Ich oute mich an dieser Stelle mal: Dating-Shows sind mein Guilty Pleasure, und ich begeistere mich wirklich für die ungewöhnlichsten Konzepte, die liebestolle Kandidaten zum Beziehungsglück verhelfen sollen. Gleichwohl liegt es mir fern, die hanebüchenen Dating-Experimente auf mein eigenes Liebesleben anzuwenden.
Beim „Bachelor“ mit 40 anderen Frauen um einen einzigen Mann buhlen? Viel zu anstrengend! Einen Heiratsantrag von einer Person annehmen, die man noch nie zu Gesicht bekommen hat, wie bei „Liebe macht blind“? Dazu bin ich viel zu oberflächlich. Doch von der neuesten Dating-Show, die ich gerade auf Netflix gebinget habe, könnte ich mir vorstellen, etwas für meinen Alltag mitzunehmen, und anscheinend bin ich da nicht die Einzige.
Die amerikanische Show „Too Hot to Handle“ ist bei Netflix schon seit 2020 ein riesiger Erfolg, und nun hält sich auch der deutsche Ableger seit dem Start im Februar beharrlich in den Top 10 der deutschen Netflix-Charts. Das Konzept: Acht gutaussehende und durchtrainierte Single-Männer und -Frauen aus Deutschland und Österreich werden auf ein tropisches Inselparadies entführt, um dort den passenden Partner oder die passende Partnerin zu finden. Doch die Suche wird mit einer herausfordernden Auflage verknüpft: Die Kandidaten müssen in den insgesamt zehn Folgen auf Sex, Petting und sogar Selbstbefriedigung verzichten.
Wer gegen die No-Sex-Regel verstößt, muss mit harten Sanktionen rechnen. Die digitale Anstandsdame Lana hat ihre Augen überall und ahndet jedes Fehlverhalten der Teilnehmer mit hohen Geldstrafen. Die Kandidaten gehen nämlich mit einem Startpreisgeld von 200.000 Euro ins Rennen, das sich mit jedem Regelstoß verringert.
Mit dem Herzen, statt mit den Geschlechtsteilen denken
Schon ein kleiner Zungenkuss kostet 6000 Euro. Statt körperlich sollen sich die Paare auf einer tieferen Gefühlsebene kennenlernen, um so eine echte Verbindung zu formen, ohne dass die Hormone den angefixten Singles den Blick aufs Wesentliche vernebeln. Um es plastischer auszudrücken: Statt mit dem Penis oder der Vagina sollen die Kandidaten mit dem Herzen denken.
In esoterisch angehauchten Workshops wird den „hotten“ Teilnehmern, die sich stark über ihren Körper und ihr Sexleben definieren, beigebracht, Zugang zu ihren Gefühlen und ihrer verletzlichen Seite zu finden. Die Damen töpfern dann zum Beispiel ihre Yoni (beschreibt die Kombination von Vagina, Vulva und Gebärmutter), die Herren werden Extremerfahrungen in Eiswasserbädern ausgesetzt, und als Paare müssen sie sich gegenseitig tief in die Augen schauen. Nicht jeder kommt mit diesen neuen Herausforderungen zurecht. „Mit diesen Gefühlen da drin, das ist nicht so ganz meine Welt“, verrät Kandidat Fabio, der sich selbst als „klassischen Gigolo“ bezeichnet. Zur Strafe für seine „sündigen“ Gedanken verweist ihn Lana des tropischen Paradieses.
Natürlich existieren Datingshows in erster Linie zur Unterhaltung der Zuschauer – auch deshalb wird die Authentizität der Teilnehmer und die Aufrichtigkeit ihres Wunsches nach einer Beziehung gerne in Frage gestellt. Doch es gibt Erfolgsgeschichten: Zwei Kandidaten der deutschen Netflix-Show gaben jüngst die Geburt ihres gemeinsamen Kindes bekannt. Ihnen ist es offenbar tatsächlich gelungen, aus dem keuschen Kennenlernen eine fruchtbare Beziehung zu entwickeln.
Trend auf TikTok: #voluntarycelibacy
Tatsächlich ist der anfängliche Sexverzicht in der Gen Z auch ohne Anstandsdame und Kameras für viele längst Dating-Alltag. Das lässt sich zum Beispiel auf der Videoplattform TikTok beobachten, wo massenhaft Clips mit dem Schlagwort #voluntarycelibacy (freiwilliges Zölibat) produziert und angeschaut werden. Man muss hier ganz klar festhalten: Der Zölibat-Trend ist weder religiös motiviert noch einer neu aufkommenden Prüderie geschuldet. Vielmehr möchte die junge Generation mit dem freiwilligen Verzicht den eigenen Selbstwert, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen in den Fokus rücken.
Einige TikTok-User gaben an, dass es ihnen wichtig sei, erst mal eine intellektuelle Verbindung zu ihrem Gegenüber aufzubauen, andere räumen sich damit mehr Zeit für die eigene Entwicklung ein, wollen sich selbst besser kennenlernen und die eigenen Ziele besser verfolgen. Manche nutzen die Abstinenz, um sich von schlechten Erfahrungen und ungesunden Beziehungen zu lösen. So rät etwa Dating-Coach Aly McDonald auf ihrem TikTok-Kanal „Dating with Aly“ ihren Anhängern dazu, erst Sex zu haben, wenn man sich in einer festen Beziehung befindet. Denn alles andere könnte zu Missverständnissen führen und zur Folge haben, dass man sich an den falschen Partner hängt. Warum? Durch Sex werde das Bindungshormon Oxytocin ausgestoßen, was eine tiefere Bindung und größere Anziehungskraft suggeriere, als sie auf rein plantonischer Basis eigentlich vorhanden sei, so McDonald.
@datingwithaly Dont post just to see if he opens it #datingadvice #datingcoach #datingadviceforwomen #datingtiktok #datingadviceforgirls #datingtiktoker #singleinyour30s #singleinyour20s #feminineenergydating #raiseyourstandards #datinginyour20s #datinginyour30s #guypullingaway #anxiousattachmentstyle #avoidantattachmentstyle ♬ original sound - Dating with Aly
Der zölibatäre Dating-Ansatz reiht sich übrigens in weitere Trends ein, die junge Singles davon abhalten sollen, sich aus den falschen Gründen in eine Beziehung zu stürzen. So ist das sogenannte „Dry Dating“, also das Kennenlernen ohne Alkohol, ebenfalls auf dem Vormarsch. Es soll dabei helfen, sich der eigenen Taten und Wünsche besser bewusst zu sein.
Mir liegt es fern, diese Arten des Kennenlernens zu kritisieren. Ich kann viele der Gründe nachvollziehen und könnte mir wie gesagt gut vorstellen, diese Praktiken auch in mein Dating-Leben zu integrieren. Ich möchte allerdings einwerfen, dass wir nicht der Annahme aufsitzen sollten, dass diese Dating-Trends uns vor jeglichen Enttäuschungen bewahren können.







