Altersvorsorge

Berliner zu den Rentenvorschlägen des Kanzlers: „Merz versteht unsere Situation nicht“

50 Euro im Monat für die private Altersvorsorge – das könne doch jeder privat zurücklegen, sagt Bundeskanzler Friedrich Merz. Aber stimmt das wirklich?

Roberto Volz (66) in der Shoppingmall: „Eigentlich sollte jeder selbst entscheiden, wie viel er einzahlt – so wie in den USA.“
Roberto Volz (66) in der Shoppingmall: „Eigentlich sollte jeder selbst entscheiden, wie viel er einzahlt – so wie in den USA.“André Beinke/Berliner Zeitung

Applaus im Saal. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagt auf einem Parteitag in Ravensburg, jeder könne 50 Euro im Monat für die private Altersvorsorge zurücklegen. Gerade junge Menschen sollten damit anfangen.

Der Rat fällt mitten in einer neuen Rentendebatte. Seit Wochen wird über Reformen gestritten, im Juni will die Bundesregierung erste Pläne vorlegen. Doch jenseits der großen Politik bleibt eine praktische Frage: Wer kann sich diese 50 Euro extra tatsächlich leisten?

Ortswechsel: Eine Shoppingmall im Zentrum von Berlin-Marzahn. Leise dudelt Popmusik durch die langen Gänge. Zwischen Nagelstudio und Ein-Euro-Laden steht Roberto Volz. Auf seinem T-Shirt unter der Jeansjacke steht „Ich bin Rentner, ich muss gar nichts“. Der 66-Jährige wirkt kräftig. Fast so, als könnte er heute immer noch auf einer Baustelle stehen. Früher hat er genau das getan – auch hier in Marzahn, als die großen Plattenbauten entstanden.

„Natürlich haben wir damals Extraschichten am Wochenende eingelegt“, sagt Volz und grinst. „Sonst wären wir doch nie rechtzeitig fertig geworden.“ Und was hält er vom Spartipp von Bundeskanzler Friedrich Merz? Volz zuckt mit den Schultern. „Eigentlich sollte jeder selbst entscheiden, wie viel er einzahlt – so wie in den USA.“ Solange das nicht so ist, findet er den Vorschlag trotzdem vertretbar. 50 Euro im Monat, das könne man schon machen. „Aber eigentlich sollte man das ganze System wie in den USA machen.“

Neuberliner mit Zukunftsplan

Vor der Mall steht Maksim Miller. Der 21-Jährige blickt über die S-Bahn-Gleise. Seit einer Woche lebt er in Berlin. Ein Neuberliner mit Plänen. „Ich bewerbe mich gerade und hatte schon ein paar Gespräche“, sagt er. „Wahrscheinlich wird es etwas im Marketing.“ Private Altersvorsorge? Miller überlegt kurz.

Vom Vorschlag des Bundeskanzlers hatte er vorher noch nichts gehört. „Ehrlich gesagt, nicht.“ Warum er zusätzlich selbst vorsorgen sollte, versteht er ohnehin nicht. „Man zahlt doch schon ein, wenn man arbeitet.“

Beim Thema Rente ist der 21-Jährige skeptisch. „Wenn ich mir anschaue, wie die Welt gerade läuft, bin ich nicht besonders optimistisch“, sagt er – und lacht. Er möchte sich aber mehr mit dem Thema auseinandersetzen.

Jutta Schmidt (60) sitzt auf ihrem Rollator: „Für mich ist Merz eine Witzfigur.“
Jutta Schmidt (60) sitzt auf ihrem Rollator: „Für mich ist Merz eine Witzfigur.“André Beinke/Berliner Zeitung

Rente: „Würde auf die Straße gehen“

Vor dem Ein-Euro-Laden sitzt Jutta Schmidt auf ihrem Rollator. Hinter ihr sortiert eine Mitarbeiterin die Geschenketüten ein. Schmidt wartet auf ihre Freundin. „Für mich ist Merz eine Witzfigur“, sagt die 60-Jährige. „Er macht Vorschläge, die haben mit unserer Realität wenig zu tun.“ Mit ihrer eigenen Rente ist Schmidt zufrieden.

„Meine bekomme ich, und das ist alles in Ordnung.“ Und für die nächste Generation? „Ob da noch etwas übrig bleibt, glaube ich eher nicht.“ Sie würde sich auch für eine bessere Rente für die jungen Menschen einsetzen. „Aber alleine werde ich es nicht machen.“

Durch den Gang der Mall geht Alexander, 37, mit gelber Sonnenbrille und dünner Jacke. Früher hat er in der Gastronomie gearbeitet, inzwischen ist er insolvent.

