Arbeit ist wichtig. Viel und lange zu arbeiten, gilt heutzutage wieder als Tugend. Der Musiker Herbert Grönemeyer, der auf die 70 zugeht, gehört zu den Fleißigen im Lande. Er produziert regelmäßig Alben, arrangiert alte Songs neu, komponiert zwischendurch fürs Musiktheater und geht immer wieder auf Tour. Bei seinem Berliner Konzert am Montagabend in der Uber-Arena ließ er sein Geheimnis erkennen.
Herbert Grönemeyer beginnt ohne Vorband pünktlich kurz nach 20 Uhr und spielt einschließlich dreier Zugaben-Blöcke bis kurz vor 23 Uhr durch. Einmal wechselt er kurz Hemd und T-Shirt. Einmal reicht ihm jemand ein Getränk und er schweigt, während er ein paar Schlucke nimmt. Nie lässt er ein längeres Solo spielen, um sich auszuruhen. Er ist praktisch unentwegt präsent, meistens in Bewegung, manchmal so sehr, dass er die Texte nicht nur typisch vernuschelt, sondern auch verjapst.
Die Klassiker klingen mit diesen Instrumenten frisch
Das Konzert ist Teil der zweiten Runde seiner im vergangenen Jahr gestarteten und schon einmal durch Berlin gerauschten „Mittendrin Akustisch“-Tour. Dafür lässt er eine runde Bühne in die Saalmitte platzieren, groß genug, um einen Flügel und ein ungewöhnlich besetztes Kammerorchester und einen Chor zu beherbergen.

Die Instrumentierung etwa mit zwei unterschiedlichen Schlagzeug-Sets, klassischen Gitarren, Akkordeon, mehreren Geigen, zwei Celli und einem Kontrabass, Trompeten und einem Saxofon wirkt sich auf jedes Stück aus. Zwar werden im Verlauf viele Grönemeyer-Klassiker von „Alkohol“ bis „Bochum“, von „Männer“ bis „Mambo“, von „Flugzeuge im Bauch“ bis „Was soll das“ gespielt, nicht zu vergessen „Mensch“ und „Zeit, dass sich was dreht“, aber sie klingen nicht abgenudelt. Auch die Redewendung, etwas sei gut gealtert, verbietet sich hier, weil der Musiker mit den alten Kollegen und zum Teil deutlich jüngeren Mitspielerinnen und -spielern sein Repertoire hörbar aufgefrischt hat.
Von Frische sollte man dringend sprechen, wenn man den Abend beschreibt. Herbert Grönemeyer hat Spaß bei der Arbeit. Und er kommt nicht in die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof im Gott- oder Popvertrauen darauf, dass sich sowieso nur 17.000 hart gesottene Fans die Karten kaufen und ihm deshalb freundlich begegnen. Von den ersten Tönen an sucht er die Interaktion mit dem Publikum. Er sorgt selbst dafür, dass ihm das Konzert Freude macht. Das ist sein Geheimnis.
Grönemeyer wirkt so putzig wie ein Olympiamaskottchen
Weitausgreifende Bewegungen vollführt oft sein linker Arm (an der Hand des rechten ist das Mikrofon), was mit Armeschwenken auf den Rängen beantwortet wird. Später animiert er zu einem „Schulterwalzer“, den er gemeinsam mit der Tanzschule Bochum entwickelt habe. Der Sänger schaukelt seinen Oberkörper erst zur einen, dann zur anderen Seite, will, dass man ihm das nachmacht. Da wird viel gelacht. Grönemeyer sieht so putzig aus wie ein Olympiamaskottchen. „Herzhaft“ heißt der Song, gehört zu den jüngsten Nummern des Abends. Er stammt von seinem Album „Das ist los“ von 2023.
Wiederholt fordert er das Mitsingen, blockweise, man kennt das auch von anderen. Aber Grönemeyer lobt nicht nur, als das klappt. Er quiekt vergnügt. Und dann ist er erneut in Bewegung. Er geht, er tanzt, er trippelt, tippelt, rennt. Mehrfach steigt er vom Bühnenrund hinab zum Gitter, hinter dem die Leute mit den Stehplatztickets lauern, lehnt sich ran, greift nach Händen. Da sieht man hinter ihm fürsorglich ein, zwei Crew-Mitglieder, die offenbar aufpassen, dass er sich nicht zu weit nach vorne beugt.

Bevor es im nächsten Jahr wieder in die Waldbühne geht, schafft Herbert Grönemeyer sich in der nicht gerade einfach zu bespielenden Arena eine heimelige Atmosphäre. Von Zeit zu Zeit rollen Leinwände von der Decke herab, dass man ihn und die weitere Podiumsbesatzung mal in Großaufnahmen sehen kann.
Auch schon auf einer Mittelbühne spielte Herbert Grönemeyer 2008 in der Eröffnungswoche des Gebäudes. Er habe einen Antrag gestellt, die Halle nach ihm zu benennen, witzelt er. Der Berliner Senat habe das abgelehnt. Es sei aufregend, zu Hause zu spielen, in Berlin lebe er nun viel länger, als er je in Bochum gewohnt habe, sagt er dem Publikum dann in einer seiner kurzen Ansprachen. Apropos Ansprache: Wo bleibt das Politische? Das gehört zu diesem Künstler ja dazu. Doch das ist kein Auftritt bei einer Demo. Herbert Grönemeyer dosiert es nur sparsam ins Konzert.
Ein langer Arbeitstag
Vor „Doppelherz“ erinnert er daran, dass hierzulande 25 Prozent der Menschen eine Migrationsgeschichte haben. „Wir verteidigen die Demokratie gegen jede Hetze, gegen jedes Gelalle“, sagt er noch vor dem Singen. Beim Song „Fall der Fälle“ erzählt er, dass es in dem Lied um eine Frau gehe, die ihre Position ständig hinterfrage. Er richtet die Aufmerksamkeit also nicht zuerst auf eindeutige Verse wie „Es bräunt die Wut, es dünkelt/ Der kleine Mob macht rein“, sondern auf den Zweifel und die Zwischentöne etwa in der Zeile: „Belauert die Signale, dass ihre Seele nicht erkrankt“.
Das Publikum ist zu jener Zeit längst auf seiner Wellenlänge, wechselt weiter folgsam mit ihm zwischen emotionalen Balladen und Rocksongs mit Ska- oder afrikanischen Einflüssen, zwischen Handylampen und Tanz. Als eine große Gruppe wie im Fußballstadion „Oh, wie ist das schön“ anstimmt, übernimmt Grönemeyer nach kurzem Zögern, singt mit, dirigiert, lacht und ruft: „Aber ihr habt angefangen.“


