Kolumne Hertha BSC

Psychologie im Aufstiegskampf: Der Weg von Hertha BSC aus dem Kopfproblem

Früher hieß der „Angstgegner“ Energie Cottbus, später RB Leipzig. Zuletzt hatten die Berliner Probleme mit der SV Elversberg. Doch die scheinen jetzt gelöst.

Erleichterung nach dem Sieg beim Angstgegner: Tjark Ernst und seine Teamkollegen von Hertha BSC konnten zum zweiten Mal in Folge gegen die SV Elversberg gewinnen.
Erleichterung nach dem Sieg beim Angstgegner: Tjark Ernst und seine Teamkollegen von Hertha BSC konnten zum zweiten Mal in Folge gegen die SV Elversberg gewinnen.Florian Pohl/City-Press

Als Abwehrkante Toni Leistner beim schweren Auswärtsspiel in Elversberg mit einem Traumtor nach 78 Minuten das 3:0 besorgte, konnte Hertha BSC in dieser Saison endlich einen Kontrahenten von der Liste der sogenannten Angstgegner streichen: die SV Elversberg.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg, an dem Cheftrainer Stefan Leitl großen Anteil besitzt. Der 48-Jährige kann sich glücklich schätzen, denn er scheint ein weitgehend angstfreier Mensch zu sein. Zumindest was den Fußball betrifft. „Ich hatte als Spieler keinen Angstgegner und den habe ich auch als Trainer nicht“, sagte der 48-Jährige stets im Vorfeld einer für Hertha äußerst unangenehmen Partie gegen die vermeintliche „Dorf-Mannschaft“ SV Elversberg.

Unter Dardai und Fiél wird Elversberg zum Angstgegner

Lange bevor Leitl Hertha BSC übernahm (er war Trainer bei Hannover 96), begann sich Elversberg zum Rivalen mit dem Prädikat „Angstgegner“ zu entwickeln. Das passierte nach dem Abstieg der Berliner in die 2. Bundesliga unter den Trainern Pal Dardai (ein Sieg, eine Niederlage), Cristian Fiel (eine krachende Niederlage) und später unter Stefan Leitl (bis Oktober 2025 zwei heftige Pleiten in der Liga).

„Ja, es gibt im Fußball natürlich Angstgegner“, sagt Mentalcoach Gerd Driehorst, „das beweisen erstaunliche Statistiken. Negativserien gegen eine bestimmte Mannschaft setzen sich in den Köpfen der Spieler fest. Die Belastungen vor einem erneuten Duell werden größer, was lähmen kann.“ Driehorst berät und coacht Führungskräfte aus Wirtschaft, Politik und Kultur und arbeitete 1998 als erster offizieller Mentalcoach der Bundesliga – bei Hertha BSC.

Die kleine SV Elversberg war natürlich nicht der erste Kontrahent aus der Kategorie „Angstgegner“. Auch als Erstligist musste sich Hertha mit solch unangenehmen Teams auseinandersetzen. Dazu gehörte etwa Energie Cottbus. Gegen die oft beinharte Energie-Truppe gab es sechs Siege, drei Remis und sieben Niederlagen! Vor allem im Cottbuser „Stadion der Freundschaft“, das damals diesen Namen nicht verdient hatte, setzte es Niederlagen, eine kostete Kulttrainer Jürgen Röber 2002 seinen Job. „Da schlotterten vor einem Spiel in Cottbus oft einigen Herthanern die Knie“, sagt Driehorst.

Erst ein 3:1-Sieg in Cottbus im März 2009 unter Chefcoach Lucien Favre mit drei Toren durch Andrej Woronin setzte dem Kapitel „Angstgegner Energie“ ein Ende. Lucien Favre, der im Dezember vorigen Jahres sein Karriereende verkündete, sagte mir nun: „Ich hatte als Spieler und als Trainer keine Angstgegner, höchstens Respekt.“ Da tickt er wie Stefan Leitl.

Einen heftigen Angstgegner kann man RB Leipzig nennen. Ein Sieg, ein Remis und zwölf Niederlagen stehen für Hertha zu Buche und das unglaubliche Torverhältnis von 14:48! Ob Hertha in der nächsten Saison diese fatale Bilanz aufbessern kann, hängt davon ab, ob die Mannschaft doch noch den heiß ersehnten Aufstieg bewerkstelligen kann. Der Sieg in Elversberg hält die Hoffnung weiter am Leben. Schon der 3:0-Erfolg Ende Oktober 2025 im DFB-Pokal gegen die Saarländer war der Beginn, das Etikett „Angstgegner“ bei Elversberg-Duellen loszuwerden. „Man muss Spiele gegen solche Gegner nicht als Bedrohung sehen, sondern als Herausforderung“, sagt Gerd Driehorst, „man spricht in der Psychologie vom Belohnungs-Erwartungs-System. Die Vorfreude auf einen Sieg muss größer sein, als etwa die Angst.“

Hertha BSC arbeitet mit kleinen Tricks

Hinzu kommen auch ab und an kleine Tricks, kleine Veränderungen vor solch schweren Spielen. Herthas Kapitän Fabian Reese hat das nun beim jüngsten 3:0-Sieg in Elversberg praktiziert. Nach der gewonnenen Platzwahl ließ er die Seiten tauschen, sodass die Gastgeber, anders als bei der 0:4-Klatsche der Berliner im März 2025, nicht in der ersten Halbzeit auf die Tribüne mit den 1500 mitgereisten Hertha-Fans spielten.

Dafür traf Pascal Klemens vor den eigenen Anhängern per Kopfball zum wichtigen 1:0 in der 42. Minute. Ein bisschen Aberglaube? Auf jeden Fall clever. So kann es weitergehen mit Trainer Leitl, der die Angst verbannte.