Kolumne

Warum sich Hertha BSC Tipps von Union-Trainer Steffen Baumgart holen sollte

Hertha BSC verliert im Aufstiegsrennen allmählich an Boden. Ausgerechnet Steffen Baumgart weiß, was in dieser Situation nötig ist.

Steffen Baumgart, Trainer des 1. FC Union Berlin, stieg einst mit dem SC Paderborn in die Fußball-Bundesliga auf.
Steffen Baumgart, Trainer des 1. FC Union Berlin, stieg einst mit dem SC Paderborn in die Fußball-Bundesliga auf.imago/Michael Weber IMAGEPOWER

Hat Hertha BSC nach dem jüngsten 2:2 gegen Darmstadt 98 endgültig den Aufstieg verspielt? Das fünfte Remis in Serie und sechste Spiel ohne Sieg hintereinander lassen die Chancen auf den ersehnten Wiederaufstieg im dritten Anlauf arg schwinden. Da die KI, die Künstliche Intelligenz, in aller Munde ist, habe ich diese ausnahmsweise vor dem Duell gegen Darmstadt gefragt, ob Hertha im Mai unter den Aufsteigern landet. „Das ist zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen, aber die Ausgangslage ist herausfordernd. Hertha bleibt im Rennen.“ So lautete die Antwort. Da man sich mit solchen allgemeinen Prognosen nicht zufriedengeben sollte, habe ich nach handfesteren Fakten gesucht, um die Wahrscheinlichkeit eines Aufstiegs besser beurteilen zu können.

Nach dem 20. Spieltag liegt Hertha auf Rang sieben der Tabelle und hat einen Rückstand auf Relegationsplatz drei und auch auf den ersten direkten Aufstiegsplatz von jeweils sieben Punkten. Das ist viel, aber auch nicht unmöglich, noch aufzuholen – vorausgesetzt die Konkurrenz schwächelt auch ab und an. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt allerdings, wie schwer die Mission Aufstieg ist, wenn eine Mannschaft in der 2. Bundesliga nach dem 20. Spieltag auf Rang sieben platziert war und wie Hertha zwar noch kein Fernrohr benötigte, um die Aufstiegsplätze zu sehen, aber dennoch nicht vom Fleck kommt. Und ein Blick zurück zeigt auch deutlich, was diejenigen Teams auszeichnete, die den Sprung in die Beletage schafften.

Ich habe die zurückliegenden zehn Spielzeiten durchforstet. Dreimal lag der SC Paderborn nach 20 Spielen auf Platz sieben, je zweimal der SV Sandhausen und Jahn Regensburg, je einmal Fortuna Düsseldorf, der 1. FC Nürnberg und Hannover 96. Die Abstände auf den Relegationsplatz bewegten sich zwischen minimal vier und maximal neun Punkten. Und, Achtung Hertha, nur einer Mannschaft gelang seit der Saison 2015/16 der Aufstieg, die nach dem 20. Spieltag von Rang sieben kommend noch die Konkurrenz überholte: dem SC Paderborn in der Saison 2018/19! Die Mannschaft von Trainer Steffen Baumgart musste fünf Zähler auf Rang drei oder sechs Punkte auf Platz zwei aufholen. Es folgen acht Siege, zwei Remis und vier Niederlagen. Und es sprang hinter Zweitliga-Meister 1. FC Köln sogar der direkte Aufstieg heraus – übrigens punktgleich mit dem 1. FC Union Berlin. Die Köpenicker schafften aber anschließend in der Relegation gegen den VfB Stuttgart den umjubelten Aufstieg. Also Herthaner, fragt mal bei Baumgart in Köpenick nach, wie Aufsteigen geht.

Das große Defizit: Es gibt bei Hertha keinen Torjäger

Was alle Aufsteiger in den zurückliegenden zehn Jahren auszeichnete, war die Tatsache, dass sie stets Torjäger in ihren Reihen hatten, die maßgeblich den Erfolg garantierten. Sensationell: Stürmer Simon Terodde, ein rastloser Wandervogel, schoss allein drei verschiedene Vereine in die Erste Liga: 2016/17 den VfB Stuttgart mit 25 Treffern, 2018/19 den 1. FC Köln mit 29 Toren und 2021/22 schließlich Schalke 04 mit imposanten 30 Treffern.

Auch Nils Petersen (SC Freiburg), Fabian Klos (Arminia Bielefeld) oder Tim Kleindienst (1. FC Heidenheim) ragten mit ihren vielen Toren weit im zweistelligen Bereich in ihren Aufsteigerteams heraus. Wenn es um Torjäger geht, wird das Defizit von Hertha BSC deutlich sichtbar. Cheftrainer Stefan Leitl hat keinen „Knipser“ und es bleibt vor allem die Hoffnung, dass Fabian Reese noch einmal seine Quote erhöhen kann. Mit fünf Toren und neun Assists ist er vor allem ein Top-Vorbereiter und steht auf Rang drei der Scorer-Liste in der Liga.

Auch nach dem 2:2 gegen Darmstadt habe ich der KI die Frage nach den Aufstiegschancen der Hertha noch einmal gestellt. Die Antwort war leicht modifiziert: „Die Hoffnungen schwinden. Rechnerisch ist der Aufstieg weiterhin möglich. Dafür bedarf es einer massiven Leistungssteigerung.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.