Fußball

Stecker gezogen, Vertrauen verspielt: Der VAR steckt in seiner größten Krise

Stecker gezogen, Fehlentscheidungen, wachsender Frust: Der VAR sollte für Fairness sorgen – doch aktuell bringt er den Fußball immer öfter gegen sich auf.

Auf dem Weg zum Spielfeldrand war für Schiedsrichter Felix Bickel der VAR-Monitor noch eingeschaltet – im Hintergrund aber sieht man den vermummten Fan, der im Spiel zwischen Preußen Münster und Hertha BSC den Netzstecker zog.
Auf dem Weg zum Spielfeldrand war für Schiedsrichter Felix Bickel der VAR-Monitor noch eingeschaltet – im Hintergrund aber sieht man den vermummten Fan, der im Spiel zwischen Preußen Münster und Hertha BSC den Netzstecker zog.RHR-FOTO/Imago

In so ziemlich keinem Fußballrückblick der 90er-Jahre fehlen diese Szenen. Allen voran die Mutter aller Schwalben von Andreas Möller. Seine berühmte „Schutzschwalbe“ vom 13. April 1995 im Spiel von Borussia Dortmund gegen den Karlsruher SC brachte dem Nationalspieler zwar später eine Sperre und eine Geldstrafe ein. In der Partie selbst aber sorgte die filmreife Flugshow dafür, dass der BVB einen Elfmeter bekam, nach einem 0:1 noch 2:1 gewann – und wenig später Deutscher Meister wurde.

Oder das Handspiel von Oliver Held am 29. April 1998 im Spiel des 1. FC Köln gegen den FC Schalke 04. Selbst auf Nachfrage des Schiedsrichters wollte der damalige Schalker nicht zugeben, dass er im Stil eines Beachvolleyballers den Ball mit der Hand über die Linie gelenkt und ein Kölner Tor verhindert hatte. Statt eines Elfmeters in der Schlussphase und der Chance auf einen wichtigen Sieg im Abstiegskampf kassierte Köln noch das 0:1 – und stieg am Saisonende ab. Kölns Toni Polster wünschte Held danach „sein ganzes Leben lang kein Glück mehr“.

Thomas Helmer stochert offensichtlich am Tor vorbei

Und natürlich das „Phantomtor“ von Thomas Helmer. Sein Stocherer im Spiel des 1. FC Nürnberg gegen den FC Bayern München am 23. April 1994 landete in allen Wiederholungen neben dem Tor – wurde vom Schiedsrichter aber als Treffer für die Bayern gewertet. Erst nach der 1:2-Niederlage annullierte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nach einem Nürnberger Einspruch das Ergebnis und setzte ein Wiederholungsspiel an. Das verloren die Franken 0:5 – und stiegen am Ende wegen des schlechteren Torverhältnisses in die 2. Bundesliga ab.

Der Aufschrei im Fußball-Deutschland war damals groß. Die TV-Bilder zeigten die Fehlentscheidungen immer wieder aus allen Perspektiven. Mit jeder zusätzlichen Kamera im Stadion wurde klarer: Fehler lassen sich sichtbar machen. Der Ruf nach einem Videobeweis wurde lauter.

Doch erst ab der Saison 2017/18 wurde die Technik in der Bundesliga eingeführt – die Geburt des VAR im berühmten Kölner Keller. Zwei Jahre später folgte die 2. Bundesliga. Und dort wurde dem VAR am Sonntag im Spiel zwischen Preußen Münster und Hertha BSC der Stecker gezogen.

Und das nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich. Ein Fan der Gastgeber war vermummt in den Innenraum gesprungen und hatte den Netzstecker des VAR-Bildschirms gezogen. Der Bildschirm blieb für Schiedsrichter Felix Bickel daraufhin schwarz – die Preußen-Fans feierten sich für diese geplante Aktion. Es ist das bisher deutlichste Zeichen der über die Jahre gewachsenen Ablehnung gegenüber dem einst so herbeigesehnten Mittel der Fehlervermeidung.

Tatsächlich aber scheinen die Fehler an vielen Spieltagen nicht weniger zu werden. Anders als bei klaren Entscheidungen – etwa ob der Ball hinter der Torlinie war – sorgen heute kalibrierte Linien und daraus resultierende Millimeter-Abseits-Entscheidungen für Diskussionen.

Noch größer ist der Frust bei Trainern, Spielern, Verantwortlichen und Fans, wenn etwa wie am Sonnabend im Spitzenspiel des 1. FC Köln gegen Borussia Dortmund der VAR zweimal korrigierend eingreift und Schiedsrichter Daniel Siebert zur Überprüfung seiner Entscheidung an den (in dem Fall funktionierenden) Monitor schickt und der sich im Anschluss selbst korrigiert. Das sorgte zwar im Moment der Korrektur für Ärger, aber später für Verständnis.

Unverständlich reagierten aber alle Seiten kurz vor Ende der Partie, als das Eingreifen des VAR ausblieb. Dabei sprachen nicht nur die Dortmunder Verantwortlichen direkt nach Abpfiff beim Blick auf die Bilder des Handspiels ihres Abwehrspielers Yan Couto im eigenen Strafraum von einer Fehlentscheidung, sondern auch der DFB musste einen Tag später einen Fehler eingestehen. Den Kölnern brachte das wenig, ihnen wurde durch den ausbleibenden Elfmeterpfiff die Möglichkeit zum späten 2:2-Ausgleich verwehrt.

