Theater und Literatur

„Kotzbrocken“ und „Mistbiene“: Wie Judi Dench ihre Liebe zu Shakespeare verströmt

Von Ophelia bis Cleopatra: Denchs Shakespeare-Buch vereint Liebeserklärung und Werkstattbericht aus sieben Jahrzehnten Theater. Warum es jeder braucht.

Dame Judi Dench vor einem guten Jahr
Dame Judi Dench vor einem guten JahrIMAGO/Adrian Sherratt

Nicht nur durch ihre lebenslange intensive Beschäftigung mit seinen Stücken und Figuren ist Dame Judith „Judi“ Olivia Dench mit Shakespeare verbunden. Die britische Schauspielerin, weltweit vermutlich am bekanntesten für ihre Rolle als James Bonds Vorgesetzte M, wurde 1934 in York geboren, stieg 1957 am Old Vic ein, war seit 1961 Mitglied der Royal-Shakespeare-Company, spielte unter anderem Ophelia, Julia, Lady Macbeth, Cleopatra und erhielt einen Oscar für die beste Nebenrolle als Königin Elisabeth I. in „Shakespeare in Love“. Sie könne, sagt sie selbst, viele Shakespeare-Stücke auswendig, nicht nur die Rollen, die sie gespielt hat. Es kann passieren, dass die inzwischen fast erblindete 91-Jährige anfängt zu rezitieren, sie habe das schon als Kind gemacht, es habe damals keinen Fernseher gegeben.

Was sie aber auch mit Shakespeare verbindet, und was ihr wirklich etwas zu bedeuten scheint, ist der durch eine BBC-Sendung bekannt gewordene Umstand, dass ihre Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßtante mütterlicherseits, eine gewisse Beate Brahe (1526–1605), Hofdame bei der dänischen Königin war und den berühmten Astronomen Tycho Brahe auf die Welt brachte, der seine Nase durch einen Schwertkampf verlor und durch eine metallene ersetzte. Es gibt ein Porträt von Tycho, noch mit Fleischnase, auf seinem Stammbaum – und darauf finden sich die Namen Rosencrantz und Guildenstern.

Judi Dench als Ophelia am Old Vic 1957
Judi Dench als Ophelia am Old Vic 1957Imago/United Archives / kpa Keystone

So, und jetzt kommt’s: Will Kempe, einer von Shakespeares Narren-Darstellern, spielte vor der dänischen Königin, als Beate Brahe in ihren Diensten stand – und also sicher auch im Publikum saß. Möglicherweise hat Kempe die seltsamen Namen der Brahe-Ahnen aufgeschnappt und Shakespeare mitgebracht, auf dass dieser sie den beiden Freunden und Verrätern von Hamlet gab. Es ist sogar denkbar, dass Shakespeare bei dem dänischen Gastspiel dabei war. „Schau mal, mein Arm“, sagt Judi Dench zu ihrem Kollegen und Gesprächspartner Brendan O’Hea. „Ich hab Gänsehaut. Wenn ich mir vorstelle, dass ich vielleicht – ganz vielleicht – durch meine Vorfahren den Saum von Shakespeares Wams berührt haben könnte.“

Die Geschichte erzählt Judi Dench in dem Epilog zu ihrem wunderbaren Buch „Shakespeare – der Mann, der die Miete zahlt“. Die dort gesammelten Interviews sind von unerschöpflicher Kenntnis, von tiefer Liebe zum Gegenstand und vor allem von guter Laune getragen. Die beiden gehen anhand der Stücke, in denen sie spielte, die Stationen ihres Lebens durch. Vielleicht ist es auch umgedreht. So viel, wie Dench und O’Hae wissen und verschenken, so wenig protzen sie damit herum.

Man verliert den Anschluss an ihre Gedanken nicht, weil sie gründlich erzählen, worum es in den Stücken geht, aber man hat nicht einen Moment den Eindruck, dass sie irgendwie davon aufgehalten wären. Sie landen sofort bei den spannenden Konflikten und tiefen Analysen. Sie reden von den Figuren wie von leibhaftigen Menschen, aber auch von Sinn und Gestalt der Shakespeare’schen Herzrhythmus-Jamben und wie man damit umgeht. Der Zugang aus der Praxis ist belebend und manchmal frappierend, aber vermutlich der gültigste, hat man es bei Shakespeare doch mit einem Theatermann zu tun, dessen Stücke die Leiblichkeit der Bühne und die Unmittelbarkeit der Probe atmen.

