Der letzte Tag der Berlin Fashion Week H/W 26/27 bestand zu einem großen Teil aus den Modenschauen der von der Agentur Reference Studios um Gründer Mumi Haiati inszenierten „Intervention“ im Kraftwerk in der Köpenicker Straße, unter anderem mit den Designerlabels Buzigahill, Dagger und GmbH.
Hier wurde Berlin seinem international gehegten und gepflegten Image gerecht: Zwischen den brutalistischen Betonpfeilern eines ehemaligen Heizkraftwerks liefen die Models zu dumpfen Klängen den Laufsteg entlang, finster dreinschauend und oft ganz in Schwarz.
Buzigahill: Upcycling als kreativer Widerstand
„Who is to blame?“ Wer ist schuld? – das ist die zentrale Frage der neuen Kollektion von Buzigahill. Das Label aus der ugandischen Hauptstadt Kampala, das von Designer Bobby Kolade gegründet wurde, macht mit seiner Initiative „Return to Sender“ auf den Müll aufmerksam, den der reiche Norden in den Globalen Süden schickt. Dort zerstört die Flut importierter Altkleidung viele Versuche, in Uganda eine lokale Textilindustrie aufleben zu lassen.

Und gleichzeitig ist die Suche nach den Schuldigen auch sinnlos. Wer ein System wie das kapitalistische verändern will, kommt mit dem erhobenen Zeigefinger nicht weit. Das weiß auch Designer Bobby Kolade. Viel erfolgreicher sind da schon Strategien, die sich das System zunutze machen. Zum Beispiel die Altkleider upcyceln, Begehrlichkeiten wecken und das Neue an den Norden zurück verkaufen.

Das gelingt nur mit gutem Design, und das wiederum beherrscht Bobby Kolade. Die Secondhand-Textilien werden vom berühmten Owino Market in Kampala bezogen, einem der größten Gebrauchtkleidungszentren Afrikas, sorgfältig gereinigt und durch maßgeschneidertes Upcycling transformiert. So überlistet Buzigahill das System auf charmante Weise und schafft tatsächlich neue Qualität. Den Rest regelt der Markt.
Kenneth Ize: Farbstarkes Dandytum
Sein Debüt auf der Berliner Fashion Week begeht der nigerianische Designer Kenneth Ize nicht mit einem klassischen Runway, sondern mit einer quadratischen Erhöhung, um die sich die Gäste versammeln. Von dort aus beobachten sie, wie ein Model nach dem anderen auf die Bühne tritt und sich von Ecke zu Ecke bewegt, während es vom Fotografen abgelichtet wird.

Traditioneller wird es in der Materialwahl: Bunte, handgewebte Stoffe, bekannt als „Aso oke“ und Bestandteil der Yoruba-Stammeskultur, bilden das Herzstück der Kollektion. Zwischen Anzug- und Overall-Ensembles in Khaki sorgen die farbigen Textilien – mal in Längsstreifen, mal im Karomuster – dafür, dass das Motto der Kollektion, „Joy“, also Freude, visuell transportiert wird.
Bei den leuchtenden Kombinationen könnte man meinen, es kippt gleich ins Verspielte. Doch bei Kenneth Ize wirken die Entwürfe elegant und erstaunlich erwachsen. Dafür sorgen die klaren Schneiderschnitte, unterlegte Hemden mit Krawatten sowie extravagante Hüte, die tief ins Gesicht gezogen sind.
Dagger: Unverbissene Skater-Ästhetik
Hoodies und Sweatpants, tief sitzende, zerschlissene Jeans, Denim mit Prints und Verwaschungen, dazu Caps und Mützen: Mit seiner ersten Runway-Show zeigt das Berliner Label Dagger, wie vielseitig Street Style heute gelesen werden kann. Designer Luke Rainey, der zuvor beim Dover Street Market und bei Balenciaga gearbeitet hat, nimmt mit dieser Kollektion unter dem Motto „Play Hard“ Bezug auf seine nordirische Heimat – einen Küstenort, wo Spielhallen lange die einzige Ablenkung boten und Skateboarding zum Ausbruch aus dem Sackgassen-Alltag wurde.

Diese Mischung aus Eskapismus und Gemeinschaftsgeist übersetzt Dagger in lässige Silhouetten. Streifen, Karomuster und gezielte Farbakzente wie ein knalliger Pink-Ton nehmen der Streetwear jede Düsternis und geben ihr eine Leichtigkeit zwischen Spiel und Ernst.
John Lawrence Sullivan: Gangsta-Klassiker
Gleich zu Beginn zeigt John Lawrence Sullivan, wie präzise seine Handschrift ist: streng geschnittene, doppelreihige Anzüge eröffnen die Show. Klassisch geschnitten, aber eben durch lange, geraffte Lederhandschuhe die überlangen Ärmel eines Netzhemdes gebrochen.

