Bitteres Ende eines Pokaltraums

Pokalaus im Elfmeterschießen: Hertha BSC und das Dilemma der zwei Träume

Die Berliner scheitern am Dienstagabend nach einem spannenden Spiel am Bundesligisten SC Freiburg. Der Fokus liegt nun auf dem zweiten Traum.

Das Zittern half den Spielern von Hertha BSC nicht: Im Elfmeterschießen scheiterten sie am SC Freiburg.
Das Zittern half den Spielern von Hertha BSC nicht: Im Elfmeterschießen scheiterten sie am SC Freiburg.City-Press

An den beiden Torhütern hatte es am Dienstagabend nicht gelegen, dass es erst nach der regulären Spielzeit und auch nach der Verlängerung im Duell zwischen Hertha BSC und dem SC Freiburg im Viertelfinale des DFB-Pokals einen Sieger gegeben hatte. Tjark Ernst, auf Seiten der Berliner, und Florian Müller, Schlussmann der Gäste aus dem Breisgau, hatten mit zahlreichen Paraden dafür gesorgt, dass es beim Stand von 1:1 (0:0, 0:0, 1:1) ins Elfmeterschießen ging.

Mit ihren Leistungen hatten sie sich selbst die für Torhüter größtmögliche Bühne erarbeitet und konnten zum Helden des mittlerweile zeitlich vorangeschrittenen Abends werden. Und da konnte erst Müller den Elfmeter von Michael Cuisance halten, Ernst dagegen den von Johan Manzambi. Nach jeweils fünf Schützen hatten vier getroffen, jeder nun vergebene Schuss hatte das Aus zur Folge. Und da erwischte es Pascal Klemens, der nicht verwandeln konnte und sofort zu Boden sank. Während die Spieler des SC Freiburg zu ihren Fans sprinteten und Müller sich dort feiern ließ, hatte Hertha BSC den Einzug in das Halbfinale verpasst.

Hertha BSC und die zwei großen Träume

Rund drei Stunden zuvor wird sich auf dem Weg ins Olympiastadion der eine oder andere Fan gefragt haben, wie denn so ein Spiel in den Terminkalender der Berliner passt. Schließlich tragen Verein und Anhänger zwei Träume mit sich herum. Da ist natürlich auf der einen Seite die riesige Sehnsucht nach dem Finale im Pokalwettbewerb im eigenen Stadion (inklusive einer damit verbundenen Prämie im Millionenbereich). Auf der anderen Seite soll es im Frühjahr wieder zurück in die Bundesliga gehen.

Dafür braucht es gerade im Februar bei Spielen gegen die direkten Konkurrenten um den Aufstieg jeden Prozentpunkt an Frische und Konzentration. Auf Elversberg folgen in den kommenden Wochen Hannover und Paderborn – verlieren ist da praktisch verboten, will man den am zurückliegenden Spieltag wiederhergestellten Anschluss an die Spitze nicht direkt wieder einbüßen.

Was nach einer Zwickmühle klingt, lässt sich reletativ pragmatisch angehen: In dem man einfach von Spiel zu Spiel denkt, wie es in solchen Phasen immer wieder gerne zu hören ist. In Elversberg dachte man nach dem 3:0-Sieg direkt daran, wie man best- und schnellstmöglich in die Regeneration vor dem Spiel gegen Freiburg starten kann – Stichwort Frische.

Wenn man sich am Dienstagabend das Geschehen auf dem Platz so anschaute, war zu erkennen, dass man bei Hertha BSC in der Nach- und Vorbereitung für das Duell mit dem SC Freiburg einen sehr guten Job gemacht hat. Läuferisch stark, ein paar mehr Pässe und etwas mehr Ballbesitz als der Bundesligist waren Kennzeichen dafür, dass der Zweitligist an diesem Abend eine realistische Chance auf den Fortbestand des einen Traums haben würde.

