In Amsterdam gerät ein einst gefeiertes Wohnprojekt für die gemeinsame Unterbringung von Migranten und Studenten massiv in die Kritik. Das Modell sollte seit seiner Eröffnung 2018 gleich zwei Probleme lösen: Wohnraumknappheit minimieren und Integration fördern. Im Gebäudekomplex im Stadtteil Watergraafsmeer lebten dafür 125 Asylbewerber Tür an Tür mit 125 niederländischen Studenten.
Doch Anspruch und Realität liegt weit auseinander: Das niederländische Investigativmagazin „Zembla“ berichtet von schweren Vorwürfen, die ehemalige Bewohner erheben: sexuelle Belästigung, Stalking, Gewalt, Drogenhandel, Schlägereien, bis hin zu Vergewaltigungen.
Hinweise wurden ignoriert – auch von der Polizei
Einzelne Studenten schildern ein Klima der Angst in Fluren und Gemeinschaftsräumen. Eine Bewohnerin berichtet von wiederkehrenden aggressiven Auseinandersetzungen, ein anderer Student soll sogar mit einem Küchenmesser bedroht worden sein.
Besonders schwer wiegt ein Fall, der nach Angaben der Recherche bereits 2019 bekannt gewesen sein soll. Eine Studentin habe einen Bewohner in dessen Zimmer begleitet, um gemeinsam einen Film zu schauen. Der Mann habe sie dort vergewaltigt. Sie sei damals zur Polizei gegangen, doch Behörden hätten zunächst keine Konsequenzen gezogen. Erst Jahre später, als sich Hinweise auf weitere Übergriffe verdichteten, sei der Mann festgenommen worden.
2024 sei er schließlich in zwei Fällen wegen Vergewaltigung zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Ehemalige studentische Bewohner werfen den Verantwortlichen vor, Hinweise ignoriert und nicht konsequent eingegriffen zu haben.
Auch der Umgang mit den Vorfällen sorgt politisch für Kritik. Aus dem Amsterdamer Bezirk heißt es, ein Ausschluss mutmaßlicher Täter sei oft schwierig – rechtlich fehle es häufig an ausreichenden Beweisen. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, ob die Behörden das Projekt trotz wachsender Probleme weiterlaufen lassen, weil unklar sei, wohin alle Bewohner sonst umziehen könnten.
Die Stadt Amsterdam hält am Projekt fest
Die Betreiberfirma des Wohnkomplexes soll zeitweise selbst davon ausgegangen sein, dass es zu einer Gruppenvergewaltigung im Gebäude gekommen sein könnte. Die Polizei widerspricht dem jedoch und erklärte gegenüber der Zeitung De Telegraaf, ihr seien keine Gruppenvergewaltigungen auf dem Gelände bekannt. Registriert worden seien allerdings insgesamt sieben Fälle sexueller Übergriffe.


