True-Crime

„Das könnten unsere Remmos gewesen sein“: MDR-Doku beleuchtet den Kronjuwelenraub in Dresden

Der Dreiteiler „Millionencoup im Grünen Gewölbe“ zeichnet ein Verbrechen nach, das den Dresdenern an die Seele ging.

Des starken Augusts schöne Kronjuwelen: Sie waren futsch in 4 Minuten und 28 Sekunden.
Des starken Augusts schöne Kronjuwelen: Sie waren futsch in 4 Minuten und 28 Sekunden.Adrian Groß/MDR

Besser kann man eine True-Crime-Doku wie diese nicht beginnen, die Dresdener werden sich vor Lachen nicht mehr einkriegen. Oder vor Wut – je nachdem. „Bis zum 25.11 2019“, sagt eine Frauenstimme da, die sich später als die der MDR-Fernsehjournalistin Heike Römer-Menschel herausstellen wird, „galt das Grüne Gewölbe als total sicher“. Noch jemand anderes – der Ex-Sicherheitschef des Grünen Gewölbes, Michael John – stammelt im TV-Material aus dieser Zeit: „Das wollten wir in Dresden nie erleben!“

Residenzschloss ließ sich ausräumen wie eine Imbißbude

Das glaubt man ihm sehr gern, da der Einbruch in Dresdens Heiligtum bis heute Kopfschütteln und Unverständnis weckt. Denn nach wie vor klingt die Geschichte wie ein schrilles Heist-Movie, das ausgerechnet Dresden traf. Wie ein Film also, der sich auf ernsthafte oder ironische Weise mit der Vorbereitung und Durchführung eines Raubüberfalls befasst. In Dresden trug es sich so zu: Zwei Verbrecher kommen im Morgengrauen mit Äxten, steigen über ein Erdgeschossfenster des Residenzschlosses in eine „der bedeutendsten Schatzkammern der Welt“ ein, rauben Beute im Wert von 116 Millionen Euro – und entkommen galant. 4 Minuten 28 Sekunden brauchen sie dafür. Und als Außenstehender fragt man sich bis heute: Wozu bitteschön hat man Hochsicherheitskonzepte in Häusern wie dem Residenzschloss, wenn sie sich ausräumen lassen wie Imbissbuden? Wozu hochbezahlte Sicherheitschefs, wenn diese sich überrumpeln lassen wie ein eingepennter Nachtportier?

Der Dreiteiler aus der Reihe „ARD Crime Time“ ist zwar nicht mehr ganz frisch in der ARD-Mediathek, bemüht sich aber aufrichtig, den Einbruch in das Dresdner Residenzschloss noch einmal nachzukonstruieren. Nicht durch schlecht geschauspielerte Nachstellungen, wie man sie aus „Aktenzeichen XY“ kennt, sondern durch Erzählung und Bewertung der involvierten Aufklärer. Die beteiligten Ermittler, darunter die der SoKo „Epaulette“, dürfen ihre Fassungslosigkeit von damals noch einmal in Worte gießen.

Illustriert ist der Dreiteiler mit Animationen, zum Beispiel der, wie die Täter sich nach erfolgreichem Einstieg über den Pretiosensaal und das Wappenzimmer zum Juwelenzimmer durchschlugen, um dort die Axt zu zücken, die Vitrine zu zerschlagen und nach Erledigung des Bruchs die Feuerlöscher auszulösen. Es scheint, als soll hier medial all jene Sorgfalt nachgeliefert werden, an der es der Sicherheitscrew des Grünen Gewölbes seinerzeit gemangelt hat. Denn, so erfährt man, das Erdgeschossfenster, über das eingestiegen wurde, war tatsächlich ein „blinder Fleck“ in der sonst umfassenden Überwachung des Residenzschlosses mit Kameras und Bewegungsmeldern.

Diese Machart ist ehrenvoll auf der einen Seite, rührt aber anderseits das eigene Entsetzen über den Fall noch einmal auf und man muss aufpassen, nicht auf all jene wütend zu werden, die keine Schuld tragen, hier aber Rede und Antwort stehen. Und zum Beispiel darüber berichten, wie man nach diesem kaltschnäuzigen Coup über dem Glasbruch im Grünen Gewölbe stand und nicht wusste, was weg kann und was eventuell auch vergessener und zerstörter Edelstein ist. Schließlich langten die Verbrecher bei den 21 gestohlenen Schmückstücken vor allem bei den Diamanten zu.

„Wir können hier machen, was wir wollen“

Natürlich ist der Ausgang dieses Husarenstücks längst bekannt, auch die Tatsache, dass das Entscheidende bis heute verschwunden ist – die Beute selbst. Zumindest große Teile davon. Zu viele Spuren führten nach Berlin, wo die Beamten nach Blick auf die Brachialität des Vorgehens bald meinten, Parallelen im modus operandi zu erkennen: „Das könnten unsere Remmos gewesen sein!“ 2024 gab es Verurteilungen, fünf Mitglieder dieser berüchtigten Verbrecherband wurden zu mehrjährigen Haftstrafen zwischen vier und sechs Jahren verurteilt, ein weiterer freigesprochen.

Schon 2017 hatten die Clan-Mitglieder eine wertvolle Goldmünze auf gleiche Art aus dem Bode-Museum gestohlen, mehrere Millionen Euro wert, die bis heute nicht wieder aufgetaucht und wahrscheinlich eingeschmolzen ist. Die Unverfrorenheit dieser libanesisch-stämmigen Sippe ist dem deutschen Staat seit den Neunzigern bekannt, effizient etwas dagegen tun kann er offenbar nicht. Oder will er nicht? Man dankt jedenfalls dem Berliner Staatsanwalt Thomas Schulz-Spirohn, der in dieser Doku nichts zurückhält, was einem sowie schon klar war: Dass diese Herren über das deutsche Rechtssystem lachen, dass sie denken: „Wir können hier machen, was wir wollen, wir bestimmen die Regeln.“

Am Ende bleibt vor allem ein Gefühl der Wut zurück. Man hat alles gesehen, auch verstanden, kriegt aber nicht in den Kopf, warum diesen Clans nicht das Handwerk gelegt werden kann. Dabei ist die politische Dimension des Ganzen noch nicht einmal mitbetrachtet worden, die Enttäuschung der Bürger, die mögliche Veränderung ihres Wahlverhaltens etc. Die Doku insistiert nicht auf Aufklärung, sondern auf Unabgeschlossenheit. Ungewollt erzählt sie damit auch von der Serialität moderner Kriminalität: Jeder Fall ein Echo des vorherigen, jeder Einbruch ein Versprechen auf den nächsten.