Musical

Hemmungslose Begeisterung für „Wir sind am Leben“: So war Berlin in den frühen Neunzigern

Glücksuche nach dem Mauerfall: Das neue Berlin-Musical von Peter Plate und Ulf Leo Sommer im Theater des Westens widmet sich Künstlern, Lebenskünstlern und Berauschten. Die Kritik.

„Wir sind am Leben“: Gefeiert und getanzt wird auf und vor der Bühne.
„Wir sind am Leben“: Gefeiert und getanzt wird auf und vor der Bühne.Dominic Ernst

Zum Schluss springt das Publikum von den Sitzen und will nur noch eins: mittanzen, mitsingen, mitklatschen sowieso. „Supernovadiscoslut“, dieser Dancefloor-Kracher, lässt nach vielen Drama-Balladen den 20-köpfigen Cast noch einmal zu einer entfesselten Nummer zusammenrücken. Klasse – in einer Choreografie (Jonathan Huor), die ihre Wucht im Durcheinander wie zufällig entfaltet und von der man gern viel mehr gesehen hätte.

Aber das neue Musical „Wir sind am Leben“ von Peter Plate und Ulf Leo Sommer, früher Rosenstolz, hat nicht für alles Zeit. In drei Stunden gießt es tonnenweise Probleme in eingängige neue Songs und präsentiert einige alte Hits wie „Die Schlampen sind müde“. Am Sonnabend war Uraufführung im Theater des Westens; Ränge und Parkett schienen allein von Rosenstolz-Fans gekapert. Verehrer der früheren Sängerin AnNa R., die im März 2025 mit 55 Jahren gestorben ist, drapieren bis heute Rosen vor ihrem Porträt an der Theaterfassade. Wie bringt man ein solches Beben an Zuneigung in eine seriöse Kritik?

Das Stück unternimmt eine Zeitreise zu jungen Leuten im Jahr 1990. Für sie erweiterte der Mauerfall das Spielfeld. Die leeren, zerfallenden Häuser in Ost-Berlin waren die reinste Einladung zum Einziehen und Loslegen mit dem Feiern in Freiheit. Das ist die Konstellation des Stückes: Eine Wohngemeinschaft bildet sich in der Friedrichshainer Oderstraße; unten war früher ein Konsum, oben steht noch ein Telefon mit Hörer an der Schnur – daraus wird das Sorgentelefon „Konsum Hoffnung“.

Toller Einfall: Jedes Thema lässt sich durch solche Anrufe auftischen – Jobverlust, Schnorrer-Ossis, Abwicklung, geplatzte Kondome und verstorbene Dackel. Dabei haben die WG-Bewohner genug mit sich zu tun. Nina (Celina dos Santos) aus Wittenberg mit signalroten Haaren tut verdammt alles für ihre Popstar-Karriere, dient sich selbst einem schmierigen Münchner Produzenten an.

Das Sorgentelefon „Konsum Hoffnung“

Zuvor trifft sie ihren unsicheren Bruder Mario (Markus Spagl) in der WG wieder, auch er in Berlin gestrandet und auf der Suche nach Glück und sich selbst. Er verliebt sich sofort in Bruno (Jörn-Felix Alt), der als Marlene-Dragqueen mit langem weißen Kunstpelz brilliert. Schön, überlegen, aidskrank, verspricht er: „Ich werd’ nicht weinen.“ Auf dem Totenbett erreicht ihn noch ein Anruf von Marlene Dietrich aus Paris: „Ich höre, du imitierst mich!“ Tja, soll alles vorgekommen sein.

In diese queere Szenerie aus Künstlern, Lebenskünstlern und Berauschten, in der jede Figur genaue Konturen erhält, würde nur eins nicht passen – eine Vater-Mutter-Kind-Bürojob-Familie. Immerhin tanzt ein Klaus in Kurzarmhemd und Schlips mit. Will später Bürgermeister von Berlin werden, man soll sich sein Gesicht merken. Wowereit im Publikum muss es gefallen haben. Überhaupt wird an diesem Abend bei knackig-witzigen Dialogen andauernd gelacht und manchmal fast geheult. Das Bühnenbild ist ständig in Bewegung und dient unbemerkt der Handlung, das Lichtdesign schafft raffinierte Stimmungen.

