Tote Hose: An der Aral-Tankstelle in Frankfurt (Oder) ist an diesem Mittwochmittag niemand. Keine Autofahrerin, kein Autofahrer will tanken. Nach zehn Minuten fährt endlich ein weißes Auto an eine der Zapfsäulen, an denen der Dieselkraftstoff die Zwei-Euro-Marke im Eiltempo überstiegen hat. Es scheint, als stünden die ständig wechselnden Anzeigen im Wettbewerb. Mal sehen, wer höher ist.
Lorie Kloß steigt aus. Doch die 29-Jährige nimmt nicht die Zapfpistole in die Hand, um den Tank ihres Autos zu füllen. Sie schlägt ihre braune Strickjacke um den Jeans-Overall und stapft entschlossen in den Laden. Wenig später kommt sie mit einem Energydrink in einer roten Dose wieder, lacht, als hätte sie einen Preis gewonnen. Den, so erklärt sie, gebe es nur hier. Und zeigt die Dose.
Auf die Frage, ob sie noch tanke, nimmt sie die Sonnenbrille ab und weist auf die Preise, die in Leuchtschrift angezeigt werden. „Ich bin doch nicht verrückt“, kommt es dann aus ihr heraus.
Dann erzählt sie, dass sie beim Tanken noch nie mehr als 1,50 Euro für den Liter Benzin bezahlt habe. Gleich nebenan – im polnischen Slubice. „Das machen doch alle, die hier leben“, sagt Lorie Kloß, die als Krankenschwester arbeitet und sich die Kosten an Frankfurts Tankstellen gar nicht leisten kann und will.
Die Preise für Benzin und Diesel in Deutschland nennt sie eine Schweinerei. Gerade Menschen, die arbeiten und auf das Auto angewiesen seien, würden allein gelassen. „Ich habe das Glück, in Polen tanken zu können“, sagt sie. Aber das könne ja nicht jeder.
Im Verkaufsladen langweilen sich indes die Angestellten. Drei Bauarbeiter machen Pause und sitzen bei einem Kaffee in einer Ecke. „Wer soll denn bei den Preisen tanken, wenn es den Sprit ein paar Kilometer weiter bis zu 60 Cent billiger gibt?“, sagt einer der Männer. Nee, sagt ein anderer. Die Tankfüllung holten sie sich nicht hier.

Die Betreiberin der Tankstelle will sich nicht äußern. Aber ein Mitarbeiter erzählt, dass sie nichts für die hohen Preise könnten. Aber sie, die Angestellten in den Tankstellen, seien es, die den Frust der Autofahrer abbekommen würden. „Klar werden wir beschimpft“, sagt der Mann. Wenn denn mal jemand tankt.
An der Total-Tankstelle, die sich nicht weit entfernt befindet, liegt der Preis ebenso hoch wie bei Aral: Für Diesel muss der Autofahrer tief in die Tasche greifen. Ein Liter kostet 2,23 Euro, der Liter Super-Benzin ist für 2,05 Euro zu haben.
Nur an einer der sechs Zapfsäulen herrscht Betrieb, ein Leiterwagen der Frankfurter Feuerwehr wird gerade vollgetankt – mit Diesel. Man könne sich den Kraftstoff nicht einfach im nahen Polen holen, sagt einer der Männer, die zum Auto gehören. Als das Fahrzeug die Tankstelle verlässt, herrscht auch hier tote Hose. Frankfurt hat rund 200 Dienstfahrzeuge der Feuerwehr, des Rettungswesens und der Stadt, die noch immer alle in Frankfurt tanken sollen.
Tanktouristen aus Berlin und Potsdam
Dabei liegt die Alternative nur wenige Kilometer weit entfernt. Slubice, die polnische Schwesterstadt von Frankfurt (Oder), befindet sich am östlichen Ufer des Grenzflusses. Es gibt eine Buslinie, die beide Städte verbindet. Auf zwei Wegen ist Slubice erreichbar: entweder über die Autobahn oder die Stadtbrücke, die über die Oder führt.
Auf der Autobahn 12 herrscht am Mittag mäßiger Betrieb, der Pkw-Verkehr rollt ohne Halt über die Grenze. Es gibt in beide Richtungen derzeit keine der groß angekündigten Kontrollen, die illegale Einreisen verhindern sollen.
Woher die meisten Autos kommen, die über die Grenze Richtung Osten rollen, verraten die Kennzeichen: FF steht für Frankfurt (Oder), LOS für den dazugehörigen Landkreis Oder-Spree, B für Berlin. Manchmal ist auch noch ein P dabei – für Potsdam.
Nach der ersten Ausfahrt hinter der Grenze auf polnischem Gebiet ist auch die erste Tankstelle nicht weit. Ekotank liegt vor dem größten Markt von Slubice. Auf dem Markt wird mit Lebensmitteln, Kleidung, Spirituosen und Zigaretten gehandelt – alles ist preiswerter als in den Geschäften am westlichen Oderufer. Wenn auch nicht immer von bester Qualität. Der Parkplatz jedenfalls ist voll.
Die Leute, die den Basar besuchen, gehen schon seit jeher auch in Slubice tanken. Bis vor ein paar Wochen, um zehn oder zwanzig Cent pro Liter zu sparen.

