Reinigungskraft Thomas K. hat am Bahnhof Gesundbrunnen schon vieles weggewischt. Er hat nur einen Wunsch: „Bitte weniger Coffee-to-go-Becher“. Gemeint sind die halb vollen, klebrigen Becher, die auf Bänken stehen, neben Mülleimern landen oder irgendwo im Bahnhof abgestellt werden. „Jeden Tag wegräumen“, sagt er. Das nerve.
Der gebürtige West-Berliner heißt eigentlich anders, seinen richtigen Namen möchte er bei der Frühjahrputz-Aktion der Deutschen Bahn heute nicht nennen. Er kennt Gesundbrunnen und alles drum herum. „Es ist schlimmer geworden.“
Am Dienstag wird am Gesundbrunnen geschrubbt, poliert, gewienert – und vor allem ein Signal gesendet: Die Bahn will zeigen, dass sie ihr Schmuddel-Image ernst nimmt. 2026 steckt der Konzern rund 50 Millionen Euro zusätzlich in Sauberkeit und Sicherheit; bis Ende Mai sollen bundesweit etwa 1400 Bahnhöfe grundgereinigt werden. Das klingt nach großer Reinigungsoffensive. Doch am Ende entscheidet sich ihr Erfolg auch an halb vollen Coffee-to-go-Bechern und klebrigen Bänken. Thomas K., der den Dreck hier seit Jahren kennt, bleibt deshalb vorsichtig. Sein größter Wunsch ist erst einmal: weniger Pappbecher.
Ein paar Meter weiter tragen Menschen blaue Westen und blaue Käppis. Sie arbeiten sonst in Büros bei der Deutschen Bahn und wollen heute einfach mal mit anpacken. Ein demonstrativer Frühjahrsputz am Gesundbrunnen und Teil der Sauberkeitsoffensive.
Vor dem Bahnhof Gesundbrunnen steht Lars Lorenz vor rund 40 Freiwilligen. Blaue Westen, blaue Käppis, Putzmittel in der Hand. Lorenz arbeitet bei der Deutschen Bahn und erklärt jetzt den Putzplan gegen den Bahnhofsdreck. „Falls etwas in die Augen spritzt: sofort ausspülen“, sagt er. Dann teilt er die Truppe ein: Aufzüge und Glasflächen, Müll, Nacharbeiten mit dem Mopp. Wer Wasser verschüttet, wischt es weg. Wer eine dreckige Fläche sieht, die nicht auf dem Plan steht, soll sie trotzdem putzen. „Wenn ihr Oberflächen seht, die nicht auf dem Plan stehen, macht sie gerne trotzdem sauber.“

Der Bahnhof wartet nicht auf Putzkolonnen
Monika Jung steht etwas abseits. Sie leitet bei der DB InfraGO AG das Bahnhofsmanagement für die Berliner Fernbahnhöfe. Warum also ausgerechnet Gesundbrunnen? Ein Problem-Bahnhof? Jung sagt Nein, und dann doch ein bisschen: „Zumindest nicht besonders.“ Gereinigt werde hier ohnehin, „nachts, tagsüber, durch Präsenzreiniger“. Der Frühjahrsputz soll an Ecken ran, „an die man das ganze Jahr über nicht so gut herankommt“. Dass die Bahn heute hier steht, sei „eigentlich Zufall“. Vielleicht ist es genau der richtige.
Während Jung spricht, eilt ein Mann Richtung Gleis 5. Der Bahnhof läuft weiter, fast wie geschmiert und frisch poliert. Wolfgang M. aus Neukölln sitzt auf einer Bank, die gleich abgeschliffen werden soll, und wundert sich über den großen Putz-Auftritt. „Ich finde, es sieht doch schon sauber aus“, sagt er. Am Gesundbrunnen sei es meist ordentlicher als anderswo, etwa am Zoo. „Aber schaden kann es nicht.“

