten aufpassen. Er nickt erleichtert. Der ganze Prozess dauert rund eine halbe Stunde.

Wie verhält es sich mit der Zivilcourage?

Ich schreibe diesen Text nicht aus performativer Empathie, sondern weil ich darüber nachdenke, wieso keiner hilft. Ich vermisse Zivilcourage.

Um Zivilcourage zeigen zu können, muss man eine Situation als Notlage erkennen. Das klingt erst mal selbstverständlich, aber häufig ist es das nicht. Mittlerweile dröhnen sich Menschen eher zu oder werden zugedröhnt. Nahezu jeder auf der Torstraße trägt Kopfhörer in den Ohren oder stiert auf sein Smartphone. Dauerbeschallung sämtlicher Sinne. Wer nichts erkennt, weil er nichts sieht und hört, kann auch nicht helfen. Das ist eine mögliche Erklärung für den Mangel an zivilcouragiertem Verhalten an diesem Tag in Mitte. Inzwischen geht es dem Fahrradkurier wieder besser.

Und selbst wenn man den gestürzten Mann sieht, wie er am Boden liegt und nicht mehr hochkommt, versuchen sich andere vermutlich mit einem entlastenden Gedanken aus der Affäre zu ziehen: Da helfen ja schon zwei. Neugierige Blicke werfen sie dennoch in unsere Richtung: Nahezu jeder Passant blickt auf den Lieferanten und uns, doch dann wieder fix aufs Smartphone oder nach vorne. Während meine Freundin die Tasche des Fahrers festbindet, splittert ihr ein Stück ihrer Maniküre ab. So neugierig wie die Blicke, so eng scheint der Zeitplan der Passanten an diesem Samstag: Es könnte daran liegen, dass die Gästeliste für das Event von Uniqlo gleich schließt.

Auch die Politik ist schuld am Sturz

Schlussendlich ist es aber wichtig, nicht nur die Gesellschaft in die Verantwortung zu nehmen. Dass der Lieferdienstfahrer einen solch schmerzenden Sturz erleben musste, hat auch mit politischer Entscheidungsfindung zu tun und beginnt dieser Tage mit ewigem Dauerfrost im Berliner Abgeordnetenhaus. Wochenlang waren die Straßen in Berlin spiegelglatt, sie sind es zum Teil immer noch. Das macht einen ohnehin schon harten Job lebensgefährlich.

Grund für die Glätte: Die Regierung in Berlin hat bis zuletzt an einem Streusalz-Verbot festgehalten. Dieses wurde nun gekippt – nachdem etliche Menschen sich schon die Knochen gebrochen haben. Der Uber-Fahrer ist glücklicherweise mit dem Schrecken davongekommen.