Dame Judi Dench als Queen Elizabeth in: „Shakespeare in Love“, USA 1998
Dame Judi Dench als Queen Elizabeth in: „Shakespeare in Love“, USA 1998Imago

Das heißt übrigens nicht, dass Dench alles toll finden würde, was Shakespeare geschrieben hat. „Der Kaufmann von Venedig“ heißt zum Beispiel „Der Kotzbrocken von Venedig“ bei ihr. Wenn in dem Stück der Prinz von Marokko, der um Portias Hand anhält, das falsche Kästchen wählt und wieder gehen muss, stößt diese einen sehr erleichterten Zweizeiler aus: „Ein Glück! Geschafft! Komm, zieh den Vorhang glatt./ Wählte doch jeder so, der seine Farbe hat.“ Dench kommentiert: „Das ist doch furchtbar, sie so was sagen zu lassen, so was Gemeines – die motzt rum wegen seiner Hautfarbe – schierer Rassismus. Sie ist eine richtige Mistbiene. Aber die sind ja alle nicht besser, die sind einfach zum Kotzen … Aber bei den Elisabethanern ist das wahrscheinlich sehr gut angekommen. Gott, ein widerliches Stück.“

O’Hea will sie zur Raison rufen, schließlich wolle man den Shakespeare-Staffelstab an kommende Generationen weiterreichen. „Da draußen ist mit Sicherheit irgendwer, der diese Rolle lieber heute als morgen spielen möchte.“ – „Na, dann viel Glück. Aber erwartet bitte nicht, dass ich im Publikum bin.“

Noch viel zahlreicher als solche herzhaften Unflätigkeiten sind schwärmerische Passagen, sich aufschaukelnde Interpretationen, wechselnde Figurenperspektiven, aber auch Erinnerungen, die stets wie neu entdeckt klingen. Und bitte, wer irgendeinen Schauspieler kennt – wer täte das nicht? –, der schenke ihm dieses Buch, es kommen en passant ganz unerlässliche, ebenfalls aus der Bühnenpraxis gewonnene Ratschläge vor, die einem die Augen über so viele Irrtümer öffnen, die dieser Beruf mit sich bringt.

Sehr viel daran ist Handwerk, auch viel Mundwerk, Dienst am Publikum und am Stück. Dench spricht von Hausaufgaben und von sinnlos zerquasselten Proben. Sie beschreibt, wie verschieden die Regisseure in ihrer Laufbahn gearbeitet haben, schießt mit Anekdoten um sich, sie macht sich lustig über die alten Deklamatoren, verflucht Gesichtsmikrofone und aufgepfropfte Botschaften von sendungsbewussten Regisseuren. Man kommt ins Grübeln, aber wie gern auch würde man ein bisschen an den Raum- und Zeiträdchen drehen und mit Judi und Brendan in Jürgen Goschs Düsseldorfer „Macbeth“-Inszenierung gehen, die vor auch schon wieder zwanzig Jahren die Ekeltheaterdebatte ausgelöst hat.

Es ist natürlich immer so eine Sache mit zu Papier gebrachten Gesprächen, aber hier ist es gelungen, auch wegen der leichten, plaudertonerhaltenden Übersetzung von Christa Schuenke (siehe zum Beispiel „Kotzbrocken“ und „Mistbiene“). Und natürlich muss man dieses Buch auf Papier lesen, im Licht einer Bankierslampe mit grünem Glasschirm, im Chesterfield-Sessel sitzend, einen englischen Tee zur Hand. Umso härter war es, dass das Buch vor Weihnachten vergriffen und nicht mehr lieferbar war, weil der Verlag den Besitzer gewechselt und unter dem Papiermangel zu leiden hatte. Wir wissen nicht, ob dafür der Wald von Birnam abgeholzt werden musste, aber das Buch wurde nun nachgedruckt.

Judi Dench „Shakespeare – Der Mann, der die Miete zahlt“ mit Brendan O’Hea (Autor) und Christa Schuenke (Übersetzer). Dörlemann, Zürich 2025, 528 Seiten, 34 Euro