Als Hassliebe bezeichnen die Autoren des gerade erschienenen Buches „Handwerk Ost“ (Ch.Links Verlag bei Aufbau) die Beziehung zwischen den privaten Handwerksbetrieben und dem Staat in der DDR. Hass, weil sie nicht ins System passten, Liebe, weil man sie dringend brauchte, um die Bevölkerung zu versorgen. Da sie privates Wirtschaften kannten, setzte man nach dem Mauerfall große Hoffnungen in sie. Wir sprachen mit den Autoren der Studie, Alexia Pooth und Thomas Schaarschmidt, beide Historiker.
Herr Schaarschmidt, Frau Pooth, das Handwerk in der DDR war doch im Grunde der einzige Wirtschaftsbereich, der über Eigentum an Produktionsmitteln verfügte, aber das war im Sozialismus nicht erwünscht. Wie hat sich das auf die Beziehung zwischen den Handwerksbetrieben und dem Staat ausgewirkt?
THOMAS SCHAARSCHMIDT: Vielleicht erstmal grundsätzlich: Nicht nur Handwerker verfügten über private Produktionsmittel, es gab auch andere Privatbetriebe, selbst nach der großen Enteignungswelle im Jahr 1972. In den 1980er-Jahren existierten noch 181.000 Selbstständige, davon 112.000 im Handwerk. Es ist schon markant, dass es in der DDR durchgehend einen privaten Handwerksektor gibt.
ALEXIA POOTH: In der Tat, das Verhältnis zwischen privatem Handwerk und Staat war nicht gut. Der private Sektor war der SED von Anfang an ein Dorn im Auge, auch wenn es verschiedene Phasen der Handwerkspolitik gab. Die DDR befand sich in einem Dilemma, denn sie brauchte das private Handwerk, diskutierte aber gleichzeitig permanent seine Abschaffung. Spätestens seit 1952 wurden deshalb Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) stark propagiert, wobei es zwischen diesem „sozialistischen Handwerk“ und dem privaten Handwerk häufig eine gute Zusammenarbeit gab. Zwar wurden in den 80er-Jahren private Handwerkerinnen und Handwerker stärker unterstützt, aber das private Handwerk passte bis zum Schluss nicht in das System.
SCHAARSCHMIDT: Auf der einen Seite gibt es die ständigen Beteuerungen der SED, wie wichtig die Partnerschaft zwischen dem Handwerk und der Arbeiterklasse ist. Auf der anderen Seite werden dem privaten Handwerk bei jeder Gelegenheit Knüppel zwischen die Beine geworfen, etwa in der Steuerpolitik oder bei der Zuteilung von Material.

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