Bücherfrage

Shirin Sojitrawalla empfiehlt: Roger Willemsens Leseverführungen, Heike Geißlers „Verzweiflungen“

Ein Blick auf die Lesestapel des Jahres lenkt die Augen auf Schätze, mit denen man andere glücklich machen kann. In der Bücherfrage gibt es diesmal Buchempfehlungen.

Shirin Sojitrawalla, Literatur- und Theaterkritikerin
Shirin Sojitrawalla, Literatur- und TheaterkritikerinAlexa Sommer

Weihnachten steht vor der Tür, die Buchhandlungen haben noch verlässlich Geschenke im Angebot. Fragen wir die Literatur- und Theaterkritikerin Shirin Sojitrawalla, die vor zehn Tagen im Literarischen Colloquium Berlin den Jörg-Henle-Preis für Literaturkritik überreicht bekam: Welche drei Bücher sollte man seinen liebsten Menschen schenken?

Shirin Sojitrawalla: Mit Herman Melvilles „Billy Budd“ kann man alle glücklich machen, die für Bücher wenig Zeit finden. Wenn man es fertig gelesen hat, denkt man nämlich, man taucht aus einem 800-Seiten-Roman wieder auf. Aber das Buch, unter anderem bei Diogenes in der Übersetzung von Lislott Pfaff und Richard Moering erschienen, ist eher eine Novelle als ein Roman. Wie Melville das schafft? Er ist ein gewiefter moderner Erzähler. Das Ganze spielt auf einem Schiff, mich interessieren Schiffe eigentlich überhaupt nicht, aber ich habe dieses Buch wirklich atemlos gelesen und bin dankbar, dass der österreichische Autor Michael Köhlmeier es mir so ans Herz gelegt hatte.

Ein Buch, mit dem man allen, die Literatur lieben, eine Freude machen kann, ist „Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Büchern“, das Insa Wilke aus dem Nachlass von Roger Willemsen herausgegeben hat (S. Fischer Verlag). Der Autor, Moderator und Filmproduzent war ja ein großer Verführer zum Nachdenken über Kunst, Musik, Film – und dieses Buch verführt uns wirklich zum Lesen. Es ist zugleich wahnsinnig unterhaltsam und sehr erkenntnisreich. Außerdem wimmelt es in diesem Buch von Buchtipps, die immer zwischen die Kapitel gestreut sind. Es sind kleine Zusammenfassungen – wie Mini-Kritiken. Ich habe mir ganz viel rausgeschrieben, was ich jetzt wieder oder neu lesen möchte. Also, es ist ein tolles Lesebuch übers Lesen.

Und als Drittes möchte ich noch Heike Geißlers „Verzweiflungen“ (Suhrkamp) empfehlen. Dafür hat sie den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch bekommen, sehr zu Recht. Wie sie über ihre privaten Verzweiflungen schreibt, das lässt sich gut auf einen gesellschaftlichen Zustand übertragen. Und ihr Essay besitzt, wie immer bei dieser Autorin, enorm viel utopisches Potenzial. Das ist sehr anregend und inspirierend. Heike Geißler schreibt nicht ohne Humor: Obwohl es um so ganz grundsätzliche Kümmernisse geht in dem Buch, ist es erhellend und erheiternd.