Kulturpolitik

In Leipzig schlägt Wolfram Weimer Wut entgegen: Und der Kulturstaatsminister weicht aus

Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ist in Leipzig ein rotes Tuch. Man darf gespannt sein, wie er bei der Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus empfangen wird.

Wolfram Weimer (parteilos) hat es in kurzer Zeit geschafft, die gesamte Buchbranche gegen sich aufzubringen.
Wolfram Weimer (parteilos) hat es in kurzer Zeit geschafft, die gesamte Buchbranche gegen sich aufzubringen.Fabian Sommer/dpa

Am Mittwochabend eröffnet die Leipziger Buchmesse mit einem Festakt im Leipziger Gewandhaus und der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wird ein Grußwort sprechen. Den Rundgang über die Buchmesse am Donnerstag hat er abgesagt: Er müsse an einer Bundestagsdebatte teilnehmen. Es ist ein Termin, der ihm gelegen gekommen sein muss, denn in der Buchstadt Leipzig ist der Kulturstaatsminister derzeit ein rotes Tuch, hat er es doch binnen weniger Wochen geschafft, die ganze Branche gegen sich aufzubringen. Unbequeme Begegnungen wären bei dem Rundgang kaum zu vermeiden gewesen.

Aufgrund seines Umgangs mit dem Buchhandlungspreis, für den er den Verfassungsschutz einschaltete und drei nominierte linke Buchläden von der Liste strich, schlägt ihm die Wut entgegen, die auch über die Buchbranche hinausgeht. Die Preisverleihung, die am Donnerstag stattfinden sollte, hat er schon vor Tagen abgesagt.

Aber es ist nicht nur sein anmaßender Umgang mit dem Preis, weswegen er in Leipzig nicht willkommen sein dürfte. Vor einigen Tagen hat der Kulturstaatsminister auch noch gegen die Realisierung des geplanten Erweiterungsbaus der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig entschieden. Die Sammlung körperlicher Medienwerke bis weit in die Zukunft hinein sei nicht mehr zeitgemäß; die Deutsche Nationalbibliothek solle sich stärker auf die digitale Sammlung konzentrieren, begründete er seine Entscheidung.

Mit den Worten „Ist unnötig, kann weg“ könnte man Weimers Argumente zusammenfassen. Sieben Millionen Euro, die bereits in die seit 2018 laufende Planung gingen, hätte man damit in den Sand gesetzt. Und hat der Kulturstaatsminister schon mal was von schlechtem Timing gehört?

Protest gegen Weimers Umgang mit Leipzigs Nationalbibliothek

Protest kam umgehend von der Ostbeauftragten, die Weimers Entscheidung „unverständlich“ nannte, vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und am Mittwoch auch von Sachsens Kulturministerium, das in einer zusammen mit dem Bibliotheksverband Sachsen herausgegebenen Mitteilung dem Kulturstaatsminister klarmacht, dass man am geplanten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig festhält, dass er notwendig sei, um das kulturelle Erbe Deutschlands auch künftig verlässlich zu sichern.

Der Schriftzug „Deutsche Nationalbibliothek“ (DNB) leuchtet an einem 55 Meter hohen Gebäude der früheren Deutschen Bücherei.
Der Schriftzug „Deutsche Nationalbibliothek“ (DNB) leuchtet an einem 55 Meter hohen Gebäude der früheren Deutschen Bücherei.Sebastian Willnow/dpa

Die Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) fährt Wolfram Weimers Argumentation in die Parade, indem sie betont, die Digitalisierung und das gedruckte Buch dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden – beides werde gebraucht. Nicht nur der Inhalt, auch der Termin dieser Erklärung – ausgerechnet an dem Tag, an dem Wolfram Weimer nach Leipzig kommt –, ist eine Kampfansage.

Und siehe da, Wolfram Weimer reagiert, er rudert zurück, er versucht, die Wogen der Wut zu glätten. Am Mittwochvormittag kam aus seinem Haus die Mitteilung, dass der Erweiterungsbau der Nationalbibliothek keineswegs gestrichen sei. „Das Vorhaben kann in das laufende Haushaltsaufstellungsverfahren eingebracht werden, sodass hierüber parlamentarisch beraten werden kann.“

Dann gute Worte für die Bibliothek und das gedruckte Buch, von dem ja auch der Buchhandel abhängig ist: „Selbstverständlich ist und bleibt der Bund der Deutschen Nationalbibliothek als Schatzkammer unseres schriftlichen Kulturerbes verpflichtet, ebenso wie ihrem Standort in Leipzig.“ Obwohl das Haus künftig die Möglichkeiten der Digitalisierung stärker einsetzen solle, werde man gemeinsam auch in Zukunft den Erhalt eingehender physischer Medienwerke sicherstellen.

Das Gewandhaus zu Leipzig: Hier wird die Buchmesse festlich eröffnet.
Das Gewandhaus zu Leipzig: Hier wird die Buchmesse festlich eröffnet.Guido Schiefer/imago

In Leipzig wird Wolfram Weimer von einer Demonstration empfangen

In der Mitteilung aus dem Hause Weimer wird auch der Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, Frank Scholze, zitiert, der offenbar aufgefordert worden ist, sich vor Weimer zu stellen: „Wir begrüßen die Entscheidung des Staatsministers sehr, den nächsten Schritt auf dem Weg zur Realisierung des Baus zu gehen. Es ist nicht nur unser gesetzlicher Auftrag, sondern auch unsere gesamtgesellschaftliche Verantwortung, das kulturelle Erbe im ‚Gedächtnis der Nation‘ zu bewahren und für künftige Generationen zugänglich zu machen. Dass hierzu inzwischen ein breiter Konsens mit dem Staatsminister und der Öffentlichkeit besteht, ist ein ermutigendes Zeichen für die Zukunft unseres Landes.“

Dass Weimer damit die Stimmung dreht, der Empörung den Wind aus den Segeln nimmt – wohl kaum. Am Mittwochabend wird ihn vor dem Gewandhaus eine Demonstration empfangen, die sich gegen den Ausschluss der drei Buchläden vom Buchhandlungspreis richtet. Und dass die 2000 Frauen und Männer des Buches drinnen im Gewandhaus ihn mit Wohlwollen empfangen, ist nicht zu erwarten.