Kolumne

1. FC Union Berlin: Das Problem mit Tom Rothe und Ilyas Ansah

Jugend forscht seit einiger Zeit auch beim 1. FC Union Berlin, insbesondere unter Steffen Baumgart. Ganz reibungslos verläuft die Entwicklung aber nicht.

Tom Rothe (l.) und Ilyas Ansah (2.v.l.) sind in ihrer Entwicklung in dieser Saison ein wenig stecken geblieben.
Tom Rothe (l.) und Ilyas Ansah (2.v.l.) sind in ihrer Entwicklung in dieser Saison ein wenig stecken geblieben.O. Behrendt/imago

Lennart Karl hat etwas ein wenig ins Wackeln gebracht. Die Spitze der jüngsten deutschen Nationalspieler aller Zeiten nämlich. Als der Münchner am Freitag beim 4:3 in Basel gegen die Schweiz eingewechselt wurde, hatte er seinen 18. Geburtstag gerade 33 Tage hinter sich. Auf Rang sieben der Youngster hat er sich eingereiht. Sechs Tage nur hinter Jamal Musiala, aber 89 Tage vor Florian Wirtz. An Willy Baumgärtner und Marius Hiller, die diese Liste anführen, erinnert sich niemand mehr, denn sie haben vor mehr als hundert Jahren gespielt. An Uwe Seeler, den Drittplatzierten, aber schon. „Uns Uwe“, die Hamburger Legende, gab sein Debüt kurz nach dem Wunder von Bern mit 17 Jahren und 345 Tagen.

Junge Spieler sind immer wieder auch ein Thema beim 1. FC Union Berlin. Viele Jahre waren die Eisernen eines jener Teams in der Bundesliga, das mit einem der höchsten Altersdurchschnitte auflief. Unter Ex-Trainer Urs Fischer war das besonders ausgeprägt. Gleich in ihrem ersten Spieljahr setzten sich die Köpenicker mit 27,4 Jahren an die Spitze dieser Wertung. Zwei Jahre später waren sie erneut das älteste Team. Auch in dieser Saison ist es mit 26,9 Jahren kaum anders. Nur zwei weitere Teams sind derzeit älter. St. Pauli, der Gegner am Ostersonntag im Stadion An der Alten Försterei, ist mit 27,0 Jahren dabei, Mainz mit 27,6 Jahren. Wundern sollte das niemanden, schließlich heißt der Trainer der Rheinhessen seit Dezember Urs Fischer.

Obwohl Union-Coach Steffen Baumgart ein etwas größeres Faible für Talente zu haben scheint als der Schweizer, entwickelt es sich bei den Rot-Weißen dennoch nur Schritt für Schritt. Drei Jahre lang war Tim Maciejewski der jüngste jemals eingesetzte Union-Spieler. Im August 2023 jedoch kam Aljoscha Kemlein und löste Maciejewski ab. Während für Maciejewski nach einem Sieben-Minuten-Debüt einst gegen Bielefeld gleich wieder Schluss war, gibt Kemlein Anlass dazu, noch lange zu performen.

Inzwischen ist der Mittelfeldmann, was junge Spieler angeht, in Köpenick nicht mehr allein. Im Sommer 2024 kam Tom Rothe als damals 19-Jähriger hinzu, im vorigen Sommer Ilyas Ansah als 20-Jähriger. Beide starteten, als wollten sie neben dem Berliner Südosten auch die Bundesliga pulverisieren. Über Rothe sagte Präsident Dirk Zingler gar, er sei auf seiner linken Außenbahn der kommende deutsche Nationalspieler. Über Ansah staunte man aufgrund seiner vier Tore in den ersten vier Ligaspielen fast noch mehr.

Die erste Euphorie hat sich gelegt. Rothe hat, in erster Linie aufgrund einer Verletzung, erst 14 Saisonspiele absolviert. Das letzte über 90 Minuten datiert von August. Ebenso muss Ansah weit zurückblicken, um zu seinem letzten Einsatz über die volle Spielzeit zu kommen. Es war noch vor Weihnachten.

Alt und routiniert macht es allein nicht

Auch anderweitig zeigt sich das Dilemma. Während Kemlein in der deutschen U21-Auswahl gesetzt ist, hockte Rothe vorigen Freitag beim 3:0 in der EM-Qualifikation gegen Nordirland nur auf der Bank. Ansah war, nachdem er im Herbst dazugehörte, erst gar nicht eingeladen. Ein wenig jünger wird es durch sie beim 1. FC Union Berlin aber schon. Doch Christopher Trimmel, Frederik Rönnow, Rani Khedira und Janik Haberer, zusammen sind sie 135 (!), treiben den Schnitt noch immer nach oben. Alt und routiniert macht es allein nicht, jung und talentiert auch nicht. Der Mix ist entscheidend.

Zurück zu den Jungen, die schon als Grünschnäbel im Nationalteam standen. Ganz an die jüngsten DFB-Nationalspieler aller Zeiten kommen die jüngsten A-Auswahlspieler der DDR zwar nicht heran, aber es ähnelt sich auffallend. Hans Speth ist dort mit 18 Jahren und 112 Tagen der Jüngste, Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner war bei seinem Debüt 36 Tage älter, Joachim Streich 127 und Martin Hoffmann nur fünf Tage älter als der geniale Torjäger, mit dem er in Magdeburg gespielt hat. Ganz Große sind aber auch sie geworden.