Szene aus dem Musical „Wir sind am Leben“ im Theater des Westens.
Szene aus dem Musical „Wir sind am Leben“ im Theater des Westens.Dominic Ernst

Zum Schrecken der Geschwister Nina und Mario taucht mitten im Stück ihre raumgreifende blonde Mutti auf. Übergriffig dominiert sie sofort den ganzen Laden, will bleiben, aufpassen, Milchnudeln kochen. Rosi war in Wittenberg Friseurmeisterin; in ihren „Salon Rosie“ zog es angeblich die ganze Ost-Prominenz: Kati Witt, Dagmar Frederic, Frank Schöbel. Nun, klagt sie, geh’n sie alle zu Udo Walz.

Wer „Ku’damm 59“ an diesem Theater kennt, „Romeo und Julia“ oder „Die Amme“, ahnt, dass diese Rolle eigens für Steffi Irmen geschrieben sein muss, die eigentliche Hauptfigur. Und wirklich bringt keine die berühmt gedehnten Vokale der schön schlageraffinen Rosenstolz-Lieder mit mehr komödiantischer Verve und größerem Stimmvolumen auf die Bühne. Satt und klar bis in abenteuerlichste Höhen glaubt man sie selbst dann herauszuhören, wenn sich ernste Stimmkonkurrenz einmischt: Celina dos Santos, Jörn-Felix Alt und der Rest des exzellenten Ensembles.

Der knalligen Friseurin fliegen die größten Sympathien zu

So fliegen der knalligen Friseurin die größten Sympathien zu. Zumal Rosi anfangs ihren Sohn vor der „Schwulenseuche“ bewahren will – zu spät –, am Ende aber den Infizierten als Einzige weiter die Haare macht. Dass sie auch noch als Stasi-IM enttarnt werden muss, bevor das ganze Haus geräumt wird, überlädt das Stück aber doch.

Man kennt das schon von den „Ku’damm“-Musicals, aber da mussten auch zwei TV-Dreiteiler für die Bühne verdichtet werden. Die aktuelle Überfrachtung dagegen bekommen die Macher Plate und Sommer, Lukas Nimscheck und Franziska Kuropka (Buch und Regie) ganz ohne Vorlage hin. Dabei liegt der Fokus klar auf dem Dasein Homosexueller, auf Verlustangst, Trauer, Verzweiflung und Hoffnung. Damals war Aids noch ein Todesurteil, junge Männer starben daran ohne Pause.

Peter Plate und Ulf Leo Sommer haben sich 1990 kennengelernt, in der Oderstraße gewohnt; sie wurden ein Liebespaar, gefragte Komponisten und das Duo Rosenstolz. Heute versetzen sie sich als beste Freunde in die Anfangsjahre zurück – und erinnern an jene, die gehen mussten, und an die, die noch da sind: „Wir sind am Leben.“

Dieses Stück ist ein Long-Runner mit Top-Liveband, muss ein Jahr laufen, um die Kosten von 4,5 Millionen Euro einzuspielen. Auch darum ist ihm jeder erdenkliche Erfolg zu wünschen, denn es unterscheidet sich fundamental von allem, was sonst auf deutschen Musikbühnen zu sehen ist. Hier bildet nicht ein großes, mit Millionenetat gefördertes Opernhaus den finanziellen Hintergrund, auch keine internationalen Konzerne wie beim Cirque du Soleil oder bei Musicals der Stage Entertainment.

Die Stage überlässt das Theater des Westens Plate und Sommer

Die Stage, die eigentlich das Theater des Westens vom Senat gemietet hat, gab ihr Engagement hier auf und erzielt vornehmlich mit Broadway-Importen in Hamburg Gewinne für amerikanische Investoren. Das 1600-Plätze-Haus in der Kantstraße überlässt sie den beiden Rosenstolz-Enthusiasten, die hier von der Idee bis zur Aufführung alles selbst stemmen, samt Theaterapparat. Und das funktioniert trotz der subventionierten Konkurrenz? Na gut: Plate und Sommer haben Ersparnisse und müssen nichts verdienen, sagen sie. Sie beklagen das nicht. Sie erfüllen sich Lebensträume und werden vom Publikum dankbar umarmt.

Nach der Premiere tanzen Zuschauer im Spiegelsaal beseelt weiter. Das soll künftig jeden Freitag nach der Vorstellung möglich sein.

Wir sind am Leben. Theater des Westens, täglich außer montags. Karten im Ticketshop der Berliner Zeitung