Der 1. FC Union Berlin ist mit einem klaren, auf eindrucksvolle Weise herausgespielten Sieg in die Saison 2022/23 gestartet, Hertha BSC hingegen mit einer ernüchternden Niederlage. Stopp! So nüchtern darf man das natürlich nicht vermelden! Denn am Samstagnachmittag war Stadtderby in Berlin. Und was für eins!
Köpenick gegen Charlottenburg. Ost gegen West. Vorzeigeklub gegen einen Klub, der immer wieder im selbstverschuldeten Chaos versinkt. Ausverkauftes Stadion An der Alten Försterei: 22.012 Zuschauer.
Die Polizei im Ausnahmezustand. Eine Stadt im Ausnahmezustand, na ja, das vielleicht nicht ganz. Aber dieses Duell ist schon was Besonderes. Ja, dieses Stadtderby zählt aufgrund der Gegensätzlichkeit, aufgrund des historischen Hintergrunds fraglos zu den aufregendsten Stadtderbys in Europa.
Die Eisernen wirken lebendiger
Und wir haben es schon angedeutet: Die Roten wurden in der Auseinandersetzung mit den Blau-Weißen ihrer Favoritenrolle gerecht. Sie siegten hochverdient 3:1, weil sie lebendiger wirkten, einen größeren Siegeswillen auf den Platz brachten. Wiederholt gewannen sie gern auch mal im Duett wichtige Zweikämpfe, wiederholt kamen sie zu Torchancen, weil sie einfach mehr Qualität in der Offensive haben als die Herthaner.
Siehe Jordan Siebatcheu, der in seinem ersten Bundesliga-Spiel gleich mal sein erstes Tor erzielte. Siehe Sheraldo Becker, der bei Siebatcheus Glücksmoment als Vorlagengeber in Erscheinung trat (32.) und in der 50. Minute über einen eigenen Treffer jubeln durfte. Der Niederländer ist ein Spektakel! Siehe aber auch Yanik Haberer, der an diesem Nachmittag andeutete, welch feiner Fußballer er ist. Es macht jedenfalls jede Menge Spaß, ihm beim Tempodribbling, beim Passen zuzusehen. Es sieht jedenfalls danach aus, als hätten Kaderplaner Oliver Ruhnert und Coach Urs Fischer in der Sommerpause mal wieder ganze Arbeit geleistet.

Fischer hatte sich bei der Wahl der Startelf doch ein wenig überraschend für Diogo Leite und gegen Dominique Heintz entschieden, Heintz war noch nicht mal im Kader, nachdem er beim Pokalsieg in Chemnitz noch eine durchweg solide Leistung eingebracht hatte. Und doch war vom ersten Moment an zu erkennen, was Leite dem ehemaligen Freiburger voraus hat: Der Portugiese ist nicht nur ein kompromissloser Zweikämpfer, sondern auch ein hervorragender Aufbauspieler.
Leite demonstriert seine Klasse
Leite grätschte nach 30 Sekunden erstmals gekonnt dazwischen, forderte im Anschluss immer wieder den Ball, um mit ruhigem Füßchen Pässe mit Tempo zu spielen. Gern mal auf Julian Ryerson, der auf der linken Seite den Vorzug vor Niko Gießelmann erhalten hatte oder eben auch Haberer.
Letztgenannter, im Sommer vom SC Freiburg verpflichtet, hatte bereits in der zweiten Minute seine erste gute Szene. Schlau und bestens getimt war sein Rückspiel auf den aufgerückten Rani Khedira, der mit seinem Direktschuss aus 13 Metern aber nicht ins Tor, sondern ein Bein des Gegners traf. 90 Sekunden später war es Christopher Trimmel, der mit seinem scharfen Querpass Herthas Abwehr forderte, letztlich kam Jonjoe Kenny vor dem einschussbereiten Ryerson an den Ball, klärte im Fallen.

Die Blau-Weißen, bei denen Filip Uremovic in der Viererkette für Dedryck Boyata ran durfte, waren beeindruckt, hatten alle Mühe, um weitere Großchancen der Gastgeber zu verhindern. Ja, eine Zeit lang konnten sie die Partie sogar ausgeglichen gestalten, bis Union ab der 25. Minute eine zweite Welle ins Rollen brachte.
Ryerson beeindruckt mit seiner Schärfe
Der mit einer beeindruckenden Schärfe zu Werke gehende Ryerson zwang in der 27. Minute Hertha-Keeper Oliver Christensen zu einer Flugnummer samt einhändiger Parade, wenig später scheiterte Genki Haraguchi mit seinem Schuss an Marvin Plattenhardts Körper. Schließlich erkannte Haberer nur 60 Sekunden später den Laufweg von Sheraldo Becker. Und dann ging alles ganz schnell. Zu schnell für Kenny, der Becker nicht am Flanken hindern konnte, zu schnell für Marc-Oliver Kempf, der Siebatcheu am ersten Pfosten nicht am Kopfball hindern konnte, zu schnell auch für Christensen, der beim 1:0 für Union keine gute Figur machte.

32 Minuten waren da gespielt. Und die Hertha konnte von Glück sprechen, dass sie bis zur Halbzeitpause nicht noch einen weiteren Gegentreffer hinnehmen musste. Beispielsweise durch Ryerson, der in der 38. Minute nach Zuspiel von Siebatcheu frei vor Christensen auftauchte, mit einem Linksschuss abschloss, Christensen allerdings noch die Sohle seines linken Schuhs an den Ball brachte und diesen auf diese Weise um den Pfosten lenken konnte.
Was auch immer Hertha-Coach Sandro Schwarz seiner Mannschaft in der Kabine mit auf den Weg in die zweite Hälfte gegeben haben mag – es zeigte keinerlei Wirkung. Im Gegenteil: In Anbetracht der eisernen Entschlossenheit wirkten seine Profis noch hilfloser, hatten nichts entgegenzusetzen, wenn Becker, Haberer und Siebatcheu kreiselten oder Ryerson und Trimmel über die Flügel marschierten.
Vorentscheidung in der 50. Minute
Und im Endeffekt war das Spiel schon nach 50 Minuten entschieden. In der 50. Spielminute nämlich schickte Haberer mit einem Außenristpass Becker in den Strafraum des Gegners. Becker kam im rechten Moment an den Ball, spitzelte diesen an Christensen vorbei ins Netz. Kempf kam mit seinem Rettungsversuch zu spät.
Und wer zu diesem Zeitpunkt tatsächlich aufseiten der Hertha noch Hoffnung auf eine Wende hatte, musste die fünf Minuten später fahren lassen. Machen wir es kurz: Ecke Trimmel, Kopfball Knoche, wobei der Verteidiger erst noch auf den Videobeweis warten musste, um schließlich doch noch über seinen Treffer zum 3:0 jubeln zu dürfen. Auch hier erweckte Christensen mit seiner Bewegung den Eindruck, dass der Ball nicht ganz unhaltbar gewesen war.

