Kino

Klassenkampf in Kreuzberg: „Scherbenland“ erzählt von Rio Reiser und seinen Erben

Gibt es Rebellion à la Rio Reiser noch? Die Filmemacher Lutz Pehnert und Ferdinand Hübner haben sich in Kreuzberg umgesehen – mit RapK und Maike Rosa Vogel. Ein Weckruf.

RapK in Kreuzberg: Sie singen von ihrem Kiez samt Gentrifizierung.
RapK in Kreuzberg: Sie singen von ihrem Kiez samt Gentrifizierung.Salzgeber

Achtsamkeit und Work-Life-Balance waren 1970 vermutlich auch in Kreuzberg noch Fremdwörter, als Rio Reiser „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ schmetterte. Gleichwohl ist das Lied von Reisers West-Berliner Band Ton Steine Scherben ja ein Appell, besser auf sich achtzugeben; sich nicht selbstausbeutend ins (kapitalistische) System einzufügen.

All dies aber nicht in einer Wellnesssprache für linksgrüne Akademiker. Sondern als Lied vor allem für die Lehrlinge. Rio Reiser war kein Elfenbeinturm-Theoretiker. Nein, er wollte berühren – und glasklar verstanden werden. Um die Leute wachzurufen für die Rebellion. Reiser, der mit seinem älteren Bruder von Frankfurt am Main nach Berlin in die Oranienstraße zog, rüttelte am Status quo. Denn auch in Kreuzberg tobte der Klassenkampf.

Wie ist es heute um Kreuzberg bestellt? Um den fast mittigen Stadtteil, geschichtlich geprägt von Arbeitern, Türken und Hausbesetzern? (Selbstredend kann man auch all dies zugleich sein.) Die Filmemacher Lutz Pehnert („DDR ahoi!“, „Wir Ostdeutsche“), 1961 geboren in Ost-Berlin, und Ferdinand Hübner, Jahrgang 2003, begeben sich 30 Jahre nach Rio Reisers Tod in ihrem stimmungsvoll collagierten Dokumentarfilm „Scherbenland“ auf Spurensuche – nach den geistigen Erben Rio Reisers, wenn man so sagen will.

Da sind zum einen Victor, Tariq und Gustav von der Kreuzberger Hip-Hop-Crew namens RapK. Die drei kennen sich seit dem Kindergarten. Ihre ersten Gigs spielten sie in Jugendzentren am Halleschen und Schlesischen Tor. RapK erzählen in ihren Tracks vom Kreuzberger Alltag in ihrer Nachbarschaft – von Drogen und Gentrifizierung, Racial Profiling im Görli und der Polizeiwache am Kotti.

Gustav, Tariq und Victor (v.l.n.r.) sind zusammen RapK: Szene aus „Scherbenland“
Gustav, Tariq und Victor (v.l.n.r.) sind zusammen RapK: Szene aus „Scherbenland“Salzgeber

Inzwischen füllen RapK große Berliner Konzert-Venues, vom Huxleys bis zur Columbiahalle. Besonders am Herzen aber liegt ihnen, auch das erfahren wir in „Scherbenland“, ihr alljährliches Gratiskonzert am 1. Mai. 2024 traten sie dabei vor mehr als 10.000 Menschen auf dem Rio-Reiser-Platz im Herzen Kreuzbergs auf, der seit 2022 so getauft ist. 2025 bringen RapK einen Song namens „Scherbenland“ heraus, der schließlich auch dem Pehnert/Hübner-Film den Namen schenkt.

Scherbenland, das meint wohl den gebrochenen inneren Zustand des lyrischen Ichs im RapK-Track. Aber auch die Außenwelt von Kreuzberg. „Ich glaub, ich hab mich verlorn / In einem Land namens Kreuzberg“, sprechsingt RapKs Victor im Lied „Prinzessinnenbad“. Er holt dann aber auch zart-lakonisch hoffnungsvoll aus: „Ja, Tauben fliegen übern Zaun / Das kannst du auch, wenn du hier aufwächst, mhm.“ Mhm.

RapK und Maike Rosa Vogel haben Rios Spirit inhaliert

Die Sprache und die Sounds von RapK sind ganz andere als die von Rio Reiser. Gleichwohl spürt man, dass die drei jungen Kreuzberger den Reiser-Spirit inhaliert haben. Pehnert und Hübner, zwei Berliner zweier Generationen, suchten, eigenen Aussagen zufolge, nicht dezidiert nach Rebellen oder Protestsängern, als sie die „Rios“ und die „Scherben“ unserer Tage ausfindig machen wollten. Es ging ihnen offenbar um etwas anderes.

