Debatte

Stefan Gosepath: Es gibt eine Rechtfertigung für Ungleichheit in der Marktwirtschaft

Doch indem man alles seinen Kindern vererben will, verrät man das Prinzip der Chancengleichheit. Wie man das ändern könnte, erklärt der Berliner Philosoph Stefan Gosepath.

Der Berliner Philosoph Stefan Gosepath
Der Berliner Philosoph Stefan GosepathMarkus Wächter/Berliner Zeitung

Der Berliner Philosoph Stefan Gosepath setzt sich seit Jahren mit dem Thema Gerechtigkeit auseinander; derzeit arbeitet er an einem Buch, das sich mit der Frage beschäftigt, ob Erben eigentlich gerecht ist – für die Generation der Babyboomer in Westdeutschland besonders relevant. Wir sprachen per Videocall miteinander.

Wo kommt eigentlich das menschliche Bedürfnis nach Gerechtigkeit her? Es ist nicht nur ein christlicher Wert, oder?

Überhaupt nicht. Es ist eine anthropologische Konstante, menschentypisch, eine allgemein menschliche Verpflichtung, die transkulturell wirkt. Man sieht es schon bei kleinen Kindern. „Das ist aber unfair“, heißt es, wenn einem ein Spielzeug weggenommen wird. Dahinter steht anders als etwa hinter einer Spende eine Forderung. Gleichzeitig streiten wir uns darüber, was gerecht ist, sodass man den Eindruck bekommen könnte, Gerechtigkeit sei etwas Subjektives. Der eine sieht es so, der andere so. Aber wenn es so wäre, müssten wir uns nicht darüber streiten, so wie wir uns nicht über Geschmack zu streiten brauchen. Sobald man jedoch sagt, dass es ungerecht ist, dass soundso viele Menschen in Armut leben, kann man dem entweder zustimmen oder nicht. Man kann darüber streiten, was es heißt, in dieser Situation gerecht oder ungerecht zu sein. Wir streiten uns also nicht über den Gerechtigkeitsbegriff, sondern darüber, was er in dieser Situation erfordert.

Berliner Zeitung

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