„Ich habe sechs Jahre Gastronomie gemacht und bin dann krank geworden“, sagt Alexander. „Ich habe selbstständig gearbeitet und nicht in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt.“ Die Folgen spürt er. „Wegen meines Fußes habe ich Probleme, weil ich nicht ins Sozialsystem eingezahlt habe. Darum bekomme ich keine Langzeittherapie bezahlt.“

Merz versteht uns nicht

Und was hält er von Merz’ Vorschlag, monatlich 50 Euro privat zurückzulegen? „Absolut unmöglich“, sagt er. „Merz versteht unsere Situation nicht.“ Positiv ist immerhin: „Ich bin froh, dass ich jetzt über das Jobcenter wieder in die Rentenkassen einzahle.“

Sein Rat für die Jüngeren: „Man sollte früher informiert werden über die Möglichkeiten. Sonst weiß man gar nicht, was es alles gibt.“

Tim Lehmann sitzt an der Hellersdorfer Promenade auf einer Bank: „Wenn, dann sollten sie das ganze System abschaffen.“
Tim Lehmann sitzt an der Hellersdorfer Promenade auf einer Bank: „Wenn, dann sollten sie das ganze System abschaffen.“André Beinke/Berliner Zeitung

Auf einer Bank an der Hellersdorfer Promenade sitzt Tim Lehmann. Neben sich eine Cola-Flasche, in der Hand eine Zigarette. Er wartet auf einen Freund und schaut auf die vorbeiziehenden Passanten.

„Ich verstehe nicht, warum man, wenn man sowieso schon ins System einzahlt, noch mehr einzahlen soll“, sagt auch der 24-Jährige. „Wenn, dann sollten sie das ganze System abschaffen“, fügt er hinzu.

Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die Rentenrealität: „Ich verstehe nicht, dass man immer eingezahlt hat und dann so wenig rauskommt.“

„Die Leute werden immer älter – das System muss sich verändern“, sagt Lehmann. „So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben.“ Auf der Hellersdorfer Promenade balanciert Stefanie, 31, schwere Einkaufstaschen über der Schulter. Die beiden Kinder neben ihr kommen gerade aus der Schule und schlecken an ihrem Eis.

Die alleinerziehende Mutter überlegt kurz, als es um private Altersvorsorge geht. „50 Euro zurücklegen? Ich könnte mir das schon vorstellen. Aber viele junge Mütter schaffen das einfach nicht.“

Generell vertraut sie der Politik und dem Rentensystem nur wenig. „Man weiß nie, ob am Ende wirklich etwas übrig bleibt.“ Trotzdem gibt Stefanie die Hoffnung nicht auf. „Für meine Kinder wünsche ich mir eine bessere Zukunft. Das wünschen sich Mütter immer.“

Was sagen die Experten?

Der Experte Peter Haan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bringt es so auf den Punkt: „Privat vorsorgen wird immer wichtiger.“ Die gesetzliche Rente bleibe zwar eine zentrale Säule, aber ihr Niveau werde langfristig sinken – und damit wachse die Bedeutung zusätzlicher Vorsorge.

Zurzeit liegt das gesetzliche Rentenniveau in Deutschland bei etwa 48 Prozent des Durchschnittsverdienstes. Ohne Stabilisierung könnte es in den nächsten Jahren auf rund 46 Prozent sinken. Das ist deutlich weniger, als viele brauchen, um im Alter gut über die Runden zu kommen.

Vor diesem Hintergrund könnte wieder der Ruf nach staatlich geförderten Modellen für private Vorsorge wie die Riesterrente laut werden. „Viele dieser Verträge waren aber bisher zu komplex und hatten hohe Gebühren. Für viele Menschen hat sich das am Ende nicht wirklich gelohnt“, gibt Haan zu bedenken.

Gerade Haushalte mit niedrigen Einkommen hätten häufig keine Chance gehabt, regelmäßig Beiträge zu leisten. Deshalb ist es laut Haan besonders wichtig, dass der Staat bei Menschen ohne Einkommen oder mit sehr geringen Mitteln die Beiträge teilweise übernimmt – ähnlich wie bei Arbeitslosen, deren Rentenversicherung der Staat teils zahlt. Und genau die seien besonders von Altersarmut bedroht. Menschen mit höheren Einkommen dagegen könnten oft auf andere Vermögensformen zurückgreifen – etwa Wohneigentum oder Ersparnisse.

Lohnt sich eine private Altersvorsorge?

Der Experte sagt weiter: Auch wenn man mit einer realistischen Rendite von zwei bis drei Prozent nach Inflation rechnet, ist es möglich, mit kleinen Beiträgen über viele Jahre etwas aufzubauen. Aber: „Man sollte keine unrealistischen Erwartungen haben, daraus wird in der Regel kein großes Vermögen entstehen.“

Und wie viel bleibt am Ende wirklich? Zurzeit haben nur etwa 35 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland eine ergänzende private Altersvorsorge abgeschlossen. Bei Haushalten mit geringem Einkommen ist der Anteil noch deutlich niedriger. Das zeigt: Für viele Menschen ist es schlicht nicht möglich, zusätzlich Geld für die Rente zurückzulegen – ganz egal, was Politiker vorschlagen.