Galway Calling

Privilegiert ist, wer in die Heimat zurückkehren kann

Unsere Autorin war nach 16 Jahren wieder in County Galway, dem Stammsitz ihrer irischen Familie. Ein Besuch, der sie daran erinnerte, was Glück bedeutet.

Alltag in Connemara während der COVID-19-Pandemie bringt Brian Staunton aus Lettershinn die Schafe und Lämmer nach der Sprühmarkierung zurück auf die Weide.
Alltag in Connemara während der COVID-19-Pandemie bringt Brian Staunton aus Lettershinn die Schafe und Lämmer nach der Sprühmarkierung zurück auf die Weide.imago/NurPhoto

Seit meinem Umzug nach Berlin habe ich mich zunehmend gefragt, was das Wort „Heimat“ eigentlich bedeutet. Berlin ist mein Zuhause, hier fühle ich mich wohl. Gleichzeitig weiß ich aber auch dieses gemütliche Gefühl zu schätzen, das ich immer bei meinen Besuchen in dem englischen Dorf habe, wo ich aufgewachsen bin. Es fühlt sich an, als würde man in ein altes Paar flauschige Pantoffeln schlüpfen.

Und dann gibt es Irland. Ende der 50er-Jahre wanderten meine Großeltern aus dem Westen Irlands nach London aus, wie viele in ihrer Generation. Irland wurde nie wieder zu ihrem festen Wohnsitz, aber vor fast 40 Jahren kauften sie einen Bungalow im Dorf Mount Talbot, wo mein Opa aufwuchs. Es gibt viele süße Kinderfotos von mir, meiner Schwester und unseren Cousinen, wie wir unsere Sommerferien in diesem Bungalow und der umliegenden Landschaft verbrachten. Mein letzter Besuch war vor 16 Jahren. Vor kurzem war ich wieder da.

Irland heißt frische Luft und flauschige Schafe

Vor dem Besuch gingen mir viele Fragen durch den Kopf: Wie würde es wohl sein in County Galway, nach 16 Jahren? Würde Irland sich plötzlich wieder fremd anfühlen, trotz der gemütlichen Erinnerungen aus der Kindheit? Habe ich diese meine Erinnerungen womöglich romantisiert? Tatsächlich war die Luft dann genauso frisch, das Geruch des Torffeuers im Wohnzimmer meiner Oma so herzlich und einladend, waren die Schafe so flauschig, wie ich es in Erinnerung hatte. Das Grün der Wiesen war mir ein Trost. Trotz 16 Jahren Abwesenheit war der Besuch eine Heimkehr.

Ich verbrachte die Woche damit, am Kamin zu lesen, mit meiner Oma spazieren zu gehen und Verwandte zu treffen, die mir Geschichten aus meiner Kindheit erzählten, an die ich keine Erinnerung hatte. Und Ende der Woche lud uns eine Freundin meiner Oma – die wie sie und gefühlt jede zweite Frau in Irland Mary heißt – dazu ein, die ukrainische Familie zu besuchen, die bei ihr wohnt. Irland, wo nur etwa fünf Millionen Menschen leben, hat seit dem 24. Februar ungefähr 40.000 Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. Das ist verhältnismäßig viel und mehr als in vielen anderen europäischen Ländern. Vier wohnen jetzt bei Mary im Dorf Ballygar, 1200 Einwohner – das Ehepaar Tanja und Denis aus Odessa, sowie deren Tochter Anja und ihr Mann Kamal.

Ich sprach mit ihnen auf Russisch über ihren Englischunterricht mit anderen Geflüchteten in der Grundschule, die meine Oma vor 80 Jahren besuchte. Wir sprachen über die gemeinsamen historischen Erfahrungen, die Irlands Unterstützung für die Ukraine prägen, über Kolonialismus, Hungersnot, die Unterdrückung der einheimischen Sprachen. Anja und ich kamen uns näher, als wir über Kiew sprachen, wo sie und Kamal bis zum Kriegsbeginn lebten und von wo aus ich zwei Monate im letzten Jahr gearbeitet hatte. Und ihre Mutter Tanja erzählte uns auch, was ihr an Irland am besten gefällt: Dass auch Frauen wie meine 84-jährige Oma immer noch so lebensfroh sind.

Ein kleines Gemälde von Kiew erinnert an die Heimat

Das Gespräch dauerte mehr als drei Stunden, wir tranken viele Kannen Tee. Meine wichtigste Frage war: Fühlt die Familie sich wohl in Galway, haben sie alles, was sie brauchen? Ja, antwortete Tanja: „Die Ukraine ist unsere Heimat, wir gehen so schnell wie möglich zurück. Aber es ist so schön, wieder einen Ort zu haben, den wir unser Zuhause nennen können.“ Unter den verschiedenen katholischen Reliefs an der Wand des Wohnzimmers, die man in vielen irischen Häusern findet, hatte die Familie versucht, diesen Ort zu ihrem eigenen zu machen. Ein kleines Gemälde des Kiewer Stadtzentrums stand auf dem Kaminsims.

Im Laufe meiner Woche in Galway wurde ich wütend auf mich. Warum war ich so lange nicht hier gewesen? Ich dachte mir, ich sollte in Zukunft öfter zu Besuch kommen, zu meiner Oma in ihrem kleinen Häuschen, solange das noch möglich ist. Denn Heimat kann man nie für selbstverständlich halten. Und das Gespräch mit Tanja und Anja hat mich daran erinnert, was für ein Privileg es eigentlich ist, diese Möglichkeit der Heimkehr zu haben. Viele Ausgewanderte verschiedenster Länder haben diese Möglichkeit aufgrund von finanzieller Not, Krieg oder politischen Schwierigkeiten in ihren Heimatländern nicht. Wer diese Chance jedoch hat, sollte sich glücklich schätzen.