Wie oft hat der wahrhaft Liebende sich schon gequält in der Volksbühne, wie oft schon saß er da und hat gedacht, raus hier! Das da vorn ist weder auszuhalten noch ist es lustig oder relevant. Und immer diese verzweifelten Lacher, die die Leute da oben in ihrem Treiben versehentlich bestätigen! An diesem Donnerstag, bei der Premiere der Stückentwicklung „Böses Glück“ mit Texten der dänischen Schriftstellerinnen Tove Ditlevsen und Olga Ravn, zusammengestückelt und auf die Bühne gerotzt von dem als Regisseur firmierenden Mitspieler Benny Claessens, war es noch schlimmer.
Der Befund lässt sich nicht damit relativieren, dass der gegenwärtige Schmerz einem stets der nächste ist. Und nein, man kann diesmal leider auch nicht auf die bei Theatermasochisten so gesuchte bereichernde Erfahrung durch Schmerz rechnen. Im Gegenteil: Wenn der unvergleichliche Georg Friedrich, dieser österreichische Verbrechertyp, gegen Ende ohne jeden Affekt die ohnehin schon zerstörte und vollgekrempelte Wohnbühne (Simeon Melchior) weiter zerlegt und dabei von einer Wunderheilung in der Psychiatrie berichtet, hat man das Gefühl, dass einem die letzten schönen und unschuldigen Erinnerungen aus den Falten der Seele gekämmt werden.
Ist es Hass, der uns von der Bühne entgegenschlägt? Ist es Hass, den Claessens will, den er braucht? Sollen wir uns darüber verbinden? Dürfen wir das unter den geltenden Gesetzen überhaupt? Als drei quälende Stunden schon geschafft waren und man mit letzter Kraft wieder hoffen durfte, dass es nun vielleicht doch überstanden wäre, begibt sich Nikolay Sidorenko noch einmal zum Wasserspender, nimmt Platz, befeuchtet sich die Kehle, um für weitere quälende Ewigkeitsminuten zu einem autoreflexiven Epilog anzusetzen. Da ist die Rede von einer alten Diva namens Traudl Birkenstock, die ganz offenbar das Alter Ego von Benny Claessens ist und die nicht nur den Regisseur verachtet, sondern – alles. Also ja, es ist Hass, aber es endet mit Liebe.
Schreiend zum Späti
Lesen wir mal in die Stückfassung rein: „Das, was Traudl da empfunden hat, konnte nur Hass sein. Hass dem Regisseur gegenüber. Hass der jungen Kollegin gegenüber. Hass mir gegenüber. Hass sich selbst gegenüber. Hass dem Architekten gegenüber, der das Theater an diesem schrecklichen Sonntag um sie herum gebaut hat ... Das war alles Hass. Und ich sah, wie sie in dem Moment auch selbst davon überzeugt war, dass das alles nicht ihr Hass war, sondern unser Hass.“ Hier, bitte. Unseren Hass habt ihr euch verdient.
Der motorisch verschleppte Epilogsprecher merkt noch an, wie sich die Reihen während der Premiere leeren, wie sie über diese „Wichserei von einem Theater“ fluchen. Immerhin ist er dann nicht allein auf der Premierenfeier. „Da war meine Familie. Meine Mutter, die von meinem Text kein Wort verstanden hat, weil sie kein Deutsch redet. Sie hat mich aber geliebt. Mein Partner auch. Weil sie nichts verstanden. Und ich fühlte mich so frei wie nie.“ Schön für Benny. Und frei war nach diesen letzten Worten auch das Publikum.
Der Volksbühne, die sich während der Vorstellung schon beachtlich geleert hatte, entströmten schreiende Zuschauer, die zu den nahe liegenden Spätis hetzten, um sich irgendwas Kühlendes auf die ausgetrockneten und geschwollenen Hirnlappen zu kippen. Also zumindest wäre das eine nachvollziehbare Reaktion gewesen. Es wurde stattdessen sogar geklatscht.
Die Besetzung besteht aus den geliebtesten Volksbühnenkäuzen und Sonderlingen: Der schöne Franz Beil, der in seiner Karriere auch mit penetrantester Soufflage keinen einzigen geraden Satz herausbekommen hat und jedes dritte Wort mit einem Seufzer der Mühe befrachtet. Die neoprenstraffe Neuköllner Deutsch-Rapperin Adden, die sich schon in „Weiße Witwe“ immer mal die Rampe freiballerte. Oder die seit den goldenen Schlingensief-Jahren Befehlsgewalt ausübende Kerstin Graßmann: Hier palavert sie als Stammkneipentherapeutin oder Psychoguru Lebensweisheiten weiter, die ihr die tapfere Souffleuse diktiert – und auch diese gehört zu den Volksbühnenhaudegen, heißt Elisabeth Zumpe und ist passenderweise als Krankenschwester gewandet.
Die Hauptrolle – zusammengeflickt aus Versatzteilen der sozial und psychisch gepeinigten Frau aus Tove Ditlevsens spät wiederentdeckten autofiktionalen Romanen – spielt Ann Göbel, bei der man nie weiß, wie ihr geschieht. Bricht sie gleich in Tränen aus? Oder in einen Lachkrampf? Braucht sie was, muss sie mal? Versagt ihr bei ihrem durchdringenden, herzfressenden Quetsch- und Quakton die Stimme? Kollabiert sie? Schnippst sie in die Kulisse? Sie ist eine Erscheinung, eine furiose Lamento-Begabung wie Fabian Hinrichs, nur in echter klirrender Glockenreinheit und ohne störendes Reflexionsorgan?

Man möchte ihr und allen anderen immer und bei allem zugucken. Umso trauriger und enervierender ist es, wie dieses Personal seine Präsenz und Kraft ohne jede Wirkung und Adresse wegkippt. Ja, schon verstanden: Kunst und Krankheit sind zu groß für alle bürgerlichen Systeme, Gestaltung ist Verrat, Verweigerung ist allererste Theaterspießerpflicht. Dieser Abend ist geeignet, alles zusammenbrechen und als einen Irrtum erscheinen zu lassen, was man in diesem Haus schon erlebt hat. Zum Glück setzt nach diesem kleinen und sehr angemessenen Ausbruch von Rache das Vergessen schon ein.



