Fußball-Bundesliga

Hertha BSC hat sich wieder in eine Lage manövriert, in der niemand sein will

Nach der 1:3-Niederlage im Berliner Stadtderby gegen Union ist Herthas Sportchef Bobic ernüchtert. Trainer Schwarz fordert mehr Ekligkeit von seinem Team.

Aufstehen, weitermachen, besser spielen: Filip Uremovic hilft seinem Kollegen Marc-Oliver Kempf nach Herthas Niederlage gegen den 1. FC Union wieder auf die Beine.
Aufstehen, weitermachen, besser spielen: Filip Uremovic hilft seinem Kollegen Marc-Oliver Kempf nach Herthas Niederlage gegen den 1. FC Union wieder auf die Beine.City-Press

Es hätte auch anders kommen können bei Hertha BSC: Anstoß zum dritten Spieltag am Sonnabend, 13 Uhr, gegen Heidenheim beispielsweise. Mit diesem Szenario musste jedoch der Hamburger SV klarkommen – was er beim 1:0-Sieg in Liga zwei auch tat. In Berlin erinnern sich noch viele genau an den Grund, weshalb es doch noch mal hat klappen dürfen mit der Hertha und der Ersten Liga: Weil die Mannschaft im zweiten Relegationsspiel Ende Mai beim HSV kämpfte, lief, zusammenhielt, alles gab.

Kapitän Dedryck Boyata sank nach dem Klassenerhalt auf die Knie, hob die Arme Richtung Himmel. Betete. Minutenlang. „Wir haben einen großen Kampfgeist und Moral gezeigt, wir haben alle zusammen bis zum Umfallen gekämpft – für den Verein, für unsere Fans, für unsere Familien und für uns“, sagte er damals. „Wenn wir immer so eine Leistung gezeigt hätten, wären wir nie in diese Lage gekommen.“

Fredi Bobic vermisst die Identifikation der Spieler mit dem Verein

So ein Erweckungserlebnis hätte die Mannschaft zusammenschweißen können – über die Sommerpause hinweg. In der letzten Saisonpartie hatte das Team ja gezeigt, was alles in ihm steckt, wo das Potenzial schlummert. Ein Kopfballtor von Boyata, ein Freistoßtreffer von Marvin Plattenhardt; die gemeinschaftliche Verhinderung des Abstiegsübels hätte als Initialzündung wirken können – als Teambuilding über neun Wochen hinweg.

Aber bei der 1:3-Niederlage gegen den 1. FC Union am Sonnabend war davon wenig zu sehen. In der Alten Försterei ließen die Köpenicker ihrem Charlottenburger Gegner keinen Raum für Entfaltung im Sinne ihres neuen Trainers Sandro Schwarz. Dort erinnerte so gut wie nichts an die letzte Partie der Vorsaison – und den zumindest offensiv erfrischenden Auftritt im verlorenen DFB-Pokalspiel eine Woche zuvor: Es war keine Gemeinschaft zu erkennen, zu wenig Laufbereitschaft (fünf Kilometer weniger als bei Union), zu wenig Aggressivität.

„Diese Niederlage“, sagte Herthas Sportchef Fredi Bobic am Sonntag in der Sendung „Doppelpass“, „war ernüchternd, weil sie selbst verschuldet war, weil wir die Kompromisslosigkeit, die Union hatte, nicht mitgehen konnten.“ Und jetzt? Geht nach drei verlorenen Test- und zwei verlorenen Pflichtspielen die Frage um, ob sich Hertha schon wieder in eine Lage manövriert hat, in der niemand sein will.

„Es war ein schwieriges Spiel. Wir haben nicht so viele Lösungen gehabt, nicht so viele Räume“, resümierte Hertha-Torschütze Dodi Lukebakio. Torhüter Oliver Christensen fand: „Wir müssen besser werden, mehr Intensität bringen. Intensität ist der Hauptschlüssel.“

Intensität ist ein Faktor, der Hertha BSC im Spiel gegen die aggressiven, laufstarken, selbstbewussten Unioner fehlte. Sportchef Bobic vermisste am Sonntag auch: Identifikation. „Persönlichkeit als Leistungsfaktor. Sich mit dem Verein zu identifizieren“, sagte Bobic, „die Identifikation mit dem Nebenmann.“ Nach der Abgabe von 15 Spielern und der Verpflichtung einer Handvoll neuer scheinen die aktuellen Probleme der Hertha den alten ähnlich zu sein. Und wie es aussieht, fehlen noch immer die Führungsspieler, die auf dem Feld alle dorthin bringen, wo Schwarz sie in seinem System haben will.

Dedryck Boyata scheint jetzt ein Verkaufskandidat zu sein

Der Trainer hatte Boyata bereits im Trainingslager als Kapitän offiziell abgesetzt. Statt des Belgiers ernannte er Plattenhardt zum Spielführer – mit Kevin-Prince Boateng als Vize. Bobic sagte am Sonntag: „Die Frage ist, wie viel Energie kriegen wir insgesamt? Wie schnell wachsen die Jungs in ihre Rollen rein.“ Ergebnisse können, wenn sie gut sind, als Beschleuniger wirken – wenn sie schlecht sind, schlimmstenfalls als Verhinderer eines neuen Systems.

Boyata jedenfalls scheint Hertha nicht mehr als geeignetes Schaufenster zu empfinden, um sich für einen WM-Platz im Team der belgischen Nationalmannschaft zu empfehlen. So lässt sich zumindest die Erklärung Bobics deuten, der sagte, bei Boyata habe man aufgrund seines Trainingsengagements nicht das Gefühl, „dass er uns aktuell weiterbringt. Deshalb war er gestern nicht im Kader, genauso wie Krzysztof Piatek.“ Die finanzielle Lage des Klubs zwingt den Sportchef ohnehin noch zu weiteren Spielerverkäufen.

Während also noch nicht klar ist, wer Ende August zu der Hertha-Truppe gehört, auf die sich Schwarz und Bobic verlassen wollen, geht das Tagesgeschäft für alle weiter – am Sonnabend daheim gegen Eintracht Frankfurt. Schwarz sagt: „Bevor wir über Strukturelles reden, geht es darum, eine Ausstrahlung und Intensität auf den Platz zu bekommen: griffig, eklig und füreinander da zu sein.“ Auf die Frage, wie lange es dauern wird, bis sich die Mannschaft gefunden hat, antwortete Angreifer Lukebakio: „Das weiß ich nicht. Das weiß niemand.“ Für alle, die es mit der Hertha halten, sollte es schneller gehen als vorige Saison.