Transferschluss am Montag

1. FC Union Berlin: Der Deadline Day wirft mal wieder seine Schatten voraus

Zu Jahresbeginn dürfen Vereine ihr spielendes Personal neu justieren. Was hat das dem 1. FC Union Berlin bislang gebracht?

Diogo Leite (l.) und Danilho Doekhi sind auch Ende Januar noch für den 1. FC Union Berlin am Ball.
Diogo Leite (l.) und Danilho Doekhi sind auch Ende Januar noch für den 1. FC Union Berlin am Ball.IMAGO/Matthias Koch

Eine solche Geschichte wie mit Michael Parensen wünscht man sich viel öfter. Niemand hätte sie seinerzeit besser inszenieren können. Sie gilt beim 1. FC Union Berlin als Paradebeispiel für einen Wechsel im Winter. In der offiziell so genannten Transferperiode zwei, in der die Vereine die Möglichkeit bekommen, ihre Spielerkader mitten in der Saison neu aufzustellen. Je nach Lage wird geholt und abgegeben, verliehen oder ausgeliehen. Jedenfalls kommt noch einmal Bewegung ins Personal. Und am Deadline Day, dem letzten Tag dieses Wechselfensters, der diesmal auf den kommenden Montag fällt, geht es erfahrungsgemäß noch einmal überaus hektisch zu. Nicht selten sollen auf Teufel komm raus vermeintliche Lücken geschlossen und insbesondere Spieler geholt werden, die dem Team sofort weiterhelfen können. So jedenfalls überall der Wunsch.

Weil dieser Wunsch allzu oft trügerisch endet, hat das Winter-Transferfenster nicht den besten Ruf. Häufig ist es eine zweite Chance für Nachzügler oder Lückenbüßer. Wahlweise wird versucht, Spieler, deren Vertrag im Sommer ausläuft und die nicht gewillt sind, diesen zu verlängern, für eine noch mögliche Ablöse abzugeben. Auch besteht manchmal die Absicht, eventuelle Ladenhüter auf elegante Art loszuwerden, und wenn es in eine tiefere Spielklasse ist. Andererseits gibt es die Hoffnung, dass Spieler, bei denen der Knoten partout nicht zu platzen gedenkt, anderswo durchstarten.

Abwertend heißt es, diese Phase sei ein Jahrmarkt der Sitzenbleiber. Denn wer gibt schon Leistungsträger ab, um damit einen potenziellen Gegner zu stärken. Eigentlich ein ziemlich irres Verhalten. Und doch hat es sich seit Jahren eingebürgert und gehört für Manager, Sportdirektoren und Scouts mittlerweile zur intensivsten Zeit der Saison. Für Horst Heldt, den Manager des 1. FC Union, verlief diese Phase lange erstaunlich ruhig. Allein Oluwaseun Ogbemudia wurde zu Drittligist Waldhof Mannheim ausgeliehen, verletzte sich dort aber bereits in seinem zweiten Spiel und droht für den Rest der Saison auszufallen. Auch der beabsichtigte Wechsel von Alex Kral zu Panathinaikos Athen geriet zuletzt ins Stocken.

Eine Rechnung mit mehreren Unbekannten

Andererseits ist die Häme über manche zweite Chance nur die halbe Wahrheit. Oft nämlich sitzen nicht die Vereine am längeren Hebel, sondern die Spieler. In den allermeisten Fällen sogar deren Berater, die ihrem Schützling das Beste versprechen, nicht zuletzt jedoch eigene Interessen verhandeln. Um dieses Dilemma macht kein Verein die Kurve. So plagt sich Union nicht erst seit diesen Tagen in Sachen Diogo Leite und Danilho Doekhi herum.

