„Auch ich – 1961 im Osten Deutschlands geboren – beginne langsam, verschwundene Dinge zu betrauern.“ So steht es im Vorwort des neuen Buches meines Kollegen Torsten Harmsen, der Leserinnen und Lesern der Berliner Zeitung wohlbekannt sein dürfte. Sein Markenzeichen: Er ist ein waschechter Berliner – Geburt, Kindheit, Erwachsenwerden, Familie, Beruf, alles berlinisch. Sogar die Eltern und der Köpenicker Opa, Zeitgenosse vom famosen Hauptmann, der zu Kaisers Zeiten die Köpenicker Stadtkasse klaute. Wir haben es also mit einem mittlerweile seltenen Exemplar zu tun. Ich, 1956 im Osten Deutschlands geboren, seit 45 Jahren in Berlin ansässig, bekenne: Ich betrauere den Verlust der einheimischen Art namens Ur-Berliner. Ein Wesen von der Roten Liste der verschwindenden Kulturen.
Umso neugieriger griff ich nach Torsten Harmsens neuem Buch mit dem Titel „Broiler, Wimpel, Westpaket. Ein (ost)deutsches Leben in 55 Dingen“. Und siehe da: Ich stelle fest, wir sind verwandt! Zumindest sehr, sehr ähnlich. Ganz klar, woran das in erster Linie liegt: Wir sind Ossis.
Unsere Eltern gingen selbstverständlich beide arbeiten, wir besuchten beizeiten (und gerne) den Kindergarten, waren Pioniere, durchliefen eine sozial durchlässige Schule, lebten gut behütet und geliebt, nicht im Überfluss, aber ohne Not – und (was uns entscheidend vom Westen unterschied) wir kannten keine soziale Kluft, die Kinder beizeiten voneinander separiert. Und in Gefahr brachten wir uns als Kinder vor allem selber – durch Schabernack, Neugier und Dummheit.
Indianer und Cowboy
Da lese ich also von Dingen, die tief im Gedächtnis ruhten und nun – ratzfatz – aufwachen. Sofort entwickeln sie ein Eigenleben und führen direktemang in meine Kinder- und Jugendjahre. Er verbrachte sie im Südosten Berlins, das Spreewasser spielt eine große Rolle (der Opa hatte ein Boot mit Außenbordmotor!) und der Wald bei Köpenick, ebenso die Nachbarn, die Indianer und Cowboy spielende Kinderbande rund ums Haus.
Genauso kenne ich es auch, von meinem Revier am nördlichen Bitterfelder Stadtrand. Die toten Muldearme waren mit dem Rad erreichbar, auf die Schienen der Eisenbahnstrecke Berlin–Leipzig legten wir Pfennige, um sie von den darüberrollenden Zügen zu kinderhandtellergroßen Münzen plattwalzen zu lassen – Harmsen und seine Kumpels hatten dafür die Straßenbahn.

Titel: Broiler, Wimpel, Westpaket. Ein (ost)deutsches Leben in 55 Dingen.
Umfang, Preis: 240 Seiten, BeBra Verlag Berlin, 20 Euro
Buchvorstellung: Literatur LIVE im Pfefferberg Theater, 3. März 2026, 20 Uhr.
Überhaupt die Nachbarskinder! Die ersten dicken Freundschaften und die Freiheit zum Spiel ohne elterliche Überwachung – das kommt mir heute am wertvollsten vor an den ersten Lebensjahren. Das war ein wesentlicher Faktor für eine schöne Kindheit in der DDR. Ich erkenne sie wieder und wieder in Torsten Harmsens Geschichten, die von der auch mir vertrauten Stullentasche, dem simplen Kinderfahrradsitz, den riesigen Spritzen mit beängstigend dicken Nadeln handeln.
Bekanntschaft mit diesen Sachen haben sicherlich auch viele im Westen gemacht, und viele Erinnerungen an die 1960er- und 1970er-Jahre sind nicht ostspezifisch sondern generationell – Dinge wie Bakelit, Bohnerwachs oder Eierdurchleuchter gehörten in eine bestimmte Zeit und waren irgendwann überholt.
Auch was die Risiken des Lebens, speziell des Kinderlebens betrifft, ähnelten sich Ost und West: Sie spielten nämlich trotz ihrer Allgegenwart hier wie da eine viel geringere Rolle als heute. Ein Kinderleben war in Ost und West zum Beispiel deshalb gefährlich, weil die Erwachsenen wie die Schlote rauchten und soffen wie die Löcher, einen Anschnallgurt im Auto für Freiheitsberaubung hielten. Große wie Kleine gaben stundenlang ungeschützt in der Sonne dem Hautkrebs Futter.


