Insolvenz

Schufa-Umfrage: Werden die Deutschen jetzt ärmer – oder ist das Panikmache?

Viele Haushalte fürchten neue Preissteigerungen. Firmen gehen pleite. Vieles spricht für einen Wohlstandsverlust – ein Experte widerspricht.

Schufa-Umfrage und hohe Insolvenzzahlen nähren den Eindruck eines Wohlstandsverlusts. Der Ifo-Ökonom Joachim Ragnitz widerspricht.
Schufa-Umfrage und hohe Insolvenzzahlen nähren den Eindruck eines Wohlstandsverlusts. Der Ifo-Ökonom Joachim Ragnitz widerspricht.dpa-Zentralbild

Die wirtschaftliche Unsicherheit in Deutschland scheint zu wachsen. Eine aktuelle Schufa-Umfrage zeigt, dass viele Verbraucher steigende Preise fürchten und nur noch begrenzte finanzielle Rücklagen haben.

Auch bei den Unternehmen reißen die Krisensignale nicht ab. Die Zahl der Firmeninsolvenzen lag zuletzt auf dem höchsten Stand seit rund 20 Jahren. Hinzu kommt eine aktuelle Prognose des Internationalen Währungsfonds: Sie deutet darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft vorerst schwach bleibt, während die Inflation wieder etwas anziehen könnte.

Schufa-Umfrage zeigt wachsende Preissorgen

Nach einer aktuellen Schufa-Befragung fürchten 77 Prozent der 1000 Teilnehmer, dass die Preise insgesamt weiter steigen. 76 Prozent rechnen damit, dass vor allem Strom und Kraftstoffe teurer werden. Nur 22 Prozent sagen, sie hätten noch ausreichend Rücklagen, um höhere Lebenshaltungskosten abzufedern. 36 Prozent befürchten, ihre Rücklagen könnten dafür nicht reichen – 16 Prozent geben an, diese bereits aufgebraucht zu haben, weitere 22 Prozent hatten nach eigener Aussage nie welche.

Dazu kommt, dass Deutschland den höchsten Stand an Insolvenzen seit mehr als 20 Jahren verzeichnet. Im ersten Quartal 2026 wurden nach Angaben des IWH 4573 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften registriert. Höher lag der Wert zuletzt im dritten Quartal 2005. Besonders betroffen sind dabei Baugewerbe und Handel.

Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognose für Deutschland für 2026 auf 0,8 Prozent Wachstum gesenkt, für 2027 auf 1,2 Prozent. Als Grund nennt der IWF vor allem den neuen Energieschock infolge des Krieges gegen Iran, der die Inflation wieder anheizt. Reuters berichtet unter Berufung auf den IWF zudem, dass die deutsche Inflationsrate 2026 auf 2,7 Prozent steigen könnte.

Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland ist auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren.
Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland ist auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren.Bernd Weißbrod/dpa

Experte widerspricht dem Krisenbild

All das lässt die Diagnose plausibel erscheinen, dass viele Menschen und Unternehmen zugleich unter Druck geraten: private Haushalte, weil sie steigende Preise fürchten und oft nur wenig Puffer haben. Unternehmen, weil die Kosten hoch bleiben und die Konjunktur schwach ist. Der Eindruck eines schleichenden Wohlstandsverlusts drängt sich auf.

Doch genau dieser Zuspitzung widerspricht der Dresdner Ökonom Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden. Mit Blick auf die Schufa-Zahlen sagt er: „Die Märzumfrage der Schufa und die Februarumfrage sind hinsichtlich der Preiserwartungen nahezu identisch.“ Insoweit habe sich „der Krieg da nicht so wirklich heftig ausgewirkt“. Das erkenne man allerdings nur, „wenn man nicht nur die reißerische Überschrift liest, sondern den ganzen Text und auch die Schaubilder“.

Insolvenzen seien nur die „Spitze des Eisbergs“

Aus Sicht des Ökonomen werden „auch nicht breite Teile der Bevölkerung ärmer“. Zur Begründung verweist er darauf, dass „die Reallöhne 2025 ja noch um 1,9 Prozent gestiegen“ seien. Für das laufende Jahr werde „mit einer Inflationsrate für 2026 von knapp drei Prozent gerechnet“, deshalb werde „tendenziell auch noch ein leichtes Reallohn-Plus drin sein“. Viele Menschen, so der Ökonom, schätzten die Teuerung „offenbar viel höher ein, als sie tatsächlich ist“. Und weiter sagt er: „Wenn ‚arme‘ Haushalte keine Rücklagen haben, ist das auch nicht wirklich verwunderlich. Das ist ja eher normal.“

Und auch bei den Firmeninsolvenzen mahnt er zur Zurückhaltung. Der Trend scheine sich „aktuell eher abzuflachen“, zudem seien Insolvenzen „ohnehin nur die Spitze des Eisbergs“. Viel bedeutsamer seien Unternehmensschließungen noch vor einem formalen Insolvenzverfahren. Deren Zunahme habe „nicht nur mit der wirtschaftlichen Lage, sondern auch mit der Demografie zu tun“. Deshalb gelte auch hier: „Bitte … keine Panikmache.“

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