„Notfallpläne“ gegen Gasmangel

Gasspeicher bei 45 Prozent: Industrie bereitet sich auf den Ernstfall vor

Offiziell Entwarnung, intern Alarm: Sinkende Gasspeicher zwingen Unternehmen zu Notfallplänen. Wie stabil ist die Gasversorgung wirklich?

Gasinfrastruktur in Deutschland: Sinkende Speicherstände, steigende Preise und hoher Verbrauch setzen das System derzeit unter Druck.
Gasinfrastruktur in Deutschland: Sinkende Speicherstände, steigende Preise und hoher Verbrauch setzen das System derzeit unter Druck.Uwe Anspach/dpa

Die deutschen Gasspeicher leeren sich rasch. Der Füllstand liegt laut Daten des europäischen Branchenverbandes Gas Infrastructure Europe (GIE) derzeit nur noch bei 45 Prozent (Stand: 12. Januar) – der niedrigste Stand für diesen Zeitpunkt seit Beginn der Datenerfassung und rund 26 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der letzten Jahre.

Zwar betonten sowohl die Bundesnetzagentur als auch die Merz-Regierung auf Anfrage der Berliner Zeitung, die Gasversorgung sei stabil – vor allem wegen alternativer Importmöglichkeiten über die neuen LNG-Terminals. Dennoch warnen Versorger wie Uniper, die Versorgungssicherheit sei „nicht garantiert“ und es drohten steigende Gaspreise durch kurzfristige Beschaffungen.

Grafik: BLZ. Quelle: Gas Infrastructure Europe

Auch in der Industrie wächst nun die Sorge vor möglichen Folgen. Zwar erwarte man derzeit „keine Gasmangellage“, erklärt ein Sprecher des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Allerdings hätten sich die Unternehmen vorbereitet. „Es gibt Notfallpläne, um im Ernstfall Produktionsausfälle und wirtschaftliche Folgen möglichst gering zu halten.“ Wie angespannt ist die Lage tatsächlich – und was bedeutet das für Industrie, Preise und Versorgung in den kommenden Wochen?

Kältewelle zieht Verbrauch an: Gaspreise in Europa steigen

Parallel zu den sinkenden Speicherständen ziehen derzeit auch die Gaspreise in Europa wieder an. Der richtungsweisende niederländische TTF-Future (europäischer Referenzpreis für Erdgas) legte in den vergangenen Tagen deutlich zu und notierte zuletzt bei 31,47 Euro je Megawattstunde – Mitte Dezember lag er noch bei rund 26 Euro/MWh.

Grund für den Preisanstieg ist laut Experten neben geopolitischen Unsicherheiten vor allem der höhere Gasverbrauch – bedingt durch die derzeitige Kältewelle. Angaben der BNetzA zufolge lag der Gasverbrauch in Deutschland in den letzten zwei Wochen teils deutlich über dem Durchschnittsverbrauch der Jahre 2018–2021.

Die Abkehr von russischem Gas infolge der Invasion Russlands in die Ukraine und die anschließende Diversifizierung der Gasimportstruktur – unter anderem über die LNG-Terminals – haben Deutschland zwar unabhängiger gemacht. „Die Versorgung steht heute auf deutlich mehr Beinen als früher“, betont der Sprecher des VCI. Allerdings hat dieser Umstieg auch seinen Preis.

Aus Sicht des Gasversorgers Uniper sind die Reserven in den Gasspeichern gerade im kalten Winter bei entsprechend hohem Gasverbrauch sehr wichtig.
Aus Sicht des Gasversorgers Uniper sind die Reserven in den Gasspeichern gerade im kalten Winter bei entsprechend hohem Gasverbrauch sehr wichtig.Jan Woitas/dpa

Chemieverband fordert bessere Gasspeichervorgaben

Der Chef des französischen Energiekonzerns TotalEnergies, Patrick Pouyanné, warnte Ende 2025 angesichts der wachsenden Abhängigkeit Europas von LNG aus den USA vor steigenden Gaspreisen. Zudem kam eine Auswertung von Eurostat-Daten der Berliner Zeitung zu dem Ergebnis, dass US-LNG für die EU zeitweise doppelt so teuer ist wie russisches Gas. Somit ist das eigentliche Problem für die heimische Industrie weniger eine mögliche Gasmangellage – sondern die steigenden Preise.

