Wer einmal eintauchen wollte in längst vergangene Zeiten, als Hertha BSC ein etablierter Bundesligist war und im oberen Drittel der Tabelle mitmischte, war vor einigen Tagen bei Mampe-Spirituosen in Kreuzberg bestens aufgehoben. Die Traditionsmarke aus Berlin, die in der Saison 1978/79 als Hauptsponsor auf der Brust der Hertha-Profis prangte – auch auf der von Mittelstürmer Karl-Heinz Granitza –, war cooler Schauplatz einer Buchpräsentation.
Karl-Heinz Granitza – die Geschichte eines Torjägers
„King Bomber Karl“ ist die Geschichte des Torjägers, der für Hertha und danach für Chicago Sting in den USA Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre Tore wie am Fließband schoss. Nach aufwendigen Recherchen hat Stefan Hermanns, ein Journalistenkollege vom Tagesspiegel, die spektakuläre Laufbahn von Granitza auf 350 Seiten spannend und wunderbar aufgeschrieben.
Granitza, der für Hertha in 73 Bundesligaspielen 34 Tore schoss, erlangte einst in der North American Soccer League (NASL) ungeheure Popularität, wurde in Chicago in einem Atemzug mit Boxer Muhammad Ali und Basketball-Star Michael Jordan genannt. Vor rund 90 Zuhörern im charmanten Backstein-Bau, darunter ehemalige Teamkameraden wie Wolfgang Sidka und Michael Sziedat und zahlreiche Hertha-Anhänger, unterhielt Granitza mit spannenden Episoden das nostalgisch gestimmte Auditorium. Er erzählte etwa, wie ihn der nordirische Weltklassespieler, das Enfant terrible George Best, unter den Tisch trank oder wie er mit dem Schauspieler Peter Falk, weltberühmt als listiger Inspektor „Columbo“, eine Wette einging.
Das Publikum konnte und wollte liebend gern in Erinnerungen schwelgen, auch im Kontrast zur eher tristen Gegenwart bei Hertha BSC. In vielen Gesprächen kam dabei immer wieder die Frage auf, wie es weitergehen soll bei Hertha und mit Trainer Stefan Leitl. Muss es im Sommer einen Wechsel geben? Oder ist Hertha sowieso untrainierbar?
All das ist schwer zu beantworten. Vor Beginn der Saison 2025/26, als Hertha das Ziel Aufstieg ausgab, beschrieb ich Trainer Leitl als „bodenständig, eher unspektakulär, eloquent, lösungsorientiert und integer“. Eben als einen starken Trainer, der mit Hertha den Aufstieg schaffen sollte.
Zu dieser Einschätzung stehe ich auch heute noch, aber Leitl wird das große Ziel nicht mehr erreichen können. Lange Zeit tat er Hertha gut – mit seiner Klarheit, seiner Unaufgeregtheit. Er rettete das Team vor dem Absturz in Liga drei, aber auch er war später nicht in der Lage, den Profis die Wankelmütigkeit, die mentale Schwäche auszutreiben. „Die nicht vorhandene Kontinuität und das Versagen in entscheidenden Duellen gehören wohl zur DNA von Hertha“, sagte mir der ehemalige Bundesliga-Profi und Trainer Wolfgang Sidka bei Mampe.
Seit dem Aufstieg in die Bundesliga 1996/97 hat Hertha 24 Cheftrainer beschäftigt, manche mehrere Jahre, andere für lediglich einige Spiele. Längere kontinuierliche Erfolgsphasen gab es nur unter Jürgen Röber, Falko Götz, Lucien Favre, Markus Babbel, Jos Luhukay und Pal Dardai.
Stefan Leitl muss um seinen Job bei Hertha BSC bangen
Völlig untrainierbar ist Hertha also nicht. Stefan Leitl aber wird um seinen Job kämpfen müssen und damit leben, dass nun Namen möglicher Nachfolger auftauchen. Die unglaubliche Pleite bei der 2:5-Niederlage in Paderborn hat tiefe Spuren hinterlassen. Helmut Friberg, treuer Fan seit den 1970er-Jahren, erlebte ausgerechnet bei seinem 800. Auswärtsspiel (!) mit den Blau-Weißen das Desaster beim SCP. Er sieht seinen Verein nur noch als „mittelmäßigen Zweitligisten mit ab und an Ausschlägen nach oben“. Er bringt etwa Horst Steffen und Sandro Wagner („Da werde ich jetzt Kritik bekommen“) als Trainer ins Spiel.


