Europa wollte sich eigentlich vom russischen Gas lösen – doch derzeit passiert das Gegenteil. Im ersten Quartal 2026 hat die EU nach Daten des Analysehauses Kpler einen Großteil der Lieferungen aus dem russischen LNG-Projekt Yamal in der Arktis abgenommen. 97 Prozent der verschifften Ladungen gingen nach Europa, wie die Financial Times berichtet.
Damit wird ein Widerspruch sichtbar: Obwohl Brüssel den vollständigen Ausstieg aus russischem Gas bis 2027 beschlossen hat, steigen die Importe kurzfristig wieder an. Insgesamt legten die Lieferungen von Yamal LNG im ersten Quartal um 17 Prozent auf rund fünf Millionen Tonnen zu. Der Betreiber des Projekts sowie der Exporteur dahinter ist das private russische Unternehmen Novatek.
LNG-Markt unter Druck: EU greift auf russisches Gas zurück
Der Auslöser liegt im globalen LNG-Markt: Die Eskalation rund um Iran hat den globalen LNG-Handel unter Druck gesetzt. Lieferungen aus Katar, einem der wichtigsten Anbieter, sind zuletzt deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage hoch, sowohl in Asien als auch in Europa.
Flüssigerdgas ist kein regionaler Energieträger, sondern ein global gehandelter Rohstoff. Fällt Angebot in einer Region aus, verschiebt sich der Wettbewerb weltweit. Für europäische Käufer bedeutet das: Sie greifen auf verfügbare Mengen zurück, auch wenn sie aus Russland stammen.
Nach Schätzungen der Umweltorganisation Urgewald gab die EU im ersten Quartal rund 2,88 Milliarden Euro für Gas aus dem Yamal-Projekt aus. Allein im März wurden 1,8 Millionen Tonnen geliefert.
Russland profitiert – und bleibt vom europäischen Markt abhängig
Die jüngsten Zahlen zeigen nicht nur eine Abhängigkeit Europas. Sie offenbaren auch die umgekehrte Dynamik: Russland findet für sein Flüssigerdgas kaum alternative Abnehmer. Laut FT gingen nur wenige der Yamal-Lieferungen nach Asien, der Großteil blieb in Europa.
Ein Grund dafür liegt in regulatorischen Einschränkungen. Die EU hat Umladungen von russischem LNG für den Weitertransport eingeschränkt. Dadurch bleibt der europäische Markt für Russland zumindest kurzfristig zentral. Parallel versucht Russland laut einem Bloomberg-Bericht, neue Käufer in Asien mit Rabatten von bis zu 40 Prozent zu locken – vor allem für LNG aus dem neuen Projekt Arctic LNG 2. Das Projekt wurde 2023 von den USA sanktioniert und ist erst seit 2024 in Betrieb. Bisher nimmt vor allem China diese Lieferungen ab.
Gleichzeitig steigen die Preise. Im März lag der durchschnittliche Gaspreis in Europa bei rund 52,87 Euro je Megawattstunde – deutlich höher als zu Jahresbeginn. Viele langfristige Verträge sind an solche Marktpreise gekoppelt, sodass sich die Kosten automatisch erhöhen.
Politik hält am Ausstieg fest – trotz steigender Importe
Trotz dieser Entwicklung zeigt die EU bislang keine Bereitschaft, ihre Sanktionspolitik gegen Russland zu lockern. Ein vollständiges Importverbot für russisches LNG soll weiterhin mit Anfang 2027 greifen. Kurzfristige Verträge sind bereits eingeschränkt. Mit dem russischen Pipelinegas etwa über die Schwarzmeerpipeline TurkStream soll spätestens bis zum 1. November 2027 Schluss sein.
EU-Energiekommissar Dan Jørgensen warnte laut FT davor, frühere Fehler zu wiederholen. Eine Rückkehr zu russischem Gas würde die Abhängigkeit erneut verstärken und Europa politisch verwundbar machen, so Jørgensen.