Auch Isael Alias, 33, läuft über den Bahnhof. Er kommt aus München, lebt aber inzwischen in Berlin – und klingt, als habe er sich schon lange an die Stadt angepasst. „In Berlin bin ich gewohnt, dass es etwas schmutziger ist“, sagt er. Ein bisschen Dreck störe ihn nicht, im Gegenteil: „Es passt irgendwie zum Stil, zur Kultur.“ Bei Bahnhöfen sei seine Toleranz ohnehin höher. Eklig werde es erst, wenn es rieche, Betrunkene herumlägen oder sich jemand übergeben habe. Und der Gesundbrunnen? Alias schaut sich um. „Hier geht es eigentlich.“
„Je sauberer der Bahnhof ist, desto sicherer fühlt man sich auch“, sagt DB-Leiterin Jung. Das ist die Idee hinter dem Frühjahrsputz: Ein Bahnhof soll sauberer aussehen und damit weniger aufgegeben wirken. Frühjahrsputz ist damit auch Imagepflege: Die Bahn will zeigen, dass sich jemand kümmert. Doch Vertrauen lässt sich schwerer schrubben als Treppen und Glasflächen.
Sie gibt zu: Ganz kontrollieren lasse sich die Sauberkeit hier nicht. „Wenn eine Fußballmannschaft über den Bahnhof fegt, erkennt man das natürlich danach“, sagt Jung. An vorhersehbar stark belasteten Stationen, etwa am Olympiastadion, plane die Bahn zusätzliche Reinigung.
„Die gesamte Bandbreite des Berliner Lebens“

Ein paar Meter weiter wird aus der großen Sauberkeitsoffensive Handarbeit. Lars Lorenz kniet vor einer Bambusbank, auf der Graffiti-Reste, Kaffeeflecken und Kaugummi kleben. „Das kriegt man mit dem Putzlappen nicht mehr weg“, sagt er. Also wird geschliffen und geölt. Rotes Absperrband trennt die Bank von den Reisenden. Auf dem Boden: Krümel, Kippen, dunkle Reste. Dahinter Fahrräder, daneben die orangefarbenen Gleisnummern.
„Normalerweise bestelle ich die Reinigungsleistung für den Bahnhof“, sagt Lorenz. Heute bestellt er nicht, heute schleift er selbst. Das Gerät kratzt über die Rückenlehne der Bambusbank, auf der Kaugummi, Kaffeeflecken und Graffiti ihre eigene Bahnhofsgeschichte hinterlassen haben. „Wir schleifen die Bambusbank ab, damit sie danach noch einmal geölt werden kann.“ Im Alltag wird gewischt, mit Wasser und Reinigungsmitteln. Aber irgendwann ist der Dreck tiefer drin als der Putzplan reicht. In den Ritzen, an den Kanten, im Holz. Lorenz schleift weiter und sagt den Satz, der zur ganzen Aktion passt: „Ganz verschwinden wird nicht alles.“
Er habe sich schon länger über diese Bänke geärgert, sagt Lorenz, „so wie sie aussehen“. Er hilft an diesem Dienstag mit, um zu wissen, wie viel Aufwand dahintersteckt. Nach kurzer Zeit schaut er auf die Bank: „Manchmal denkt man schon, hätte ich mal meine eigene Schleifmaschine dabei.“

Büro trifft Bahnhofsboden
Ein älterer DB-Mitarbeiter, der sonst für die Vermietung von Bahnhöfen mitverantwortlich ist, wolle sehen, „was die Kollegen, die das jeden Tag machen, so leisten“. Da lerne man die Arbeit mehr zu schätzen. „Es ist ja doch echt eine immense Arbeit.“ Zwei andere Freiwillige möchten ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. Auch sie arbeiten sonst im Büro, eine von ihnen in der Zentrale der DB InfraGO, dort, wo es um die Vermietung von Bahnhofsflächen geht. Heute geht es um das, was auf diesen Flächen landet.
„Wenn wir im Büro arbeiten, kann man zum Thema Sauberkeit nicht so direkt was beitragen.“ Wenn man selbst mit der Bahn fahre, sehe man den Schmutz aber auch. „Man denkt manchmal: Hier putzt auf jeden Fall keiner.“ An diesem Vormittag sehe man eher, was für Arbeit dahinterstecke.
„Viele verlieren ein bisschen das Gefühl dafür, was es bedeutet, mal eben etwas auf den Boden zu werfen“, sagt sie. Liegt erst einmal Abfall herum, kommt oft schnell neuer dazu. Der Boden wird dann zur Einladung. „Man macht einmal sauber und am nächsten Tag ist es wieder dreckig“, sagt die Mitarbeiterin. Für die Reinigungskräfte sei das eine „Neverending Story“.
Gelber Zettel, dann Werkzeug
Wencke Wallstein ist Leiterin Infrastruktur bei der BVG. Die BVG beteilige sich, weil viele Bahnhöfe gemeinsame Flächen hätten, sagt sie. U-Bahn, S-Bahn, Bus, Fahrrad, Fußwege – am Gesundbrunnen greift alles ineinander. Wer hier reinigt, sagt sie, sehe „die gesamte Bandbreite des Berliner Lebens“. Das klingt nett, meint aber auch: Müll, Graffiti, Kippen, Flaschen, Erbrochenes, Menschen ohne besseren Ort. Wallstein sagt es schlicht: „Das ist ein harter Job.“
Sie habe höchsten Respekt vor den Kollegen, die jeden Tag reinigen. Erst kürzlich sei ein ganzer Bahnhof zugesprüht worden. Innerhalb von zwei Tagen hätten Mitarbeitende das gemeinsam mit Dienstleistern beseitigt. Nicht nur, damit es wieder sauber ist. Auch, „damit für die Fahrgäste sehr schnell der Eindruck entsteht: Wir kümmern uns“.
An den Fahrradbügeln ein Gleis weiter hängt ein gelber Zettel am Lenker. Oben steht „Ordnungsamt“, der Rest verschwimmt im Gegenlicht. Alexandra Hensel von infraVelo erklärt, warum diese alten Räder mehr sind als Schrott: Jeder blockierte Bügel fehlt denen, die ihr Fahrrad hier wirklich abstellen wollen. Neben ihr beugen sich zwei Männer über ein Schloss, einer mit orangefarbenem Gehörschutz, einer hält den Rahmen fest. Ein Fotograf kniet davor, als ginge es um Spurensicherung. Dann sprühen die Funken.

