Menschen sind unrealistisch optimistisch, was ihre Chancen für einen sozialen Aufstieg angeht. Je größer die Ungleichheit in einer Gesellschaft, desto größer ist auch der Optimismus. Das ist das Ergebnis einer Studie von Julia Baumann und Yiming Liu. Beide arbeiten am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin, und sind selbst überrascht. Denn dieser Optimismus führt dazu, dass diese Menschen Umverteilung nicht unterstützen und damit Ungleichheit stabilisieren.
Frau Baumann, warum bleibt Ungleichheit in demokratischen Gesellschaften bestehen? Was haben Sie in Ihrer Studie dazu herausgefunden?
JULIA BAUMANN: Diese Frage war unser Ausgangspunkt. Es gibt offensichtlich ein hohes Maß an Ungleichheit in vielen Gesellschaften, doch die Forderung nach Umverteilung scheint nicht immer damit übereinzustimmen. Deshalb wollten wir die Beziehung zwischen Ungleichheit und den Umverteilungspräferenzen der Menschen untersuchen. Wir haben herausgefunden, dass Ungleichheit tatsächlich einen selbstverstärkenden Effekt haben kann.
Wie funktioniert das?
BAUMANN: Ungleichheit an sich beeinflusst die Forderung der Menschen nach Umverteilung. Denn sie verändert, wie Menschen über ihre eigene Zukunft denken. Wenn die Kluft zwischen Arm und Reich sehr groß ist, ist auch der psychologische Anreiz groß, zu glauben, dass man es an die Spitze der Gesellschaft schaffen kann. Das kann dazu führen, dass die Leute denken, sie würden es irgendwann an die Spitze der Einkommensverteilung schaffen. Das wiederum wirkt sich auf interessante Weise auf ihre Einstellung zu Umverteilung aus. Sie unterstützen Umverteilung eher nicht, obwohl sie in der Gegenwart davon profitieren würden. Das haben wir in unserer Studie herausgefunden.


Hat Sie das nicht überrascht? Traditionelle Wirtschaftstheorien gehen von einem Mechanismus der Selbstkorrektur aus: Wenn Ungleichheit steigt, wird der durchschnittliche Wähler ärmer und stimmt folglich für mehr Umverteilung.
YIMING LIU: Es ist wirklich überraschend, auch für uns. Denn die unteren 50 Prozent haben ja durch Umverteilung etwas zu gewinnen, sollten sich also dafür einsetzen. Aber so einfach ist das offenbar nicht. In Europa gibt es zum Beispiel weniger Ungleichheit als in den USA, und trotzdem gibt es in Europa mehr Umverteilung. Es ist einfach nicht so, wie es die Wirtschaftstheoretiker vorhergesagt haben.
Über Deutschland heißt es, das Land sei keine Leistungsgesellschaft mehr, sondern eine Erbengesellschaft; dadurch wachse die Vermögensungleichheit. Es wird über eine Erhöhung der Erbschaftssteuer diskutiert sowie über die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, beides Instrumente der Umverteilung. Aber es gibt auch großen Widerstand dagegen. Vielleicht bieten die Ergebnisse Ihrer Studie eine Erklärung dafür?
BAUMANN: Das könnte sein. Vergangenen Herbst hat zum Beispiel in der Schweiz ein Referendum zur steuerlichen Entlastung von Wohneigentümern stattgefunden. 58 Prozent haben dafür gestimmt, obwohl nur etwa 40 Prozent Wohneigentümer sind.
Widersprechen die Ergebnisse Ihrer Studie nicht auch Karl Marx, der sagte, wenn die Unzufriedenheit und Ungleichheit ein gewisses Maß erreicht hätten, würden die Menschen eine Revolution machen?
BAUMANN: Man kann unsere Ergebnisse schon aus dieser Perspektive sehen. Karl Marx hat im Grunde gesagt, dass ein hohes Maß an Einkommens- und Vermögensungleichheit zu Forderungen nach Umverteilung führen würde, auch wenn er natürlich an radikalere Veränderungen dachte, als es in unserem Kontext gemeint ist. Unsere Ergebnisse könnten dazu beitragen, zu erklären, warum Marx’ Vorhersagen nicht eingetreten sind: Menschen sehen ihren Status nicht als festgelegt an, sondern haben die Hoffnung, es an die Spitze schaffen zu können. Dadurch identifizieren sie sich möglicherweise auch mit der Klasse, von der sie denken, dass sie ihr in der Zukunft angehören werden. Marx hat im Grunde sogar an so etwas gedacht und es machte ihm Sorgen. Er sprach davon, dass die Arbeiterklasse von den Vorstellungen der Kapitalisten überzeugt werden könnte. Aber im Gegensatz zu Marx gehen wir nicht davon aus, dass die „herrschende Klasse“ das „Proletariat“ beeinflusst. Es ist stattdessen ein psychologischer Mechanismus am Werk.