Doch nun, da der Ölpreis wegen des Iran-Kriegs heftig gestiegen ist, machen sich immer mehr Autofahrer auf nach Osten: nach Polen, Tschechien oder Österreich – dorthin, wo das Benzin mittlerweile um bis zu 50 Cent pro Liter billiger ist.
In Deutschland verdienen nicht nur die Mineralölkonzerne kräftig mit an der derzeit herrschenden Ölkrise. Auch der Staat, der sich jetzt als Opfer geriert und mit absurden Maßnahmen reagieren will. So sollen Tankstellen nur noch einmal am Tag den Preis erhöhen können.
Deutschland hat die höchsten Steuern und Abgaben
Doch was bringt das?
Deutschland hat die bei weitem höchsten Steuern für Benzin und Diesel in der Europäischen Union als seine Nachbarländer. Etwa 64 Prozent des Preises, den Autofahrer für Benzin an der Tankstelle zahlen müssen, entfallen hier auf die Energie- und Mehrwertsteuer sowie die CO2-Abgabe. Beim Dieselkraftstoff sind es 56 Prozent.
In Polen und anderen Nachbarländern gibt es solch hohe Abgaben auf den Spritpreis nicht. Auch deswegen sind Tankstellen in Slubice so überlaufen von deutschen Tanktouristen. Wie etwa Ekotank. Betreiber Zsigmiew P. erzählt, dass es solche Steuern in Polen nicht gebe. Deswegen kauften auch so viele Menschen aus Deutschland Benzin in Polen. „So einen Ansturm von Deutschen auf meine Tankstelle habe ich noch nie gesehen“, sagt er.
Heidi Sturm ist eine von diesen „Tank-Touristinnen“, wenn man sie so nennen darf. „Es kostet, was es kostet“, sagt die 68-jährige Berlinerin nur. Gleich nebenan an der Zapfsäule steht Nicole Stangenberg, sie ist von Kassel 450 Kilometer gefahren. Aber nicht, um in Slubice zu tanken.
Alle drei Monate, so erzählt die 57-Jährige, besuche sie ihre Mutter in Berlin. Und dann fahre man immer gemeinsam „rüber nach Polen“, zum Friseur, zum Essen und Einkaufen.
Und jetzt auch zum Tanken. „Das lohnt sich echt“, sagt Stangenberg, als sie bei Ekotank mit ihrem Fiat 600 an die Zapfsäule fährt. Dann erzählt die Bäckereiverkäuferin, dass sie auf ihrer Fahrt von Kassel nach Berlin noch nie einen so absurd hohen Dieselpreis von 2,30 Euro gesehen habe. „Solche Tankpreise bringen Bäckereien und auch andere Handwerksbetriebe an den Rand ihrer Existenz“, sagt sie.
An der hinteren Zapfsäule steht Andrzey S., er ist Lkw-Fahrer, 52 Jahre alt. Der Pole hat Frau und zwei Töchter zu Hause, muss für eine Spedition mit seinem Laster bis nach Frankreich fahren. „Es ist sinnvoll, wenn der Tank voll ist, bevor ich durch Deutschland fahre“, sagt er. Bei einer Tankfüllung spare sein Unternehmen somit mehrere hundert Euro. Das sei enorm.

In Slubice reiht sich Tankstelle an Tankstelle. Überall warten Autos aus Deutschland, um an die Zapfsäulen zu kommen. Bodo Schikora steht mit seinem Auto an der Zapfsäule der Intermarché-Tankstelle in Slubice, blinzelt in die Sonne, um den Preis zu erkennen, und schüttelt den Kopf. 6,59 Zloty stehen für Super an der Anzeigetafel: umgerechnet 1,55 Euro.
Schikora kann nicht fassen, wie preiswert in Polen der Sprit ist. Er nimmt die Zapfpistole, steckt sie in den Tank seines Autos. Dann erzählt er, dass er zweimal in der Woche in Frankfurt beim Sport sei. Er fahre dann zum Tanken nach Slubice. „Aber eigentlich schon immer.“
Warum das Tanken in Deutschland so teuer ist, könne er „absolut nicht“ verstehen. Es gebe auch niemanden, der ihm das schlüssig erklären könne. „Die Konzerne hauen sich gerade die Geldbeutel voll“, sagt er. Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke von der SPD hat vor ein paar Tagen im Interview von Abzocke geredet. Getan hat sich allerdings noch nichts. Gerade für die vielen Pendler in Brandenburg, die vom Benzinpreis abhängig sind.
Zoll erlaubt nur 20-Liter-Kanister mit Benzin
Schikora lässt indes sein Auto volllaufen und erzählt, er tanke mittlerweile nur noch in Deutschland, wenn er im Urlaub sei. Wie neulich, bei einem Ostseeaufenthalt. „Da muss man ja, war aber schon krass.“
Es gab die Meldung, dass der Zoll nach dem Anziehen der Benzinpreise verstärkt Tanktouristen jagen würde. Doch ist das so? An den Autobahnauffahrten stehen Zollfahrzeuge. Doch das war bisher immer so.
„Wir kontrollieren nicht gezielt Tank-Touristen“, sagt Astrid Pinz, die Sprecherin des Hauptzollamtes Frankfurt (Oder). Man schaue allerdings, ob sich die Menschen an das Verbrauchssteuerrecht halten – ob jemand zu viel Zigaretten mit nach Deutschland nehme oder gar verbotene Knallkörper. Oder zu viel Benzin.
Pinz erklärt, dass jeder Autofahrer seinen Tank in Polen vollfüllen und auch einen Kanister mit Benzin mitnehmen könne. „Höchstens 20 Liter sind erlaubt. Allerdings nur in einem Kanister, also nicht in zwei Zehn-Liter-Kanistern“, sagt sie.
Zudem müsse der Reserve-Kraftstoff in dem Kanister auch zum Tank des Autos passen. „Ein Dieselfahrzeug darf also kein Benzin mitnehmen“, sagt Astrid Pinz.
Es ist Nachmittag, die Schlangen an den Tankstellen in Slubice werden länger. Für sechzig Cent pro Liter lohne sich das Anstehen, sagt ein junger Mann, der in seinem BMW wartet.