Sowohl beim Portugiesen als auch beim Niederländer laufen die Verträge aus. Bis Montag, wenn das Transferfenster für dieses Spieljahr geschlossen wird, gäbe es für das Verteidigerduo bei einem Abschied noch Geld. Danach: Pustekuchen. So ist es seit 30 Jahren im Bosman-Urteil, dem meistzitierten Urteil, das der Europäische Gerichtshof (EuGH) jemals erließ, verbrieft. Dirk Zingler nimmt es dennoch ziemlich gelassen. Zwei Seelen wohnen in des Präsidenten Brust, weil es auch eine andere Seite der Medaille gibt: „Reißen wir die Abwehr auseinander, könnten wir unseren guten Tabellenplatz verlieren und mit ihm etliches Geld aus den Fernsehverträgen.“ Es bleibt eine Rechnung mit mehreren Unbekannten.

Doch zurück zu Michael Parensen. Der Januar 2009 war ähnlich unwirtlich wie der jetzige. Vor allem für einen 22-Jährigen, der zuvor für die Amateure von Borussia Dortmund und die des 1. FC Köln gespielt hatte und neu in der Stadt war. Am liebsten, hat er mal verraten, hätte er auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre dorthin zurückgefahren, woher er gekommen war. „Mein erster Vertrag hatte eine Laufzeit von 18 Monaten, und schon nach den ersten beiden Tagen war für mich klar: Länger machst du hier nicht.“ Der erste Eindruck von der Stadt hatte eine ebenso spezielle Seite: „Berlin ist anstrengend und nervt.“ Ganz zu schweigen vom ersten Test nur zwei Tage nach der Ankunft. Gegner: Germania Schöneiche. Platz: knochenhart gefroren. Spielsystem: völlig neu. Eigene Leistung: äußerst durchwachsen. Ergebnis: 1:2. Fazit: „Womöglich ist es am Ende der Saison schon vorbei mit meinem Berlin-Abenteuer. In dieser Stadt und in dieser Mannschaft, das halte ich länger nicht aus.“

Kaum da, wollte er schon wieder weg: Der damalige Union-Neuzugang Michael Parensen (r.) mit Trainer Uwe Neuhaus.
Kaum da, wollte er schon wieder weg: Der damalige Union-Neuzugang Michael Parensen (r.) mit Trainer Uwe Neuhaus.imago sportfotodienst

Nur lag der 1. FC Union damals in der ein halbes Jahr zuvor gegründeten 3. Liga zwei Punkte hinter dem SC Paderborn auf Tabellenrang zwei und damit auf einem Aufstiegsplatz zur 2. Bundesliga. Das weckte dann doch Interesse. Auch hatte Parensen mit Uwe Neuhaus einen Trainer, den er bereits kannte und der auf ihn baute. So begann eine Erfolgsgeschichte, die ihn als Spieler bis in die Bundesliga brachte. Ende gut, alles gut.

Nach Parensen gab und gibt es etliche Spieler, die wie er im Januar nach Köpenick kamen. Ein derartiges Happy End wie bei ihm ist selten, fast einmalig. Ähnlich, wenn auch nicht so ausdauernd, brachte es Marvin Friedrich, am 27. Januar 2018 gekommen, auf die Reihe: Stammspieler; Aufstiegsheld, der im Relegationshinspiel in Stuttgart beim 2:2 einen Treffer erzielte; in all den Jahren im Team von Trainer Urs Fischer nahezu unverzichtbar. Nur bekam er in einem anderen Januar, 2022 dann, wiederum anderweitig die Kurve: Sein Weg führte ihn zu Borussia Mönchengladbach.

Insgesamt schlugen sich die Januar-Zugänge des 1. FC Union seit dem Aufstieg in die Bundesliga mal so, mal so. Es ist fast ein Ebenbild jener Spieler, die im Sommer in den Berliner Südosten gewechselt sind. Sven Michel hat in der Liga, im DFB-Pokal und zweimal sogar in der Europa League getroffen. Andras Schäfer, wie Michel 2022 gekommen, ist noch immer da, auch wenn er zwischen Startelf und Ersatzbank pendelt. Vom Trio Jerome Rousillon, Aissa Laidouni und Josip Juranovic, die ein Jahr später ihre Zelte in Köpenick aufschlugen und in Europas Königsklasse zum Einsatz kamen, hält der Kroate noch zur Stange.

