Eine absurde Situation: Mit ihren schönen, neuen Straßenbahnen dürfen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) keine Fahrgäste befördern. Wie lange die Urbanliner noch herumstehen, ist ungewiss.
Offiziell übt sich das Landesunternehmen in Optimismus, dass die neue Tram bald ins Rollen kommt. Doch hinter den Kulissen wachsen die Zweifel, ob das in absehbarer Zeit gelingt. Es wird gefragt, wie es zu dieser Panne kam und wer alles dafür verantwortlich ist. „So eine Situation habe ich noch nicht erlebt“, sagt ein ratloser Insider.
Lange Zeit als klapprige Elektrische und Autohindernis abgetan, erlebt die Straßenbahn in vielen Ländern einen Boom. Auch in Berlin: Allein 2024 wuchs die Fahrgastzahl um rund 13 Prozent. Die deutsche Hauptstadt besitzt eines der größten Straßenbahnnetze der Welt.
BVG musste Party zwei Tage vorher überraschend absagen
Mit neuen großen Straßenbahnen möchte die BVG auf stark frequentierten Strecken mehr Kapazität schaffen. Sie hat bei Alstom in Bautzen 65 Urbanliner geordert. Mit 220 Steh- und 92 Sitzplätzen sind die fast 51 Meter langen neunteiligen Bahnen wie geschaffen für Linien wie die M4 zwischen Mitte und Hohenschönhausen. Fünf Exemplare wurden bislang geliefert, weitere Fahrzeuge sind in Sachsen im Bau.
Fast sechs Jahre nach dem Abruf der ersten 20 Bahnen stand der große Tag bevor. Für den 16. Februar lud die BVG Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner, Verkehrssenatorin Ute Bonde (beide CDU) und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) in den Betriebshof Weißensee ein. Dort sollte der erste Urbanliner offiziell vorgestellt werden, um gleich danach auf der M4 in den Fahrgastbetrieb zu gehen.
Doch zwei Tage vorher musste die BVG überraschend absagen. Wie sich herausstellte, war der Urbanliner noch gar nicht zugelassen. Zwar hatte das Verkehrsunternehmen noch wenige Tage zuvor versucht, den nötigen Stempel zu bekommen. Das misslang aber offensichtlich.

Am 13. Februar hatte die BVG der Technischen Aufsichtsbehörde (TAB) Berechnungen gemailt. Es ging darum, ob die U-Bahn-Tunnel unterm Alexanderplatz die Bahnen tragen können. Leer wiegt der Urbanliner 63,5, voll bis zu hundert Tonnen. Allerdings muss die Senatsbehörde schon nach einem kurzen Blick auf die Mail zu dem Schluss gekommen sein, dass die Berechnungen nicht reichen, um den Platz für die neue Straßenbahn freigeben zu können. Bereits am selben Tag kam das Nein.
Das Verkehrsunternehmen demonstriert Zuversicht. „Die BVG wird die Nachberechnungen wie angekündigt in Kürze an die TAB liefern“, teilte Sprecherin Franziska Ellrich der Berliner Zeitung auf Anfrage mit. „Anschließend erfolgt die Bewertung der Berechnungen sowie die Abstimmungen zu nächsten Schritten im Zulassungsverfahren.“
Tempolimit am Bahnhof Hohenschönhausen
Beobachter sind da nicht so optimistisch. Es könnte noch Wochen dauern, bis die Nachberechnungen vorliegen. Klar sei, dass die TAB sehr genau darauf schauen wird. Die Behörde sei verstimmt, weil die BVG eine offensichtlich unzureichende Berechnung übermittelt habe, hieß es. Schon auf den ersten Blick wäre zu erkennen gewesen, dass mit der Kalkulation etwas nicht stimmte. Ein Blick in den angehängten Mailverlauf habe dann gezeigt, dass das Misstrauen berechtigt war.
Dem Vernehmen nach wirkt sich die neue XXL-Tram stärker auf die Infrastruktur aus als die Bahnen, die derzeit über den Alexanderplatz rollen. Obwohl die Achslast beim Urbanliner mit rund zehn Tonnen geringer ist, schlagen die dynamischen Kräfte anders zu Buche, heißt es. Die Normwerte werden überschritten, sie decken bei wichtigen Parametern offenbar nur rund zwei Drittel der Belastungen ab. Die Berechnungen der BVG hätten sich nur auf diese zwei Drittel bezogen.
Wenn sich die Bedenken bestätigen, könnte ein Einsatz auf der Linie M4 schwierig werden. Eine Komplettsanierung der Tunnelanlagen unter dem Alexanderplatz, die im Fall der heutigen U2 fast 113 Jahre alt sind, wäre aufwendig und langwierig. Das würde auch für andere Arten der Trassenertüchtigung gelten. Vielleicht könnte auch am Alex ein Tempolimit helfen. Wie berichtet darf die neue, schwere XXL-Tram die Brücke am Bahnhof Hohenschönhausen passieren, aber nur gebremst.
Linie 18 nach Hellersdorf könnte Alternative zur M4 sein
Würde der Urbanliner auf einer anderen Linie eingesetzt, könnte das die Blamage verringern. Wie die Berliner Zeitung erfuhr, wurde dies bereits geprüft. Dabei kam man zu dem Schluss, dass die Linie 18 zwischen der Riesaer Straße in Hellersdorf und der Virchowstraße in Friedrichshain ein Einsatzfeld sein könnte. Auch Einsetzerlinien wie die 5E und 6E, die ebenfalls neben dem SEZ enden, wären eine Alternative zur M4.
Doch ob es bald dazu kommt, ist fraglich. Nicht nur, weil diese Strecken außerhalb des Stadtzentrums verlaufen und den Einsatz der schönen, neuen Bahn zu einem Randphänomen degradieren würden. Wie nun bekannt wurde, darf der Urbanliner im gesamten Netz nur ohne Fahrgäste unterwegs sein. Für den Fahrgastbetrieb müsste jede Linie einzeln geprüft werden. Wie bei der M4 wäre jede Brücke, jeder Tunnel daraufhin zu untersuchen, ob die Infrastruktur die Bahn trägt.
„Ich glaube nicht, dass der Urbanliner auf einer anderen Linie eingesetzt wird“, sagt ein Gesprächspartner der Berliner Zeitung. „Auf der M4 werden große Straßenbahnen dringend benötigt. Von ihr wird die BVG nicht abgehen.“ Die XXL-Tram wäre wie geschaffen für die Strecke, die mit Prenzlauer Berg und Weißensee dicht besiedelte Wohnviertel mit niedriger Motorisierungsrate erschließt. Laut BVG sind auf der M4 täglich im Schnitt rund 100.000 Menschen unterwegs.

So bleibt erst einmal nur das Prinzip Hoffnung. Doch danach habe man schon zu lange gehandelt, kritisiert ein Insider. „Als der BVG-Aufsichtsrat die Bestellung der Urbanliner beschließen sollte, wurde gewarnt: so viele Fahrzeuge – obwohl die Tram noch nicht zugelassen war?“ Das Gremium setzte sich über die Bedenken hinweg. Man sei in einem „guten Austausch mit dem Hersteller“, habe die BVG mitgeteilt.




