Sebastian Studnitzky hat die Reißleine gezogen. Eigentlich sollte das von ihm gegründete XJazz-Festival im Mai zum zwölften Mal in Kreuzberg stattfinden. Doch bis dato ist unklar, ob das eingepreiste Fördergeld auch fließen wird – trotz eigenen Postens im Haushaltsbeschluss der Senatsverwaltung für Kultur. Der Grund dahinter mutet paradox an: Da in den letzten Jahren die Förderzusage immer erst kurz vor Festivalbeginn erfolgt ist, aber die Festivalmacher schon vorab mit ihren Planungen beginnen mussten, haben sie, streng bürokratisch betrachtet, zwangsläufig gegen Förderauflagen verstoßen, was zu Sanktionen führt. Ein Teufelskreis.
Dabei ist das XJazz eine Berliner Erfolgsgeschichte und gilt nicht nur bei Jazz-Nerds als einer der wichtigsten Termine im europäischen Festivalkalender. Kommerziell profitabel war das trotzdem nie: Zuletzt hatte das XJazz Ausgaben von rund 500.000 Euro. Ein guter Teil davon konnte über Tickets eingenommen werden. Rund 200.000 Euro Förderung brauchte es trotzdem. Kommt nun also das Aus?
Herr Studnitzky, sehen Sie eine Chance, dass das XJazz vielleicht doch noch dieses Jahr stattfinden kann, in der zweiten Jahreshälfte?
Ja, es gibt eine Chance – es ist auch die einzige Chance, dass das Festival als Ganzes am Leben bleibt. Wir haben der Verwaltung eine einmalige Verschiebung in den Herbst zur Rettung des Festivals vorgeschlagen, und die Verwaltung hat recht unverbindlich Gesprächsbereitschaft signalisiert. Eine Verschiebung würde der Verwaltung die Zeit geben, die sie offensichtlich braucht, um den Förderbescheid zu erteilen – und uns die Möglichkeit, das Festival zu retten.

Und was bräuchten Sie dazu?
Was wir brauchen, ist im Grunde einfach: eine zügige Entscheidung und einen Förderbescheid mit realistischen Rahmenbedingungen. Die Fördersumme, die das Abgeordnetenhaus beschlossen hat, steht ja im Haushalt. Es geht nicht ums Geld – es geht darum, dass die Verwaltung den parlamentarischen Beschluss umsetzt. Und zwar jetzt, nicht in drei Monaten. Dass es inhaltlich natürlich nicht wahnsinnig sinnvoll ist, ein sich schon mitten in der Umsetzung befindendes Festival abzusagen, und auch einen hohen finanziellen und reputativen Schaden zu verursachen, ist die andere Sache.
Wie geht es Ihnen vorerst mit dem Status quo?
Ehrlich gesagt: erschöpft. Wir haben dieses Festival aus dem Nichts aufgebaut, mit privatem Geld und zum Großteil ehrenamtlich und unter großem Einsatz von privaten Mitteln. Eine Bundesjury hat es zum besten Festival Deutschlands gewählt. Und trotzdem stehen wir jedes Jahr wieder am gleichen Punkt – nicht weil das Festival nicht funktioniert, sondern weil das Fördersystem nicht funktioniert.
„Die Vorschriften passen nicht zur Realität“
Sind Sie enttäuscht von oder wütend auf die Kultursenatorin oder ihre Verwaltung?
Ich bin nicht wütend auf einzelne Personen. Die Verwaltung macht Dienst nach Vorschrift – aber die Vorschriften passen nicht zur Realität. Es ist frustrierend, dass man die offensichtlichen strukturellen Probleme der Förderung auf der einen Seite anerkennt und uns auf der anderen Seite nicht ordnungsgemäße Geschäftsführung vorwirft, wenn wir unter extremem Druck und hohem privaten Risiko innerhalb dieser dysfunktionalen Kombination aus maximal überbürokratisiertem Förderkonstrukt und maximal später Förderzusage das Festival trotzdem auf die Beine stellen.
Wütend bin ich darüber, dass dieses Problem seit Jahren bekannt ist, von uns aktiv adressiert wird, und die Politik es trotzdem nicht schafft, die Instrumente zu reformieren. Und das in Zeiten, in denen es eh wenig Gelder für Kultur gibt und bereits beschlossene Mittel auf so eine absurde Weise bürokratisch zerrieben werden. Das ist frustrierend, weil es so unnötig ist. Der Bund macht mit der Initiative Musik vor, dass es anders geht – professionell, reibungslos, im selben Festival.

