Fünf Minuten vor Schluss ging es einfach nicht mehr weiter. Weit in der gegnerischen Hälfte setzte sich András Schäfer auf den Hosenboden, nicht mehr in der Lage, noch einen weiteren Sprint in der Rückwärtsbewegung anzusetzen. Unermüdlich hatte der Ungar Kilometer um Kilometer im Spiel gegen Bayer Leverkusen abgespult, so dazu beigetragen, dass der 1. FC Union Berlin beim 1:0 seine sieben Spiele andauernde Sieglosserie beenden konnte. „Ich war schon tot“, wählte Schäfer martialische Worte, um seinen körperlichen Zustand in der Schlussphase zu beschreiben.
Die Schlagzeilen gehörten nach dem vierten Heimsieg der laufenden Saison indes anderen Akteuren. In erster Linie natürlich Rani Khedira, der nicht nur den Siegtreffer erzielt hatte, sondern sich damit auch an die Spitze der teaminternen Torjägerliste setzte, obendrein nach Bundesliga-Toren mit seinem älteren Bruder Sami gleichzog. Ein wenig auch Torhüter Frederik Rönnow, der erstmals nach sieben Heimspielen mit immer mindestens einem Gegentor eine weiße Weste im Stadion An der Alten Försterei für sich verbuchen konnte.
Schäfer stand weitaus weniger im Rampenlicht. Wie eigentlich immer. In der laufenden Saison pendelt er zwischen Ersatzbank und Startelf, sein Einsatz gegen Leverkusen war am 23. Spieltag erst der neunte von Beginn an. Steffen Baumgart setzt in seinem Spielsystem bevorzugt auf zwei zentrale Mittelfeldspieler, passt diese Herangehensweise je nach Gegner situativ an. Auf den beiden Positionen kommt der Trainer gerade aber nicht an Khedira und Eigengewächs Aljoscha Kemlein vorbei.
Der Routinier hat sich in dieser Saison nicht nur wegen seiner ungeahnten Torjägerqualitäten in den Fokus gespielt. Khedira räumt vor der defensiven Dreierreihe auf und führt die Mannschaft – ganz besonders dann, wenn Kapitän Christopher Trimmel nur auf der Bank sitzt. Kemlein spielt bis auf ganz wenige Ausnahmen ebenfalls eine konstante Saison und hält Khedira bei dessen nun vermehrt vorkommenden tiefen Laufwegen den Rücken frei. „Die beiden machen es zusammen gerade sehr gut und sind für uns im Mittelfeld eine stabile Achse“, hatte Baumgart schon vor einiger Zeit gesagt.
Baumgart lobt Schäfer, setzt aber nicht immer auf ihn
Das führt im Umkehrschluss oft dazu, dass für Schäfer kein Platz im Team ist. „András ist der Spieler, dem ich – höflich gesagt – trotz guter Leistungen am meisten in den Hintern trete, indem ich ihn auf die Bank setze. Immer, wenn er auf dem Platz steht, bringt er für uns Energie rein. Die größte Entwicklung, die ich bei ihm sehe, ist die, dass er für uns immer an sein Limit geht. Egal, ob er von Anfang an spielt oder auf der Bank sitzt. Egal, ob er sauer über die Entscheidung ist“, lobte Baumgart den 26-Jährigen, der inzwischen zu den dienstältesten Unionern zählt.
Im Winter-Transferfenster der Saison 2021/22 stieß er zum Team, absolvierte in über vier Jahren auch verletzungsbedingt aber nur 102 Pflichtspiele für Union, etwas mehr als die Hälfte von Beginn an. Die Champions-League-Gruppenphase, die für viele Profis in der vorletzten Saison Höhepunkt ihrer Karriere war, verpasste er wegen einer schweren Fußverletzung sogar komplett.
Am Sonnabend (15.30 Uhr) im Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach könnte er seinen Platz an der Seite von Kemlein und Khedira womöglich behalten. Weil Andrej Ilic gegen Leverkusen seine fünfte Gelbe Karte sah, wird Baumgart überhaupt schon die Schwierigkeit haben, zwei Stürmer zu finden, die sich für die Anfangsformation anbieten. Am vergangenen Wochenende begann Woo-Yeong Jeong als zweiter Angreifer, blieb in Offensivaktionen aber fast gänzlich blass. Blieben noch Ilyas Ansah, der einfach nicht mehr zu seiner Form aus den ersten Saisonwochen vergangenen Sommer findet, Oliver Burke, Livan Burcu und Tim Skarke. Dann vielleicht doch besser mit Schäfer.




