Kassel Calling

Mit dem Hausboot auf der Fulda: Ist die Spree zu eng für Berliner Egos?

Unsere Autorin war zu Besuch in ihrer Heimatstadt Kassel und merkte, dass sie in Berlin doch in einer Blase lebt. Ein bisschen Provinz tut manchmal ganz gut.

Eine Landschaft wie eine Datei bei Soundcloud: die Fulda.
Eine Landschaft wie eine Datei bei Soundcloud: die Fulda.imago/Panthermedia

Immer wenn mir Berlin zu eng wird, fahre ich nach Kassel. Weg von „1 Zimmer, Küche, Bad“. Weg von einem Fluss, der kein Ufer hat, sondern zwischen Straßen verläuft. Weg von einer Bubble, die glaubt, das Epizentrum von Veganismus, Prominenz und Queerness zu sein.

Ich weiß, Kassel ist für die Berliner Provinz, bekannt vielleicht für den hässlichen Bahnhof und dass niemand dort aus-, sondern nur umsteigt. Brad Pitt war neulich in Berlin, und niemanden interessiert es. Als er im Jahr 2012 die Documenta besuchte, war Kassel plötzlich Weltstadt. Doch ich habe bei meinem Besuch am vergangenen Wochenende etwas gelernt: Berlin ist kein hermetisches Gebilde und Kassel nicht nur Hotspot alle fünf Jahre.

Auf der Documenta war ich dieses Mal nicht. Ich kenne den Kunstwirbel, seit ich zehn Jahre alt bin. Was zu wenige Berliner wissen: Auch in den Jahren zwischen diesem Festival ist die Stadt voller Kunst und Kultur, beispielsweise im Fridericianum, im Kulturbahnhof, im Staatstheater.

Ich fahre zu meiner Mutter. Es gibt Salat, wie nur sie ihn macht: Eisberg, Mozzarella-Würfel, Tomaten und ein winziger Klecks Soße – angerührt aus den Knorr-Salatkrönung-Päckchen. Anschließend fahre ich mit meiner Schwester zu Rewe, die tiefergelegten Proll-Schlitten der Kleinstadtjugend parken neben uns. Dort entdecke ich veganes Mett im Kühlregal – undenkbar noch vor 20 Jahren. Ich freue mich für die Veggies in der Provinz. Zugleich bin ich ein wenig traurig und denke: Vielleicht gibt es diese Berlin-Bubble gar nicht.

Wir treffen uns zum Junggesellenabschied am Hotel mit dem Namen Roter Kater, direkt an der Fulda. Keine Verkleidung, keine Trinkrituale, keine Stripperin, sondern wir mieten ein Boot, es heißt „Fulle-Kätzchen“, und packen es voll mit Bier, Radler, Gin, Tonic, salzigem Erdnuss-Schnaps und Grillwürsten. Ich umarme meine Freunde, samt dem Junggesellen. Er sagt, er erkenne mich nicht. Zu lange liegt unser letztes Treffen zurück, zu selten bin ich in Nordhessen. Liegt es wirklich nur an Corona?

Raus aus der Techno-Bubble

Die letzten drei Wochenenden in Berlin gab es eine Love Parade, ein Straßenfest und letzte Woche den CSD, aber ich will ja raus aus der Techno-Bubble. Hier läuft das Lied „Halt die Fresse, ich will saufen!“ Ich steuere die „Fulle-Kätzchen“ und lächle, das kann auch am Erdnuss-Schnaps liegen. Hier muss ich nur selten anderen Booten ausweichen, und wenn doch, ist der Fluss breit genug für alle. Kassel hat, was Berlin zu wenig hat: Platz.

Nach der Bootstour geht es an der Orangerie vorbei zur Drahtbrücke. Documenta-Besucher schleichen an unserem mittlerweile stark alkoholisierten Trupp vorbei. Wir setzen uns an die Fulda. Eine Freundin erzählt, sie sei non-binär. Sie sucht Kontakte zu anderen queeren Menschen in Kassel und zeigt mir Fotos von zwei Transmännern, die sie gerade datet. Sie hat auch nicht vor, in den kommenden Jahren nach Berlin zu ziehen.

Als Berlinerin habe ich ein wenig das Gefühl, die Entwicklung in meiner Heimat verpasst zu haben. Der Kassel-Hype alle fünf Jahre macht mich fast traurig (der Berlin-Hype sowieso). Ich habe gelernt: Aus der Mitte Deutschlands entspringt ein Fluss, und er ist breit genug für Berliner Egos, die mal raus aus der Hauptstadt-Bubble wollen. Ich bin jedenfalls bald wieder da.