Dafür ließ der Januar-Jahrgang 2024 schnell Federn. Chris Bedia, der bullige Angreifer, kam nie richtig an und absolvierte lediglich sieben Spiele. Yorbe Vertessen hatte gleichfalls das Versprechen auf mehrere Jahre im Gepäck. Zu wenig ist jedoch passiert. Dass auch für Kevin Vogt bald wieder Schluss sein sollte, kam hingegen überraschend und ein wenig holterdipolter. Der erfahrene Defensivmann, der den zunächst überzeugenden, später aber schwächelnden Robin Knoche ersetzte, kam selbst ins sportliche Hintertreffen, weil Leopold Querfeld ihm den Rang ablief.

Ljubicic traf mit dem ersten Kontakt, viel mehr kam nicht

Eine völlig andere Geschichte wiederum ist die von Marin Ljubicic. Vor einem Jahr als Senkrechtstarter gekommen, markierte er bei seinem Punktspieldebüt, dem 4:0 in Hoffenheim (dort sind die Eisernen auch an diesem Sonnabend, 15.30 Uhr, zu Gast) mit seinem ersten Ballkontakt gleich einen Treffer. Das ließ die Hoffnungen maßlos in die Höhe schießen. Das Ergebnis war lange Zeit eine einzige Enttäuschung. Nachdem der Kroate im Herbst nicht mehr zum Spieltagskader gehört hatte, tauchte er erst in den vergangenen zwei, drei Wochen aus der Versenkung auf. Seine Tore beim 2:2 gegen Mainz und beim 1:1 in Augsburg werteten manche nicht so sehr als Statement für den 1. FC Union, eher als eine Bewerbung für einen anderen Verein. Zweitliga-Spitzenreiter FC Schalke 04 soll trotz der Verpflichtung von Altstar Edin Dzeko immer noch interessiert sein.

Was in die eine Richtung geht, geht natürlich auch in die andere. Nicht immer, aber doch einige Male war der 1. FC Union Nutznießer seiner Januar-Zugänge. Noch mehr aber hat er unter seinen Januar-Abgängen gelitten. Neben Marvin Friedrich hinterließ 2022 auch Max Kruse (damals nach Wolfsburg) eine Lücke. Über Nacht war der Ex-Nationalspieler, der oft in der Lage war, den Unterschied zu machen und der neben seiner Leichtigkeit ebenso Klasse verkörperte, verschwunden. Letztlich aber verkraftete das Team es ähnlich gut wie den Weggang von Julian Ryerson. In den ersten Tagen 2023 wechselte der Norweger zu Borussia Dortmund. Beim BVB gehörte er erst vor einer Woche bei dessen 3:0-Sieg im Stadion An der Alten Försterei zu den Besten seines Teams. Dass der deutlich größere Aderlass im Januar 2024 andere Gründe hatte, nämlich den K.o. in der Champions League, war ein wenig auch hausgemacht. Mit Sheraldo Becker, Kevin Behrens, Leonardo Bonucci und David Datro Fofana fiel er dennoch gravierend aus. Ein kleines Trostpflaster mag sein, dass er ganz eng mit dem größten Abenteuer der Klubhistorie verknüpft ist und die Saison trotzdem einen glücklichen Ausgang nahm.

Am Ende noch einmal zu Michael Parensen. Seit zwei Wochen gehört er, längst der „ewige Micha“, zur Legenden-Elf, die von den Anhängern anlässlich des 60. Gründungstages des 1. FC Union gewählt wurde. Es kommt zwar nicht gar zu häufig vor, aber sein Beispiel zeigt: Mit viel Fleiß, Talent und Ausdauer und ein wenig Glück kann ein vermeintlicher Sitzenbleiber doch noch den Aufstieg zum Klassenprimus schaffen.