Und auch beim 1. FC Union Berlin stellte man sich nach dem Schlusspfiff gegen den SV Werder Bremen die Frage, warum Schiedsrichter Timo Gerach in der 19. Minute Andras Schäfer vom Platz stellte, der VAR aber nicht eingriff, obwohl man bei Betrachtung der Wiederholung zumindest über die Rote Karte diskutieren musste. Vielleicht hätte Gerach nach Betrachtung der Bilder am Spielfeldrand anders entschieden, aber er wurde gar nicht erst dorthin geschickt. So blieb der Platzverweis beim Stand von 1:0 für die Eisernen bestehen und nahm eine entscheidende Wirkung auf den weiteren Spielverlauf.

Es sind genau diese Szenen, bei denen die Macht des Videobeweises vor seiner Einführung überschätzt wurde. Denn: Egal, aus welcher Kameraperspektive man sich manches Foul- oder Handspiel auch anschaut, werden subjektive Entscheidungen noch immer in die eine oder andere Richtung diskutiert. Was für den einen Schiedsrichter selbst nach Sichtung der Videobilder ein klarer Elfmeter oder eine Rote Karte ist, ahndet ein Kollege möglicherweise ganz anders.

Allein bei der Handspielregel im Strafraum gibt es noch immer zu viele Fälle, wo der VAR eingreift oder nicht, der Schiedsrichter aber oft minutenlang im Mittelkreis steht, den Diskussionen seiner Kollegen im Kölner Keller lauscht und auf dem Platz die immer weiter diskutierenden Spieler um Geduld bittet. Unterdessen bilden sich deren Trainer am Spielfeldrand schon längst parallel beim Anblick der unzähligen Wiederholungen eine eigene Meinung und bringen von außen Emotionen in das Geschehen, die keinem helfen.

Für alle sichtbar, nur für das Schiedsrichtergespann auf dem Platz nicht: das Phantomtor von Thomas Helmer im Spiel des FC Bayern München beim 1. FC Nürnberg im Jahr 1994.
Für alle sichtbar, nur für das Schiedsrichtergespann auf dem Platz nicht: das Phantomtor von Thomas Helmer im Spiel des FC Bayern München beim 1. FC Nürnberg im Jahr 1994.Sven Simon/Imago

Manchmal sehnt man sich fast zurück nach der plumpen Schwalbe von Möller, dem offensichtlichen Handspiel von Held oder dem Phantomtor von Helmer. Fehlentscheidungen gab es auch damals – aber sie waren wenigstens eindeutig. Heute dagegen wird der Fußball immer komplizierter. War es ein Foul? War zuvor alles regelkonform? Stand vielleicht jemand im Abseits, was die Szene ohnehin hinfällig macht?

Das eigentliche Problem ist dabei nicht der VAR selbst – sondern der Umgang mit ihm. Die Protagonisten im Kölner Keller brauchen oft zu lange für ihre Entscheidungen und nehmen dem Schiedsrichter auf dem Platz damit eher Autorität, als dass sie ihm helfen.

In seiner aktuellen Form ist der VAR deshalb oft mehr Last als Hilfe. Die Kritik wächst von Woche zu Woche, der Druck auf die Schiedsrichter steigt – und ihre Entscheidungen wirken dadurch nicht sicherer.

Noch mehr Befugnisse für den VAR

Trotzdem bekommt der Videoassistent ab der kommenden Saison sogar noch mehr Befugnisse. Künftig darf er auch bei klar falschen zweiten Gelben Karten eingreifen, ebenso bei eindeutigen Fehlentscheidungen bei Eckstößen. Außerdem erhält er erweiterte Möglichkeiten bei Spielerverwechslungen. Das macht die Arbeit der Schiedsrichter kaum einfacher – im Gegenteil. Das System wird noch komplexer.

Dabei sind es doch andere Themen, über die man nachdenken sollte, um die Unparteiischen zu stärken und die Entscheidungsfindung etwas zu beschleunigen. Die Möglichkeit einer Coach-Challenge wird beispielsweise seit Jahren ins Spiel gebracht und findet in anderen Sportarten eine erfolgreiche Anwendung.

Und warum schickt man die Schiedsrichter auf dem Platz generell nicht direkt an den Monitor am Spielfeldrand, wenn im Kölner Keller über mehrere Minuten verschiedene Perspektiven einer Szene analysiert werden und dieser Schritt danach in die Wege geleitet wird? Eine solche Änderung würde ihre Autorität stärken und sie stärker in die Entscheidung einbinden.

In einem Interview mit der Berliner Zeitung hat Daniel Siebert vor knapp zwei Jahren gesagt, dass der VAR „den Fußball fairer gemacht hat“. Ob er diesen Satz nach dem Spiel in Köln so wiederholt hätte, darf bezweifelt werden. Es sollte aber das Ziel des DFB und im Sinne des Fußballs sein, dass der Inhalt dieses Satzes möglichst bald auch größtenteils als Wahrheit empfunden wird.