Ist der Fall XJazz exemplarisch für ein größeres Problem von Kulturförderung in Berlin? Oder ist Ihr Festival durch seinen besonderen Charakter doch ein Spezialfall?
Beides. Das strukturelle Problem betrifft alle Festivals und projektorientierte Kulturarbeit in Berlin, die in der ersten Jahreshälfte stattfindet: Eigentlich braucht ein Festival in der Größenordnung einen Vorlauf von einem Jahr und muss allerspätestens im Dezember – mit dem Haushaltsbeschluss – mit der Umsetzung beginnen. Da wir in der heißen Phase der Planung und Umsetzung aber noch gar keine Infos zum letztendlichen Förderkonstrukt, zum sogenannten Maßnahmenbeginn (ab dem man offiziell erst mit der Planung beginnen darf) und vor allem zur verbindlichen Förderzusage haben, werden wir in förderwidriges Handeln gezwungen – und dafür dann nachträglich sanktioniert.
Welche Auswirkungen hatte das auf Ihre Arbeit?
Das Festival wurde in den letzten Jahren durch dieses Förder-Hin-und-Her und den damit verbundenen massiven bürokratischen Aufwand so extrem behindert in der heißen Phase der Umsetzung, dass alleine daraus schon ein finanzieller Schaden entsteht. Den tragen wir ehrenamtlich arbeitenden Macher privat, und werden dann im Nachhinein noch für „förderwidriges Verhalten“ sanktioniert, was wir dann wiederum aus privaten Mitteln tragen müssen.

Stehen Sie da alleine? Oder ist das bei vielen so?
Das ist nicht unser Problem allein, das betrifft viele Akteure. Die meisten derart geförderten Projekte finden deshalb in der zweiten Jahreshälfte statt, was inhaltlich nicht sinnvoll ist, aber besser in die bestehenden bürokratischen Strukturen passt. Der besondere Charakter des XJazz macht die Absurdität nur besonders sichtbar: Wir erreichen über 10.000 Besucher, haben ein für Jazz einmalig junges Publikum, internationale Strahlkraft, den Deutschen Jazzpreis – und trotzdem behandelt die Verwaltung uns de facto als nicht förderfähig. Das zeigt, dass es nicht um die Qualität der Arbeit geht, sondern um ein System, das nur aus bürokratischer Sicht beurteilt und seine eigenen Akteure zerreibt.
Zwischen Jazz, Electro, Klassik und Experiment
Durch das Feedback, das Sie in den vergangenen Festivaljahren bekommen haben: Hat XJazz dabei geholfen, Berlin als wichtige europäische Jazz-Stadt zu etablieren? Oder ist London unschlagbar, was jungen, hippen Jazz angeht?
Berlin hat in den letzten zehn Jahren eine der aufregendsten Jazzszenen Europas entwickelt – jung, international, genreübergreifend. Das XJazz hat dazu beigetragen, diese Szene sichtbar zu machen: für ein internationales Publikum, für die Musikindustrie, für Booker und Journalisten weltweit. Das Feedback von internationalen Künstlern und Partnern ist seit Jahren eindeutig: XJazz ist einer der wichtigsten Termine im europäischen Jazzkalender.
London hat eine fantastische Szene, keine Frage – aber Berlin hat etwas anderes: eine Durchlässigkeit zwischen Jazz, Elektronik, Klassik und experimenteller Musik, die es so nirgendwo sonst gibt. Und ein Publikum, das diese Durchlässigkeit mitträgt. Das XJazz bildet genau das ab. Wir haben in den letzten Jahren auf der einen Seite einen stark ansteigenden Anteil an internationalem Publikum und viele Rückmeldungen, dass gerade die Qualität der noch unbekannten Berliner Bands den Reiz des Festivals ausmacht. Diese Position ist jetzt gefährdet – nicht durch den Wettbewerb mit London, sondern durch die eigene Verwaltung.

Was kann das XJazz, was das große, öffentlich geförderte Jazzfest Berlin nicht kann?
Das Jazzfest Berlin ist eine großartige Institution mit einer langen Tradition und einem klaren kuratorischen Profil. Was XJazz anders macht, ist der Ansatz: Wir sind ein Stadtfestival. 60 Konzerte an Dutzenden Orten über mehrere Tage – Clubs, Kirche, urbane Festival Area, Open Air. Wir bringen Jazz dahin, wo die Leute sind, nicht in den Konzertsaal.