Und was wäre das erst gewesen, hätte kurz nach Anpfiff der Treffer von Fabian Reese länger als nur zwei Minuten auf der Anzeigetafel gestanden. Am Ende eine einstudierten Eckballvariante hatte der Kapitän im Nachsetzen aus kurzer Distanz zum vermeintlichen und viel bejubelten 1:0 getroffen. Als aus dem Spielstand auf den Anzeigetafeln allerdings die Schlagworte „Situation: Abseits“, „Überprüfung: Abseits“ sowie „Entscheidung“ wurden, beschlich die Berliner eine erste Vorahnung und kurz darauf folgte die Bestätigung durch Schiedsrichter Patrick Ittrich. Bei der Hereingabe nach der kurz ausgeführten Ecke soll ein Berliner im Abseits gestanden haben – der Treffer wurde einkassiert.

Über den Einsatz des VAR in der Anfangsphase der Partie herrschte auf den Rängen des Olympiastadions großer Unmut.
Über den Einsatz des VAR in der Anfangsphase der Partie herrschte auf den Rängen des Olympiastadions großer Unmut.Michael Tager/Imago

Das Ergebnis: Ein wütender Fabian Reese, der mit Ittrich diskutierte und zwei Fanlager, die ihren Umut über den VAR sowie den DFB lautstark äußerten. All der Ärger brachte nichts, aber schien die Berliner auch nicht sonderlich zu beeindrucken. Paul Seguin und Michael Cuisance initierten in Umschaltmomenten immer gute Offensivsituationen der Gastgeber, hielten damit die Freiburger weitestgehend vom eigenen Tor fern, konnten aber auf der anderen Seite keine große Gefahr entwickeln.

Derry Scherhant scheitert zweimal an Tjark Ernst

Tatsächlich waren es in der ersten Hälfte die Gäste, die durch den Ex-Herthaner Derry Scherhant gleich zwei sehr gute Torschüsse abgaben. Beide Male aber war Torwart Tjark Ernst zur Stelle und verhinderte den Rückstand. Von einem packenden Pokalfight waren beide Teams im ersten Durchgang zwar noch ein Stück weit entfernt, ein spannendes Spiel präsentierten sie den 56.743 Zuschauer aber allemal.

Und auch nach dem Seitenwechel präsentierten sich beide Teams auf Augenhöhe. Mit zunehmender Spieldauer aber stellte sich den Fans allmählich die Frage, ob sie an diesem Abend noch eine Verlängerung und möglicherweise ein Elfmeterschießen geboten bekommen oder ob ein Fehler über Weiterkommen und Ausscheiden in der regulären Spielzeit entscheiden würde – Stichwort Konzentration.

Die war in der 69. Minute bei Paul Seguin für einen Moment mal nicht bei 100 Prozent, als sich der Mittelfeldspieler im Strafraum den Ball vom hinter ihm lauernden Yuito Suzuki abluchsen ließ. Glück für Seguin und Hertha BSC, dass der aus diesem Freiburger Ballgewinn resultierende Schuss noch abgefälscht wurde und knapp am Tor vorbeiging.

90 torlose Minuten plus Nachspielzeit bedeuteten aber auch, dass die kraftraubendere Variante der 30minütigen Verlängerung für eine Entscheidung sorgen musste – möglicherweise die Nerven von Spielern und Fans gar durch ein Elfmeterschießen zusätzlich strapaziert würden. Dem 1:0 der Freiburger, erzielt durch Suzuki in der 96. Minute, schien dort zunächst nach einem unnötigen Dribbling von Toni Leistner mit dem Fehlpass von Linus Gechter der Fehler des Abends vorausgegangen zu sein.

Ausgerechnet der Japaner aber war es, der sich in der 103. Minute den Ball stibitzen ließ und Reese einen tollen Schuss zum 1:1-Ausgleich ins linke obere Eck ermöglichte. Und da die zweite Hälfte der Verlängerung ohne Treffer blieb, musste also wirklich das Elfmeterschießen für die Entscheidung sorgen. Ein Spieler muss dort am Ende immer der sein, der für den spielentscheidenden Fehlschuss sorgt. Diesmal erwischte es, wie eingangs beschrieben, Pascal Klemens.

Für ihn und sein Team ist am Dienstag ein Traum geplatzt, der nächste aber soll am Sonnabend weiter am Leben bleiben. Dafür heißen die Stichworte ab Mittwoch wieder Regeneration und Frische.