Was der Harmsen da von Beinahe-Großkatastrophen (Feuer! Wasser!) zu berichten hat! Sie sind verpackt in Geschichten, in denen der Fahrradkindersitz vorkommt oder die Streichhölzer oder die Sonnencreme oder Gifte wie die aus Opas Lackdose. Der mehrfach knapp davongekommene Harmsen staunt: „Ein Wunder, dass das ein paar von uns überlebt haben.“
Immer wieder wägt der Autor ab zwischen vermeintlichem Fortschritt (zum Beispiel hinsichtlich der Hygiene oder der Sicherheit) und den damit einhergehenden Verlusten. Als Bäh-Beispiel sei ein in unseren Breiten heutzutage eher seltenes „Objekt“ genannt: das Wurmmittel.
Da schoss mir doch in Erinnerung, wie mich meine Mutter zu mehr Händewaschen bewegen wollte, indem sie mich zum Blick ins Töpfchen meines Bruder, gleicher Jahrgang wie Harmsen, nötigte. Da wanden sich eklige weiße Würmer auf dem braunen Häufchen. Madenwürmer. Wir schleckten ja alle, wie auch Kind Harmsen, Brausepulver aus Dreckhänden oder aßen die dreieckigen Schötchen vom Hirtentäschel auf der Wiese – ungewaschen natürlich; sie dienten im Vater-Mutter-Kind-Spiel als „Käsecken“ beim Abendbrot. Sie merken: Immer neue Erinnerungsschubladen springen auf. Freuen Sie sich drauf, was Ihnen beim Lesen alles in die Rübe schießt.
Auch im Fall der Wurmplage stellt Harmsen eine kleine Gewinn-Verlust-Abwägung an. Statt der Tierchen trägt der Wohlstandsmensch der Gegenwart eben Allergien in sich. Da tritt der Wissenschaftsredakteur Harmsen auf, der sich mit allerlei ärgerlichen Fortschrittsfolgen auskennt.
Ein akutes Gegenwarts- und Zukunftsproblem handelt er anhand eines rostiges Nagels ab: Es geht um Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung – ein allgegenwärtiger Freund in Mangelgesellschaften und Hauptfeind der Massenkonsumwelt. Haargenau wie in meiner Familie herrschte bei Harmsens Aufhebewirtschaft („Kann man allet noch gebrauchen“) – zum Beispiel die rostigen Nägel, die der Opa aus ollen Brettern herauszog, geradekloppte und einlagerte – bis zu jenem Tag, da irgendwas neu zusammenzunageln war – und er genau den Nagel wieder brauchte und gar nicht erst in den Laden musste, wo sie die richtigen womöglich gar nicht gehabt hätten. Wohl dem, der einen Schuppen mit Werkzeug und Schraubzwingen hatte (wie Harmsens Opa und mein Vater). Ja, unsere Eltern und Großeltern haben Nachhaltigkeit gelebt!
Auftritt des „inneren Berliners“
Bei mir halten sich aus dieser Prägung heraus Reste eines milden Messietums. Der nachwendesozialisierte Nachwuchs macht sich lustig darüber: Da lagern Körbe voller Wollreste, eine Schubladenecke mit Gummis, die Kellerkiste mit Schrauben, eine stattliche Sammlung leerer Gläser.
Im Westen eher als Beweis für bemitleidenswerten Mangel abqualifiziert (man könnte ja jederzeit in den Baumarkt), könnte sich der Aufhebetrieb noch als Tugend erweisen, wenn es gilt, sich auf neue Zeiten abnehmenden Überflusses einzustellen. Im Osten hieß es, aus Stroh Gold zu spinnen. Ist es schlecht, das zu können? Harmsen schreibt sehr richtig: „Im Überfluss macht Basteln keinen Spaß mehr.“ Ja, auch um diesen verlorenen Spaß ist es schade.
Launig plaudernd, niemals mit erhobenem Zeigefinger, umkreist der Autor die Dinge seines Lebens, gelegentlich hilft sein „innerer Berliner“, die Sache auf den Punkt zu bringen – und zwar heftig berlinernd. Der darf das, denn es ist echt und eben kein aufgesetztes Gemache eines Möchtegern-Berliners.

Harmsens erstes lebenswichtiges Ding war übrigens eine Ernährungssonde für das Frühchen Torsten – womit er gleich zu Beginn ganz beiläufig klarmacht, dass es ihm nicht um zum Ostkult gehypte Dinge wie Ampel- und Sandmännchen geht. Sein Thema ist nicht Ostalgie, sondern das ganz normale Leben in der DDR, manchmal anstrengend, manchmal erhebend – mit in vielerlei Hinsicht prägenden Eigenheiten –, siehe Pionierwimpel und Westpaket. Trotz aller Besonderheiten auch mitteleuropatypisch.
Fragt sich, wie man diese Generation der um 1960 herum Geborenen wohl betiteln könnte. Eine gern gewählte Methode ist die, ein typisches Transportmittel zu wählen. So konnte man die Großeltern zur Generation Kübelwagen machen, auch Harmsens Opa war mit der Wehrmacht durch Europa gezogen. Ihnen folgte die Generation Handwagen, mein Vater kam als Aussiedler mit 18 Jahren aus dem heute polnischen Riesengebirge. Spätere Jahrgänge hießen im Westen Generation Golf. In Gen T (wie Trabi) können wir Harmsen nicht stecken, die Familie hatte kein Auto.

Ich schlage also vor: Generation Mifa. Mein erstes Fahrrad aus den Mitteldeutschen Fahrradwerken in Sangerhausen war rot, als Student besaß ich ein grünes Klapprad von dort. Harmsen hatte auch eins, erzählt die Geschichte des Objekts, und vergisst auch nicht den Spruch: „Wer Mifa fährt, fährt nie verkehrt, weil Mifa überhaupt nicht fährt.“ Ein bisschen rätselhaft ist der Reim, weil die Mifas ja lasteneselartig fuhren – außer wenn etwa der Mangel an Ventilteilchen andere zum Klau veranlasste: eine Kettenreaktion, die den Ehrlichen, der nicht mitmachte, als den Dummen zurückließ.


