Bundesliga

1. FC Union Berlin: Ein Hoch auf die mittlerweile historische Vorliebe für knappe Siege

Vier seiner acht bisherigen Saisonsiege schaffte der 1. FC Union Berlin mit einem 1:0. Allein gegen den FC St. Pauli gelang das in der Bundesliga schon zweimal.

Ein Moment für die eiserne Ewigkeit: Sebastian Polter erzielte im November 2019 im ersten Hauptstadt-Derby gegen Hertha BSC das goldene Tor zum 1:0 für den 1. FC Union Berlin.
Ein Moment für die eiserne Ewigkeit: Sebastian Polter erzielte im November 2019 im ersten Hauptstadt-Derby gegen Hertha BSC das goldene Tor zum 1:0 für den 1. FC Union Berlin.Jan-Philipp Burmann/City-Press

Langjährige Statistiken ergeben, dass ein 2:1 das häufigste Ergebnis im Fußball ist. Außer Acht gelassen wird dabei, ob das Heim- oder das Auswärtsteam die Partie gewinnt. 36 Spiele endeten in dieser Saison bereits so und bestätigen die Erfahrungen. Der 1. FC Union Berlin ist gegen den VfB Stuttgart mit einem solchen Resultat in die Saison gestartet, hat aber ansonsten nur insofern etwas zu der Manifestierung beigetragen, indem das Stadion An der Alten Försterei in diesem Spieljahr außerdem ein 1:2 gesehen hat, das verrückte Fünf-Minuten-Dilemma gegen Schlusslicht und Fast-schon-Absteiger Heidenheim.

Für einen Sieg braucht es nicht viele Tore

Ansonsten aber könnte ein anderes Ergebnis – ungeachtet der Tore-Hausse am zurückliegenden Spieltag mit 40 Treffern oder der Tore-Armut in der Runde davor mit nur 15 – dem bisher häufigsten Resultat glatt den Rang ablaufen. Es ist das, wenn nur ein Tor fällt und dem Sieger nicht widersprochen werden kann, der, wenn es tatsächlich knapp war oder ganz und gar nicht souverän, trotzdem behaupten darf: 1:0 ist auch gewonnen. So vielleicht wie der 1. FC Union Berlin mit dem Treffer durch Woo-yeong Jeong vor drei Wochen in Freiburg.

Es ist ein Hoch auf das goldene Tor, das es in dieser Saison immerhin schon 32-mal gab.

Wer danach sucht, wird auf Anhieb fündig. Gewann das DFB-Team das WM-Finale 1954 mit 3:2 und 1974 mit 2:1, so wurden der dritte und der vierte Stern mit jeweils 1:0 errungen. Erst Andreas Brehme 1990 mit seinem Elfmeter gegen Argentinien, dann Mario Götze mit seinem Schrägschuss 2014, gleichfalls gegen die Gauchos, sind diejenigen, die erfolgreich waren. Um bei der WM zu bleiben: Wie noch ging das einzige deutsch-deutsche Duell aus? Für den DDR-Fußball ist dieses 1:0 damals von Hamburg in Stein gemeißelt.

Es gab zudem Phasen im europäischen Klubfußball, in denen ein 1:0, wie früh auch erzielt, bereits den Endstand bedeutete. Als die Champions League noch Europapokal der Landesmeister hieß und tatsächlich nur die Champions sowie der Titelverteidiger startberechtigt waren, endeten von 1978 bis 1985 von acht Endspielen sieben (!!!) mit einem 1:0.

Darunter waren die Niederlage des Hamburger SV 1980 gegen Nottingham Forest, die von Bayern München 1982 gegen Aston Villa und der Triumph des HSV 1983 gegen Juventus Turin mit dem Tor von Felix Magath gegen den legendären Dino Zoff, der ein Jahr zuvor die Squadra Azzurra als Schlussmann und Kapitän zum WM-Titel geführt hatte. Nur 1984 tanzte das 1:1 zwischen Liverpool und der AS Rom aus der Reihe, weil die Italiener die Liverpool-Führung entgegen aller seinerzeitigen Wahrscheinlichkeit ausglichen, um im Elfmeterschießen trotzdem den Kürzeren zu ziehen.

