Kolumne

Rani Khedira und der 1. FC Union Berlin – Emanzipation auf Raten

Für den 1. FC Union Berlin ist der Vizekapitän schon immer wichtig gewesen. Mit seinen Toren in dieser Saison ist er nahezu unverzichtbar geworden.

Leistungsträger war er schon immer, jetzt auch noch bester Torschütze seines Teams: Rani Khedira ist in dieser Saison so wertvoll für den 1. FC Union Berlin wie noch nie.
Leistungsträger war er schon immer, jetzt auch noch bester Torschütze seines Teams: Rani Khedira ist in dieser Saison so wertvoll für den 1. FC Union Berlin wie noch nie.Mathias Renner/City-Press

Wahrscheinlich ist es für die Partnerin eines Fußballprofis die unangenehmste Art der Charakterisierung, sie Spielerfrau zu nennen. Nett gemeint ist so etwas nie. Je nach Gusto kann man in derlei Worte Boshaftigkeit deuten. Gegebenenfalls auch Neid.

Im Schatten von Mario Götze, Toni Kroos oder Bastian Schweinsteiger

Ähnlich ist es bei Spielern, wenn sie als Bruder von Weltmeister Soundso bezeichnet werden. Irgendwie klingt das nach zweiter Wahl. Das war selbst bei Dieter Hoeneß einst so, weil der Jüngere dieser Familie, Uli, 1974 Weltmeister geworden war, Dieter zwölf Jahre später aber „nur“ Vize. Danach traf das auf Tobias Schweinsteiger, Felix Götze und Felix Kroos zu, die Brüder der 2014er-Weltmeister Bastian, Mario und Toni. Ein nicht gerade schmeichelhaftes Etikett.

Allein Erwin Kremers kam 1974 aus diesem Schatten heraus. Das wohl aus mehreren teils kuriosen Gründen. Erstens waren er und sein Bruder Helmut die ersten Zwillinge in der Bundesliga. Zweitens hatte Erwin zwei Jahre vor dem WM-Triumph in jenem Team gestanden, das 1972 Europameister geworden war. Drittens wurde Helmut damals ohne Einsatz Weltmeister, was seinen Triumph ein wenig schmälert.

Zudem hatte Erwin viele Sympathisanten, als er kurz vor Turnierbeginn aus dem Kader flog. Denn der Grund dafür war spektakulär. Im letzten Ligaspiel war er fünf Minuten vor dem Ende auf schier einmalige Weise vom Platz geflogen. Nach einem Foul an ihm wollte er einen Freistoß, den Schiedsrichter Max Klausner aber nicht gab. Als Klausner das auf ihn gemünzte „blöde Sau“ gleich zweimal überhörte, holte Erwin zum ultimativen Schlag aus: „Noch einmal für Doofe: Sie sind eine blöde Sau!“ Ein drittes Mal konnte Klausner nicht auf Durchzug schalten.

Vor einigen Jahren brachte mancher auch Rani Khedira damit in Verbindung, nicht viel mehr als nur Weltmeister-Bruder zu sein. Zumal Sami fünf Jahre bei Real Madrid, sechs bei Juventus Turin spielte und in drei Ländern (mit dem VfB Stuttgart, danach in Spanien und Italien) Meister wurde, die Champions League und die Klub-Weltmeisterschaft gewann, während Rani in Leipzig, Augsburg und nun im fünften Spieljahr beim 1. FC Union Berlin um Anerkennung kämpft, aber als langjähriger Vizekapitän längst eigene Spuren hinterlässt.

Vielleicht ist Rani auch nur so gut geworden, weil er sich schnell abzunabeln vermochte. Schon in seiner Stuttgarter Zeit legte er viel Wert darauf, nicht als Anhängsel betrachtet zu werden. Süffisant meinte er dazu nur: „Meine Eltern haben mir den Namen Rani gegeben und nicht Bruder von Sami.“ Schon damals trennte er für einen 20-Jährigen unheimlich scharf: „Ich habe nie Druck wahrgenommen, so gut zu werden wie mein Bruder. Schon immer wollte ich mein persönliches Maximum erreichen. Darauf werde ich irgendwann zurückschauen und mich daran messen.“

1. FC Union Berlin ist über Rani Khedira glücklich

In Köpenick sind sie glücklich, einen wie ihn zu haben. Wegen seiner Tore, die nie so wichtig waren wie in dieser Spielzeit mit den goldenen Treffern bei den Siegen zuletzt gegen Bayer 04 Leverkusen und im November beim FC St. Pauli. Ebenso wegen seiner Art, den Stil der Rot-Weißen zu prägen und das Eisern-Gefühl zu leben. Kaum jemand hat sich von einem Weltmeister-Bruder derart emanzipiert wie er. Nicht jeder bringt so viel mentale Stärke mit.

Es kann zudem gut sein, dass Rani mit seinem Bruder in einem wichtigen Punkt gleichzieht. Weil er für das A-Nationalteam des DFB kein Pflichtspiel bestritten hat, könnte er zu Beginn des dritten Drittels seiner Karriere – Mutter Doris ist Deutsche, Vater Lazhar Tunesier – für die Nordafrikaner auflaufen. Sollte das klappen, könnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er wäre Nationalspieler und womöglich WM-Teilnehmer, denn die Adler von Karthago haben sich für das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko qualifiziert.

Das wäre für einen, der anfangs als Bruder von Sami galt, ein völlig neuer Weg. Einer auf der Überholspur.