Motivierte Selbstüberschätzung
Sie haben einen Begriff dafür geprägt: motivierte Selbstüberschätzung. Mir erscheint diese Selbstüberschätzung ja eher unmotiviert. Können Sie erklären, was Sie mit „motiviert“ meinen?
LIU: Es gibt ein psychologisches Motiv, deshalb sprechen wir von motivierter Selbstüberschätzung.
Was ist das psychologische Motiv?
LIU: Stellen Sie sich zwei unterschiedliche Gesellschaften vor. In der einen besitzt der Reichste einen Wert von 101 und der Ärmste besitzt 99. Der Unterschied in den Besitzverhältnissen ist also zu vernachlässigen. Aber in der anderen Gesellschaft besitzt der Reichste 200 und der Ärmste 0. Man kann sich doch vorstellen, dass in einer solchen Welt jeder wie der Reichste sein möchte, gerade weil der Unterschied so groß ist. Denn diese Vorstellung bietet Trost und Hoffnung, man profitiert also insofern von ihr. Und Menschen sind wirklich gut darin, sich davon zu überzeugen, woran sie glauben wollen. Deshalb sprechen wir von motivierter Selbstüberschätzung.
Die Motivation ist also das gute Gefühl, das einem die Vorstellung gibt?
LIU: Genau.
Aber das ist irrational. Man müsste doch wissen, dass das nicht passieren wird, oder?
LIU: Deshalb sind wir ja selbst überrascht von unserem Studienergebnis. Nicht jeder kann Elon Musk sein, das wird einfach nicht passieren. Aber unsere Testergebnisse sagen, dass Menschen dazu neigen, daran zu glauben.
Sie haben sich die Daten aus verschiedenen Ländern angeschaut. Welche Länder sind das?
BAUMANN: Natürlich mussten wir die aus unserem Experiment gewonnenen Erkenntnisse mit einer realen Welt abgleichen. Wir haben Daten aus dem International Social Survey Programme benutzt, einem internationalen Umfrageprogramm. Wir haben die Daten aus 27 Ländern miteinander verglichen und herausgefunden, dass Ungleichheit einen Einfluss darauf hat, wie Menschen ihre Aufstiegschancen einschätzen. Bürger in Gesellschaften mit mehr Ungleichheit sind da wesentlich optimistischer. In Deutschland, wo die Ungleichheit moderat ist, haben die Menschen keine außerordentlichen Aufstiegserwartungen. In den USA, wo die Ungleichheit höher ist, sind auch die Aufstiegserwartungen größer. Das gilt auch für eine ungleiche Gesellschaft wie etwa Chile.
Während die Great-Gatsby-Kurve etwas ganz anderes zeigt, oder?
BAUMANN: Sie zeigt, dass in Ländern mit großer Ungleichheit die soziale Mobilität geringer ist. Gemessen wird dies daran, wie sich das Einkommen der Eltern auf das der Kinder auswirkt. Aber was die Erwartungen angeht, verhält es sich gegenteilig. Offenbar orientieren sich die Menschen weniger an der Realität, als man denken würde.
Haben Sie Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen festgestellt oder machen Bildungsgrad oder sozialer Status einen Unterschied?
BAUMANN: Im Experiment haben diese Unterschiede praktisch keine Auswirkung gehabt. Als wir die Länderdaten analysiert haben, haben wir festgestellt, dass die Erfahrung von Ungleichheit in den prägenden Jahren, also zwischen 18, 19 und den frühen Zwanzigern, wenn die Menschen ihre Glaubenssätze über die Gesellschaft bilden, einen interessanten Unterschied macht. Wer in dieser Zeit starke Ungleichheitserfahrungen gemacht hat, glaubt auch Jahre später noch an die Möglichkeit seines sozialen Aufstiegs.
Ich frage mich, was eine Partei wie die Linke zu Ihren Studienergebnissen sagen würde.
LIU: Ich finde es auch erstaunlich, dass die Menschen, die am meisten von Umverteilung profitieren würden, vielfach nicht dafür sind. Es sind eher die Gebildeten oder auch Studenten, die einen wohlhabenden Hintergrund haben, die die Umverteilung unterstützen. Ärmere dagegen denken, dass ihnen ein Wohlfahrtsstaat in der Zukunft schaden könnte. In der zweiten Phase unseres Experiments gaben wir den Studienteilnehmern die Möglichkeit, den Grad der Ungleichheit in ihrer Gesellschaft auszuwählen. Wir forderten sie dann auf, einen Wert von 100 zu verteilen, und je höher der Grad der Ungleichheit war, den sie ihrer Gesellschaft zugewiesen hatten, desto mehr gaben sie den Reichen. Und der Survey ergab das Gleiche. Da wurden die Menschen direkt gefragt, wie viel die Reichen abgeben sollen. Und je größer die eigenen Zukunftserwartungen waren, desto weniger war es.

Das Glücksgefühl steigt, wenn man große Zukunftserwartungen hat
Stellt das die Politik nicht vor ein Dilemma? Wenn sie die Menschen auf den Boden der Tatsachen zurückholt, zerstört sie das gute Gefühl, das zwar auf falschen Annahmen beruht, aber angenehm ist.
LIU: Das stimmt. Wenn man sich die Daten aus den USA anschaut, steigt das Glücksgefühl, wenn man große Zukunftserwartungen hat, vor allem wenn man am unteren Ende der Einkommens- oder Vermögensskala ist. Und das stellt die Politik wirklich vor ein Dilemma. Soll sie den Menschen sagen, dass sie ihren sozialen Status nicht ändern können, sondern dass der vor allem davon abhängt, in welche Familie sie hineingeboren werden? Damit zerstört man Hoffnung.
BAUMANN: Wir rufen nicht dazu auf, etwas schönzureden, aber es ist tatsächlich schwer, Menschen von ihren Hoffnungen abzubringen. Das haben wir während des Experiments bemerkt, als wir die Menschen mit realistischen Daten versorgt haben, sie ihre Aussichten aber trotzdem überschätzten. Sie haben uns nicht geglaubt.