Von 2020 bis 2023 folgte in Europas Königsklasse eine ähnliche Phase mit vier Finals in Folge, bei denen ein 1:0-Sieger den Henkelpott bekam: Bayern München gegen Paris St.-Germain, der FC Chelsea gegen Manchester City, Real Madrid gegen Liverpool und Manchester City gegen Inter Mailand.

Was Europa angeht, hat dort auch der 1. FC Union Berlin seine Erfahrungen gemacht. Vor allem, was ein 1:0 betrifft. Gute und weniger gute, so das 0:1 in der Champions League gleich zum Auftakt bei Real Madrid in der Nachspielzeit durch Jude Bellingham. Ein Jahr zuvor, damals in der Europa League, hat es, zumindest in der Gruppenphase, kein anderes Resultat gegeben als ein 1:0. Mit negativem Ende gegen Union St. Gilloise und bei Sporting Braga, dafür mit glücklichem Ausgang in den beiden Rückspielen gegen die Belgier und die Portugiesen sowie beide Male gegen Malmö. Sechs Spiele mit jeweils nur einem Tor – mehr 1:0 respektive 0:1 geht nicht.

Eigentlich hat die Ein-Tor-Geschichte der Köpenicker bereits kurz nach der Klubgründung vor 60 Jahren begonnen. Alle Welt weiß, welches der größte Erfolg vor dem Aufstieg in die Bundesliga und dem Erreichen der Champions League gewesen ist: der Sieg im FDGB-Pokal 1968. Wie aber kam es dazu? Vorwiegend mit einem 1:0! In Runde zwei – vorgelagert war lediglich eine Ausscheidungsrunde mit nur sechs Partien, in der die Eisernen nicht spielen mussten – gab es dank eines Treffers von Meinhard Uentz ein 1:0 bei Vorwärts Kamenz.

Im Wiederholungsspiel des Achtelfinales (die erste Partie war 1:1 ausgegangen) wurde Energie Cottbus, das im Mittelfeld mit einem gewissen Reinhard Lauck angetreten war, mit einem Tor von Rainer Müller 1:0 bezwungen. Im Viertelfinale, man hätte Wetten auf das Resultat annehmen können, sorgte Hartmut Felsch für ein 1:0 gegen Pokalverteidiger Sachsenring Zwickau. Erst im Halbfinale gegen den FC Vorwärts Berlin und im Endspiel gegen Carl Zeiss Jena waren zwei Treffer zum Sieg nötig, denn die Gegner hatten, der erste durch Jürgen Nöldner, der zweite durch Werner Krauß, vorgelegt. Deshalb brauchte es hier durch Harald Betke und Wolfgang Wruck und da durch Meinhard Uentz und Ralf Quest eben mehr als nur ein goldenes Tor.

Keine zehn Jahre später gab es für die Köpenicker die nächsten ganz wichtigen 1:0-Siege. Für Wolfgang „Potti“ Matthies und Joachim „Bulle“ Sigusch, Karsten „Kulla“ Heine und Rolf Weber, Rainer Rohde, Lutz „Meter“ Hendel und Lutz Möckel zum Beispiel bleiben die Spiele, eigentlich waren es ja Kämpfe auf Biegen oder Brechen, gegen den BFC Dynamo unvergessen. Sie sind Legende geworden. Erst recht können sich die Torschützen Ulrich Netz, auch wenn er später zum ewigen Rivalen wechselte, und Ulrich Werder, der in der Schlussphase von Schiedsrichter Adolf Prokop auch noch vom Platz gestellt wurde, an jeden Moment erinnern.

Es sind, die Eisernen waren nach drei qualvollen Jahren in der Zweitklassigkeit gerade wieder in die oberste Spielklasse aufgestiegen, derart besondere Vergleiche und vor allem für das Selbstverständnis überaus einzigartige Triumphe, dass sie im „Goldenen Buch der Vereinshistorie“ einen würdigen Platz gefunden haben.

