Bundesparteitag

Merz beschwört Adenauer und die CDU sich selbst – Stuttgart als Bühne der neuen alten Union

Zwischen Pathos, Personal und Machtanspruch zeigt sich in Stuttgart eine Partei, die wieder führen will – und zugleich ihre eigenen Widersprüche spürt.

Standing Ovations gab es für Friedrich Merz sowohl nach seiner Rede, als auch einige Stunden nach seiner erneuten Wahl zum Vorsitzenden.
Standing Ovations gab es für Friedrich Merz sowohl nach seiner Rede, als auch einige Stunden nach seiner erneuten Wahl zum Vorsitzenden.Harald Melzer

Stuttgart an diesem Wochenende: Wer den 38. Bundesparteitag der CDU betritt, fühlt sich ein wenig wie auf einer Zeitreise. Der Name Konrad Adenauer fällt so häufig, als säße der erste Kanzler gleich nebenan im Saal. Der Parteitag wirkt stellenweise wie eine Inszenierung der eigenen Vergangenheit – und zugleich wie der Versuch, daraus neue Stärke zu ziehen.

Die Union, wieder in Regierungsverantwortung, will zeigen, dass sie zurück ist. Und sie will vor allem eines ausstrahlen: Geschlossenheit.

Die Führung hat alles dafür vorbereitet. Alle noch lebenden Parteivorsitzenden sind angereist, die Reihen sind geschlossen, der Applaus sitzt. Generalsekretär Carsten Linnemann beschwört immer wieder dieses Bild der Einheit – eine Volkspartei, die aus ihren Flügeln wieder ein Ganzes formt.

Eine Partei, die wieder an sich glaubt

Und die Botschaft geht noch weiter: Die CDU wächst wieder. Philipp Amthor verkündet in Stuttgart, die Partei sei erneut die mitgliederstärkste in Deutschland, mit rund 357.000 Mitgliedern und zehntausenden Neueintritten. Das ist mehr als eine Zahl – es ist eine politische Erzählung: Die CDU lebt, und sie will wieder dominieren.

Die Delegierten greifen diese Erzählung bereitwillig auf. Die Stimmung im Saal ist selbstbewusst, teilweise euphorisch – nicht zuletzt, weil in wenigen Wochen wichtige Landtagswahlen anstehen. Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sollen zurückerobert werden. Der Parteitag dient als Rampe für diesen Wahlkampf.

Ein Hauch von Parteigeschichte

Der Parteitag ist nicht nur Aufbruch, sondern auch Rückblick. In Stuttgart wird Reiner Haseloff verabschiedet, 15 Jahre Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, eine der prägenden Figuren des ostdeutschen Konservatismus, wie Friedrich Merz in seiner Laudatio sagt. Die Würdigung fällt entsprechend aus: viel Dank, viel Pathos, viel Heimatstolz. Haseloff wird als „Landesvater“ beschrieben, verwurzelt, standhaft, jemand, der sein Bundesland durch schwierige Jahre geführt hat – und der die CDU im Osten verkörpert wie kaum ein anderer.

Friedrich Merz und Sven Schulze danken Rainer Haseloff für seine 15 Jahre als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.
Friedrich Merz und Sven Schulze danken Rainer Haseloff für seine 15 Jahre als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.Harald Melzer

Ein paar Meter weiter, in der Ausstellungshalle, wird diese Rückschau fast beiläufig fortgesetzt. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer steht im Gespräch mit Annegret Kramp-Karrenbauer, die seit dem 1. Januar Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung ist.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer spricht mit der neuen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer Stiftung,  Annegret Kramp-Karrenbauer über Konrad Adenauer.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer spricht mit der neuen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer Stiftung, Annegret Kramp-Karrenbauer über Konrad Adenauer.Harald Melzer

Thema: Konrad Adenauer. Auch hier geht es um Tradition, um die Frage, was von der Gründungsphase der Republik heute noch trägt. Der Parteitag wirkt in solchen Szenen wie ein politisches Klassentreffen – nur dass es um die Zukunft geht.

Friedrich Merz und die Rückkehr der großen Erzählung

Im Zentrum steht Friedrich Merz. Kanzler und Parteivorsitzender in Personalunion – eine Konstellation, die es so lange nicht gab. Seine Rede ist programmatisch und pathetisch zugleich: Deutschland müsse „zur Höchstform auflaufen“, die CDU sei die Partei, die das Land durch eine neue, unsichere Welt führen könne.

Merz knüpft bewusst an die alten Linien an – Adenauer, Erhard, Kohl. Es ist die Rückkehr einer großen Erzählung: wirtschaftliche Stärke, klare Ordnung, westliche Verankerung. Gleichzeitig geht es um eine neue Weltlage, um Machtpolitik, um Sicherheit, um technologische Souveränität. Die CDU will beides verbinden – Tradition und Gegenwart.

