Europas Gasspeicher sind historisch leer. Und die Krise im Iran könnte die Befüllung für den nächsten Winter zusätzlich erschweren, wie die Nachrichtenegantur Reuters berichtet. Die Irans Sperrung der strategisch wichtigen Straße von Hormus und Katars Produktionsstopp am weltweit größten LNG-Exportkomplex wird die Speicherbefüllung offenbar deutlich riskanter und teurer als bislang gedacht.
Schon jetzt sind Europas Gasspeicher so leer wie lange nicht. Laut Daten des europäischen Branchenverbands Gas Infrastructure Europe sind sie derzeit nur zu rund 29 Prozent gefüllt – deutlich unter dem Schnitt der letzten fünf Jahre (etwa 45 Prozent). Somit ist Europa gezwungen, im Sommer mehr Vorräte für den Winter zu kaufen als sonst. Experten warnten im Bericht von Reuters, dass Europa für die Befüllung seiner Speicher in diesem Sommer etwa 180 LNG-Ladungen beziehungsweise 17 Milliarden Kubikmeter Gas mehr braucht als im Vorjahr.
LNG macht 43 Prozent der Gasversorgung in Europa aus
Die Reserven in den europäischen Gasspeichern sind essenziell, um den Heiz- und Strombedarf im Winter zu decken und dadurch die Energieversorgung der Region zu gewährleisten. Seit der Abkehr von russischen Gasimporten ist Europa zunehmend auf LNG-Lieferungen angewiesen, um seine Speicher zu befüllen. 2021 machte LNG noch etwa 19 Prozent der europäischen Gasversorgung aus. Im vergangenen Jahr ist der Anteil laut ENTSOG-Daten jedoch auf über 43 Prozent gestiegen.
Laut Analysten von Kpler muss Europa für die Befüllung seiner Speicher in diesem Sommer rund 67 Milliarden Kubikmeter Gas auftreiben. Das entspricht etwa 700 LNG-Ladungen – „180 mehr als im Vorjahr“, so die Experten. Ein Teil davon werde über Pipelines aus Norwegen, Algerien und in geringerem Umfang aus Russland geliefert. Der größte Teil davon werde jedoch aus LNG-Lieferungen bestehen, heißt es.
Die Preise für Pipelinegas und LNG sind seit Beginn des Iran-Konflikts sprunghaft angestiegen – unter anderem, weil Katar die Produktion am weltweit größten LNG-Exportkomplex vorübergehend gestoppt hat. Der europäische Referenzgaspreis TTF kletterte anschließend zeitweise auf rund 59 Euro je Megawattstunde – der höchste Stand seit der Energiekrise 2022.

Mehr LNG: Befüllung der Gasspeicher wird teurer für Europa
Wenn die erschwerten Lieferbedingungen durch die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran länger als einen Monat anhalten sollten, könnten die Speicherstände in Europa bis zum Ende des Winters auf ein historisches Tief fallen und zu niedrigeren Füllständen Ende Oktober führen, warnte Erisa Pasko, Analystin bei Energy Aspects.
Ole Hvalbye, Rohstoffanalyst bei SEB Research, rechnete aus, dass im Falle einer solch lang anhaltenden Störung etwa sieben Millionen Tonnen LNG vom Weltmarkt genommen würden. Durch die Konkurrenz aus Asien um verfügbare Lieferungen würden Europa dadurch effektiv 5,5 Millionen Tonnen LNG fehlen. In diesem Fall würden die Gaspreise in Europa deutlich über 60 Euro pro Megawattstunde steigen, verglichen mit derzeit rund 50 Euro und 32 Euro Ende letzter Woche. Hohe Preise schränken jedoch die Anreize zur Speicherung von Gas ein.
Laut Berechnungen von Reuters sind die Kosten für die zusätzlichen 180 Ladungen, die Europa zur Speicherbefüllung braucht, von umgerechnet rund 5,8 Milliarden Euro am vergangenen Freitag auf rund 8,7 Milliarden Euro am Mittwoch gestiegen. Für die vollständige Befüllung im Sommer von 67 Milliarden Kubikmetern hätten sich die Kosten sogar um etwa 11,7 Milliarden auf 34,5 Milliarden Euro erhöht.
Kampf um LNG nimmt zu: Tanker nach Europa kehrt um
Die zusätzlichen Mengen könnte Europa beispielsweise aus den USA beziehen, die schon jetzt der größte LNG-Lieferant der Region sind. Doch auch Moskau könnte von der aktuellen Krise profitieren. „Für Russland könnten sich Chancen ergeben, wenn die LNG-Lieferungen aus Katar gestoppt werden“, sagte Maria Jaller-Makarewicz, leitende Energieanalystin am Institut für Energiewirtschaft und Finanzanalyse, im Gespräch mit Politico. Zwar sei Europa bei der Energieversorgung von Russland abgerückt. Doch die zunehmende Abhängigkeit von anderen Quellen wie den USA und Katar mache Europa verwundbarer.