Die wohl schönste knappe Niederlage musste der 1. FC Union Berlin im ersten Champions-League-Spiel der Vereinsgeschichte bei Real Madrid hinnehmen.
Die wohl schönste knappe Niederlage musste der 1. FC Union Berlin im ersten Champions-League-Spiel der Vereinsgeschichte bei Real Madrid hinnehmen.Ulrich Hufnagel/Imago

Was in der DDR-Oberliga geklappt hat, geht auch in der Bundesliga. Nicht auf Anhieb, doch dafür nicht einmal selten. Gleich in der ersten Saison dort stand das Stadion gerade bei den 1:0-Erfolgen kopf. Nicht nur diejenigen, die dabei waren, spüren wahrscheinlich noch heute ein eigenartiges Kribbeln und ein pures Glücksgefühl: Hertha BSC, erstes Stadtderby in der neuen Liga, Elfmeter, Sebastian Polter, Sieg; SC Paderborn, neben dem 1. FC Köln ein Mitaufsteiger, vorletztes Heimspiel, Eigentor der von Steffen Baumgart trainierten Gäste, vorzeitiger Klassenerhalt! Selten haben goldene Tore ihrem Namen mehr Ehre gemacht.

Was damals begann, setzt sich immer weiter fort und scheint in diesem Spieljahr einem Höhepunkt zuzustreben. Acht Siege haben die Rot-Weißen bisher eingefahren, weil aber dreimal Frederik Rönnow seinen Kasten sauber hielt und einmal Matheo Raab, reichte ihnen bei genau der Hälfte ein Tor zum Dreier: in Hamburg gegen St. Pauli durch Rani Khedira, in Köln durch Andras Schäfer, zu Hause gegen Leverkusen erneut durch Khedira sowie das bereits erwähnte in Freiburg.

Vor allem die knappen Siege gegen die unmittelbare Konkurrenz im Kampf gegen den Abstieg besitzen unschätzbaren Wert. So war es vor zwei Jahren, als der Klassenerhalt buchstäblich bis zur letzten Sekunde auf der Kippe stand. Im Januar/Februar 2024 gelangen innerhalb von drei Wochen gegen Darmstadt, Wolfsburg und bei der TSG Hoffenheim gleich drei derartige Siege. Damit wurde die Delle aus der Hinrunde, als zehn Tage nach dem 0:1 bei Real Madrid ein 0:1 in Heidenheim folgte, glücklicherweise ausgeglichen.

Andererseits: Welches Team schon kann von sich behaupten, in derart wenigen Tagen sowohl gegen das mit vom europäischen wie vom Weltverband 32 offiziell anerkannten Titeln weltbeste Team als auch gegen den damals frisch aufgestiegenen Bundesliga-Neuling von der Brenz, den damals nicht einmal in Deutschland alle auf dem Schirm hatten, so verloren zu haben?

Hinspiel bei St. Pauli ging mit 1:0 an den 1. FC Union Berlin

Nun also geht es am Sonntag, 15.30 Uhr, im Stadion An der Alten Försterei wieder gegen St. Pauli. Das Team, das auf dem Relegationsrang liegt und gegen das der 1. FC Union Berlin zwei seiner drei bisherigen Partien in der höchsten Spielklasse 1:0 gewonnen hat. Nach dem enttäuschenden 0:4 vor zwei Wochen in München hatte Christopher Trimmel gesagt, das Team sei „nicht mutig genug“ gewesen. Außerdem: „In anderen Spielen haben wir bewiesen, dass wir es können. Nur müssen wir es öfter beweisen, denn uns steht eine ganz wichtige Phase bevor.“

Es wäre schön, würde das gegen die Kiezkicker ein weiteres Mal gelingen. Vielleicht mal ohne Nervenflattern und Zittern bis zur letzten Sekunde. Zur Not würde aber wie schon mehrmals auch diesmal ein goldenes Tor reichen, um völlig entspannt in die Schlussphase der Saison zu gehen.