Klare Kante nach rechts, auch in Ostdeutschland

Besonders deutlich werden der Parteivorsitzende und sein Generalsekretär bei einem Thema: der AfD. Die CDU will sie „inhaltlich stellen“, wie es mehrfach heißt – aber politisch bleibt die Grenze unmissverständlich. Zusammenarbeit? Ausgeschlossen. Die AfD sei eine Partei des Pessimismus, die vom Niedergang des Landes lebe.

Diese Linie wird im Saal breit getragen – auch von Delegierten aus ostdeutschen Verbänden, wo der Druck besonders groß ist. Es ist der Versuch, Härte zu zeigen, ohne die eigene Mitte zu verlieren. Das wird besonders bei der Rede von Sven Schulze, dem neuen Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Er betont: „Sachsen-Anhalt wird nicht zum Eperimentierfeld“. Es gebe weder eine Zusammenarbeit mit der AfD, noch mit der Linken.

Politik am Rand – und im Detail

Was den Parteitag für viele wirklich interessant macht, passiert nicht auf der Bühne, sondern in den Gängen. Karina Dörk, Landrätin der Uckermark und Mitglied des CDU-Landesvorstands Brandenburg, nutzt die Tage in Stuttgart gezielt für Gespräche.

Die Brandenburger CDU nutzt den Bundesparteitag um auch Gespräche im Hintergrund zu führen: Karina Dörk, Dr. Jan Redmann, Nicole Walter-Mundt und  Knut Abraham.
Die Brandenburger CDU nutzt den Bundesparteitag um auch Gespräche im Hintergrund zu führen: Karina Dörk, Dr. Jan Redmann, Nicole Walter-Mundt und Knut Abraham.Harald Melzer

Mit Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder spricht sie über die Lage der Fahrschulen im ländlichen Raum – ein Thema, das in strukturschwachen Regionen schnell existenziell wird, seit der Bund einfachere und günstigere Führerscheinmodelle angekündigt hat. Dörk will verhindern, dass kleine Fahrschulen dadurch unter Druck geraten, wie sie im Gespräch mit der Berliner Zeitung erzählt.

Mit Gitta Connemann, Chefin der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, diskutiert sie über die Perspektiven kleiner und mittlerer Betriebe im Osten – steigende Energiepreise, Fachkräftemangel, Bürokratie. Und natürlich geht es immer wieder um den größten industriellen Anker ihrer Region: die PCK-Raffinerie in Schwedt, deren Zukunft seit dem Ende russischer Ölimporte unsicher ist. Dörk nutzt den Parteitag, um Bundespolitiker für einen Besuch in die Uckermark einzuladen – und damit den Druck hochzuhalten.

Dass sie politisch in schwierigen Verhältnissen agiert, verschweigt sie nicht. Die AfD ist im Landkreis stark und strebt mit dem Brandenburger AfD-Landtagsabgeordneten Felix Teichner nach dem Posten des Landrats.  Doch Dörk hat es in der Vergangenheit immer wieder geschafft, im Kreistag über Parteigrenzen hinweg Mehrheiten zu organisieren – zuletzt, um das von Schließung bedrohte Kreiskrankenhaus in Prenzlau zu sichern. Ihre Haltung, auch in der Bundespolitik: Mit Sacharbeit und der Lösung der Probleme die Menschen überzeugen.

Reformrhetorik und alte Konflikte

Inhaltlich setzt die Parteiführung auf einen bekannten Dreiklang: Wirtschaft stärken, Sozialstaat reformieren, Sicherheit erhöhen. Weniger Bürokratie, mehr Leistung, mehr Eigenverantwortung. Und vor allem: keine neuen Schulden, keine neuen Steuern.

Doch hinter den Kulissen ist zu spüren, dass diese Linie nicht überall widerspruchsfrei ist. Es gibt Debatten – über Sozialpolitik, über die Schuldenbremse, über den richtigen Kurs in der Wirtschaft. Der Wille zum Erfolg deckt das dieses Mal aber  zu.

Zwischen Pathos und Ironie

Und dann ist da noch die feine Ironie, die über diesem Parteitag liegt. Wenn die Bundesschatzmeisterin den finanziellen Überschuss und die Bedeutung von Spenden als „gelebte Demokratie“ preist, erinnern sich manche im Saal an alte Zeiten – und daran, dass die CDU ihre eigene Geschichte mit Geld und Macht nicht immer ganz sauber geschrieben hat.

Ein Parteitag im Spiegel seiner Widersprüche

Am Ende bleibt nach dem ersten Tag ein Parteitag voller Selbstbewusstsein – aber auch voller Erwartungen.  Friedrich Merz wird mit 91,17 als Parteivorsitzender im Amt bestätigt. Die CDU inszeniert sich als Partei der Zuversicht, als Kraft der Mitte, als Garant von Stabilität.

Doch die Herausforderungen sind groß: eine verunsicherte Gesellschaft, eine schwächelnde Wirtschaft, eine erstarkte politische Konkurrenz. Der Parteitag zeigt eine Partei, die daran glaubt, diese Herausforderungen bewältigen zu können.