„Die chemische Industrie benötigt Erdgas als Energieträger und Rohstoff“, so der VCI-Sprecher. Die Kosten seien im internationalen Vergleich aber deutlich zu hoch. „Die Bundesregierung muss sich daher weiter für eine sichere Versorgung und niedrige Kosten einsetzen.“ Wichtige Maßnahmen dafür seien zum Beispiel der Ausbau heimischer und europäischer Gasförderung, die weitere Diversifizierung des Gasbezugs, wettbewerbsfähige Steuern und Nebenkosten sowie die Weiterentwicklung der Gasspeichervorgaben.

Energiepreise: Unternehmen geraten an Belastungsgrenze

Auch in einzelnen Unternehmen ist die Unsicherheit spürbar. „Wir sind bereits jetzt in einer Situation, in der die Energiepreise einen auskömmlichen Betrieb der Anlagen in der chemischen Industrie verhindern“, sagt ein Sprecher der InfraLeuna GmbH, des Betreibers des Chemieparks Leuna in Sachsen-Anhalt. Drosselungen des Betriebs und eine geringe Auslastung seien aktuell Realität. Das liege jedoch eher an der Preis- und Wettbewerbssituation europäischer Unternehmen – und weniger an der physischen Verfügbarkeit von Erdgas.

Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) geht ebenfalls nicht davon aus, dass es zu Versorgungsengpässen kommt. „Die Speicherstände sinken zwar saisonbedingt, aber die Lage bleibt beherrschbar“, teilt VIK-Hauptgeschäftsführer Christian Seyfert auf Anfrage mit. Entscheidend sei aber, dass die bestehenden Lieferketten stabil weiterlaufen und unsere Gasinfrastruktur zuverlässig geschützt ist. „Unvorhergesehene Unterbrechungen wären deutlich kritischer als der derzeitige Füllstand“, so Seyfert. Der wesentliche Faktor für die steigenden Gaspreise sei vor allem die aktuelle Wetterlage.

Der&nbsp;<a href="https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/wir-brauchen-frieden-chemiepark-leuna-hofft-auf-russisches-gas-li.2303184">Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt</a>: Laut dem Betreiber, der InfraLeuna GmbH, müssen Unternehmen wegen der hohen Energiepreise bereits jetzt ihre Produktion drosseln.
Der Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt: Laut dem Betreiber, der InfraLeuna GmbH, müssen Unternehmen wegen der hohen Energiepreise bereits jetzt ihre Produktion drosseln.Jan Woitas/dpa

Gasspeicher-Krise könnte Deutschland Milliarden kosten

Auch aus Sicht der Bundesnetzagentur gibt es derzeit keinen Anlass zur Sorge in der Gasversorgung. „Der Gasspeicherfüllstand ist ein wichtiger Indikator für zusätzlich verfügbare Versorgungsabsicherungen, jedoch ist er nicht allein relevant“, sagt eine Sprecherin der Behörde. Laut dem Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) sind Deutschlands Importe durch die LNG-Terminals und durch die Hauptversorgung mit norwegischem Pipelinegas gesichert. Für die Gasversorgung hätten die Speicher daher „relativ gesehen an Attraktivität verloren“.

Ganz anders blicken jedoch die Gasversorger auf die Lage. „Genau für solche Kälteperioden wie jetzt sind Gasspeicher wichtig“, erklärte eine Sprecherin des Energiekonzerns Uniper auf eine frühere Anfrage der Berliner Zeitung. Im Winter deckten die Speicher regelmäßig rund 25 bis 30 Prozent des Gasbedarfs. An besonders kalten Tagen liege ihr Anteil an der täglichen Bedarfsdeckung sogar bei über 60 Prozent.

Die Industrie warnt: „Die Gasversorgungslage ist im Moment zwar nicht kritisch. Wir sehen aber eine hohe Vulnerabilität“, sagte Carsten Franzke, Geschäftsführer des Düngemittelherstellers SKW Piesteritz, in einem Bericht des Handelsblatts. „Schon kleinste Störungen können das System ins Wanken bringen.“ SKW Piesteritz ist einer der größten industriellen Gasverbraucher Deutschlands.

Und auch laut Uniper könnte eine anhaltend niedrige Speicherbefüllung schwere Folgen haben. Laut einer Studie, die der Gasversorger in Auftrag gegeben hat, droht bei länger anhaltenden Kälteperioden und deutlich schlechterer Versorgung ein volkswirtschaftlicher Schaden von bis zu 40 Milliarden Euro – die Berliner Zeitung berichtete. Somit zeigt sich erneut: Die Debatte über die Rolle, Befüllung und Regulierung der Gasspeicher ist längst nicht abgeschlossen.

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