RapK verstehen ihre Lieder nicht mal als vorsätzlich sozialkritisch oder sogar politisch. Es geht ihnen vor allem darum, ihre Umgebung zu beschreiben. Sie legen die Finger in die Wunden. Und lassen das Leben fühlen. Das Leben von Menschen, die an einem Ort leben, der von außen allzu oft als „Problembezirk“ oder „No-Go-Area“ verleumdet wird.

Maike Rosa Vogel mit goldener Antifa-Kette: Szene aus dem Dokfilm „Scherbenland“
Maike Rosa Vogel mit goldener Antifa-Kette: Szene aus dem Dokfilm „Scherbenland“Salzgeber

Während RapK seit Jahren immer erfolgreicher werden, hat sich die Liedermacherin Maike Rosa Vogel gewissermaßen für den gegenteiligen Weg entschieden. Neben RapK, Rio Reiser (und natürlich Kreuzberg selbst) ist sie eine weitere wichtige Protagonistin im „Scherbenland“-Film. Wie Reiser selbst zog auch Maike Rosa Vogel einst von Frankfurt am Main nach Kreuzberg. Bloß etwas später, Mitte der Nullerjahre, als Reiser schon tot war.

Zu größerer Bekanntheit verhalf ihr auch, dass sie vom Element-of-Crime-Sänger Sven Regener in einem Kreuzberger Kellerlokal entdeckt wurde. Doch Vogel, die sich vorzugsweise selbst auf der akustischen Gitarre begleitet, hat sich inzwischen gegen den Szene-Fame entschieden. Sie betritt keine Bühne mehr, sondern jobbt lieber nachhaltig im Second-Hand-Klamottenladen.

„Der Mariannenplatz war blau, so viele Bullen waren da“

Viele, die Vogel (den zweiten Vornamen hat sie Rosa Luxemburg zu verdanken) für ihre mitreißenden, sehr persönlichen Polit-Lieder feiern, die klanglich geschult an Björk und Sinéad O’Connor sind, aber auch vom Leben mit Hartz IV erzählen und sich dabei gegen Demütigungen und andere Fremdzuschreibungen wenden, hoffen auf ein Comeback. Ob Vogel ihnen diese Freude irgendwann doch noch macht?

Da Pehnert/Hübner in ihrem Film eher atmosphärisch-stimmig zwischen historisch dokumentierenden Bewegtbildern aus dem Archiv, (freilich auch Rio-Reiser-Auftritten und -Interviews) und aufschlussreichen Kreuzberg-Spaziergängen mit ihren Protagonisten der Gegenwart wechseln, geht es ihnen offenkundig weniger um Pop-Chronologie oder Kausalitäten – sondern um einen Essay, der den Geist von Kreuzberg einfängt. Oder die Geister. O-Ton Pehnert, der 2022 auf der Berlinale für „Bettina“ (über die DDR-Lyrikerin und Liedermacherin Bettina Wegner) ausgezeichnet wurde: „Rio Reisers Songs sind die Untoten von Kreuzberg.“

So erfahren wir von der Besetzung des Bethanien, an der Ton Steine Scherben 1971 maßgeblich beteiligt waren – und wir hören Rio Reisers „Rauch-Haus-Song“, der sich darauf bezieht: „Der Mariannenplatz war blau, so viele Bullen waren da.“ Sowieso sehen wir immer wieder: Rio Reisers mutige Lippen. Und die kompromisslosen Worte, die sie formten.

Zugleich gibt es gewissermaßen auch den Hausbesetzer-Moment in der Gegenwart: Victor nimmt uns mit zu seinem Vater in die Kreuzberger Wohnung. Dem wurde „wegen Eigenbedarfs“ gekündigt. Victors Vater will vor Gericht dagegen vorgehen. Und wenn alles nichts nützt, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln, will er sich allenfalls von der Polizei raustragen lassen. „Und dann gibt’s eine Party auf der Straße mit unserer Musikerfamilie.“

Er blickt seinen Sohn an, dann zeigt er auf den Boden: „Wenn man weiß, dass er hier geboren ist, auf diesem Teppich – man kann sich da nicht rauskicken lassen, oder?“ Was Rio Reiser dazu sagen würde, das ist sowieso klar.

Scherbenland. Dokumentarfilm. 100 Minuten, Weltpremiere am 21. April auf dem „Achtung Berlin“-Festival, regulärer Kinostart: 30. April.