Auf die Frage, wie viele Räder am Gesundbrunnen eigentlich „geknackt“ werden, zieht Hensel sofort die Bremse. „Geknackt? Das weiß ich ja nicht. Wir markieren.“ So klingt Bürokratie, wenn gleich die Flex ansetzt: Erst bekommt das Rad einen Hinweiszettel, dann läuft bei den von infraVelo betreuten Anlagen eine Zwei-Wochen-Frist. Danach prüft die Polizei, ob es als gestohlen gemeldet ist. Erst dann rücken die Agens Sozialbetriebe an und entfernen es. Schrottrad raus, Stellplatz frei – aber bitte streng nach Verfahren.
Die Frau, die sich nicht mehr wundert
Roxana Spindler steht ebenfalls am Rand der Putzaktion. Blaue DB-Weste über grünlichem Hoodie, offenes Lächeln, im Hintergrund Bahnhofstrubel. Als sie gefragt wird, warum sie heute mithilft, sagt sie freundlich: „Ich bin nicht freiwillig. Ich bin fest angestellt.“
Spindler ist 33 Jahre alt, Berlinerin, Leiterin der Stationsbetreuung Berliner Fernbahnhöfe. Sie kennt den Bahnhof nicht vom Aktionstag, sondern vom Dienstplan. Seit 2014 ist sie bei der Bahn. Sie machte dort eine Ausbildung, war in verschiedenen Bereichen, Leistungsabschluss, Einkauf, Personal. Heute koordiniert sie mit ihrem Team mehrere Berliner Fernbahnhöfe. Ihr Hauptsitz ist am Hauptbahnhof, aber sie ist viel unterwegs: Gesundbrunnen, Südkreuz, Spandau, Ostbahnhof, BER, Hauptbahnhof.

Ihr Schichtbeginn läuft sonst so: „Ich verschaffe mir erst mal einen Überblick, was mein Team zu tun hat, dann teile ich es auf.“ Was sieht man, wenn man jeden Tag Bahnhöfe betreut? „Man kriegt eigentlich alles mit – von extrem sauberen Bahnhöfen bis zu nicht so sauberen“, sagt Spindler. Der Gesundbrunnen gehöre aus ihrer Sicht eher zu den sauberen Stationen. Auch der Ostbahnhof habe sich „sehr gemacht“, was Sauberkeit angehe.
Was bleibt, wenn die Westen weg sind?
Am Ende ist der Gesundbrunnen an diesem Vormittag tatsächlich ein Stück sauberer. Ein paar Flächen sind gewischt, ein paar Kippen verschwunden, Aufzugknöpfe gereinigt, Glasflächen abgezogen, eine Bank angeschliffen. Einige Fahrräder sind markiert oder schon weg. Manche Menschen haben kurz zugeschaut. Viele sind einfach vorbeigegangen.