Anschließend löst sich die Tailoring-Logik zunehmend auf: Nun treten Bomberjacken, viel Leder sowie Nieten und Choker in den Vordergrund. Dunkle Farben dominieren, aber Schwarz und Grau werden von metallischen Akzenten und Elementen aus Kunstpelz durchzogen. Damit bewegt sich die Kollektion gekonnt zwischen Kontrolle und Exzess.
Laura Gerte: Weibliche Provokation
Mit „Deviant Defiant“ entwirft Laura Gerte eine Kollektion über Weiblichkeit, die sich nicht mehr zähmen lässt. Schlanke, langgezogene Silhouetten dominieren den Laufsteg und wechseln zwischen Kontrolle und wie zufälliger Offenlegung ab. Den Auftakt bilden Ensembles mit stark betonten Schulterpartien und präzisen Cut-outs, die Brust und Midriff, also die untere Rippenpartie, freilegen – mehr als selbstbewusst, eher schon konfrontativ.

Später werden die Looks cooler. Bedruckte T-Shirts schmiegen sich drapiert an den Körper und gewinnen so an Eleganz und Raffinesse. Zum Finale verdichtet sich die Spannung in körpernahen Kleidern aus Transparentstoffen und mit tiefem Rückenausschnitt.
Gerte verhandelt damit das Bild der Frau, der mit zunehmender Unabhängigkeit das „Unkontrollierbare“ zugeschrieben wird. Ihre Mode feiert genau diese Abweichung: roh, feminin, selbstbestimmt.
GmbH: Wo sich Politik und Mode treffen
Mode ist bei GmbH immer politisch. Mit ihrer vierten Berliner Show melden sich die GmbH-Gründer Benjamin A. Huseby und Serhat Işık zurück – und sie haben etwas zu sagen. Die neue Kollektion „Doppelgänger“ ist mehr als eine Modenschau: Sie ist ein politisches Statement in Zeiten, in denen das Duo die Werte ihrer Wahlheimat Berlin bedroht sieht.

Den Anstoß gab ein Wort, das Anfang des Jahres die Runde machte: „Friedensangst“ – die Sorge deutscher Rüstungskonzerne vor einem möglichen Frieden in der Ukraine und den damit verbundenen Kursverlusten. Für Huseby und Işık ein Symbol für eine Welt, in der Profitinteressen über Menschenleben gestellt werden.
Der Titel der Kollektion verweist auf ein Motiv, das derzeit Konjunktur hat. In ihrem 2023 erschienenen Buch „Doppelganger“ beschreibt die kanadische Autorin Naomi Klein, wie rechte Bewegungen linke Ästhetik und Taktik kapern – Rebellion, Widerstand, Systemkritik –, um sie für autoritäre Zwecke umzudeuten. Klein nennt dieses Phänomen die „Spiegelwelt“: ein Paralleluniversum, in dem Fakten und Fiktionen, Original und Fälschung verschwimmen.

Musikalisch wie ästhetisch orientiert sich „Doppelgänger“ an der experimentellen Szene des geteilten Berlins: an DAF, Einstürzenden Neubauten und deren Frontmann Blixa Bargeld. Eine Zeit, so die Designer, als die Stadt noch Teil der Gegenkultur war und utopische Träume trug – bevor Gentrifizierung und Repression sie verändert haben.
Richert Beil: Dinner mit Botschaft
„Landei“ ist kein Kompliment. Das Wort steht für Naivität, für jemanden, der provinziell ist und eher abgehängt lebt und denkt. Die Designer Jale Richert und Michele Beil geben dem Begriff in ihrer Herbst/Winter-26-Kollektion eine neue Bedeutung. „Landei“ heißt hier, Abstand zu halten. Abstand zu Mode als Spektakel und generell zu Systemen, die auf Größe, Effizienz und permanente Sichtbarkeit setzen. Stattdessen geht es um Herkunft, Geduld und innere Orientierung.

Genauso fühlt sich auch der Abend an. Man sitzt an kleinen Tischen mit weißen Decken. Auf einer Menükarte stehen vier Gänge. Das Essen, zubereitet von Köchin CheHub, wird von den Models auf großen silbernen Tabletts serviert. Sie bewegen sich langsam durch den Raum, mit ernsten Gesichtern, tragen kaum Make-up und wirken fast geisterhaft. Zwischen Stühlen, Tellern und Handys tauchen sie vereinzelt auf und verschwinden wieder.
Die Kleidung passt zu dieser Stimmung: Viel Schwarz, viel Latex und sowohl lange Mäntel als auch knappe Kleider, aber nichts Lautes oder Verspieltes. Alles strahlt eine besondere Langsamkeit aus, obwohl vieles gleichzeitig passiert.
